In der deutschen IT-Branche sind 16 500 Stellen unbesetzt. Insbesondere weibliche Fachkräfte zieht es nur selten in diesen Bereich. Die Branche sieht sich vor einem Image-Problem und fordert Änderungen im Bildungssystem.

Hannover (dpa). "Fachkräftemangel" ist das seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholte Schlagwort in der IT-Branche. "Die Unternehmen sind in den vergangenen Jahren mit vielen sehr guten Fachkräften verwöhnt worden", sagt der Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Karl Brenke. Nun werde laut geklagt, wenn nicht sofort der 100-prozentig passende Kandidat auf dem Arbeitsmarkt zu finden sei.

Unternehmen wie der Dortmunder IT-Dienstleister Materna oder die Ferchau Engineering aus Gummersbach geben dem Experten sogar Recht. "Wir müssen aber auch wenigstens ein klein bisschen besser sein als unsere Kunden, sonst bräuchten sie unsere Lösungen nicht", sagt Alexandra Knupe, Leiterin Marketing und Kommunikation von Materna. Deshalb sei man anspruchsvoll. Den Widerspruch zwischen dem Wunsch nach erfahrenen Mitarbeitern und gleichzeitig der Klage nach fehlendem Nachwuchs in der Branche kann sie nicht von der Hand weisen. Materna nehme im August immerhin wieder 20 Auszubildende auf und arbeite eng mit Hochschulen zusammen, um Studenten Einblicke in das Unternehmen zu ermöglichen.

Während die Fachwelt auf der Computermesse CeBIT in Hannover (bis 5. März) über Cloud Computing und IT-Sicherheit diskutiert, beschäftigt den Verein Deutscher Ingenieure (VDI) vor allem eines: Jedes fünfte Unternehmen denkt laut Umfrage aufgrund des Fachkräftemangels über die Verlagerung einzelner Bereiche ins Ausland nach. Dies sei eine besorgniserregende Entwicklung, sagt Dieter Westerkamp, stellvertretender Leiter Technik und Wissenschaft beim VDI.

Trotz steigender Studentenzahlen im Informatik-Bereich fehlten in Deutschland rund 16 500 IT-Spezialisten. Die Branche habe vor allem ein Image-Problem, erläutert der VDI-Experte. "Das Vorurteil des Pizza essenden Nerds, der mit Hornbrille im Keller vor seinem PC sitzt, gibt es leider immer noch", sagt auch Markus Präßl, Sales Director von Ferchau Engineering. Materna sieht sich selbst in der Pflicht, das angestaubte Image des Informatikers zu verbessern. "Ein Informatiker sitzt nicht nur im stillen Kämmerlein und programmiert", sagt Alexandra Knupe.

Der IT-Profi von heute müsse ganz im Gegenteil kommunikativ sein und auf Kunden zugehen können. Dieter Westerkamp fordert Schulen und Hochschulen auf, technische Fächer bereits Kindern näherzubringen und die Lehrpläne entsprechend anzupassen.

In den vergangenen Jahren stiegen die Absolventenzahlen im Fach Informatik nach Angaben des DIW kontinuierlich: Im Jahr 2009 hätten knapp 19 000 Studenten ihr Studium abgeschlossen – das waren 800 mehr als 2008. Angesichts dieser positiven Entwicklung bestehe kein Grund zu Nachwuchssorgen, sagt Arbeits- marktexperte Karl Brenke. "Problematisch ist, dass die von den Universitäten und Fachhochschulen nachrückenden Absolventen nicht ausreichen, um den Bedarf in der wachsenden Branche zu decken", erklärt Dieter Westerkamp.

In einem sind sich alle einig: Die IT-Branche braucht mehr Frauen. "Wir bedauern, dass wir bisher so wenige Frauen anziehen", sagt August-Wilhelm Scheer, Präsident des Branchenverbands Bitkom. Allerdings trage die Politik eine Mitverantwortung daran, dass sich nach wie vor zu wenig Mädchen und junge Frauen für eine Karriere in der Computer- und Internetbranche entscheiden. "Wir müssen unser Bildungssystem noch stärker auf technische Berufe ausrichten", fordert er deshalb. Vielleicht ist es also das weibliche Geschlecht, das die Branche aus der Fachkräfte-Krise führen kann.