Der Umbau des größten deutschen Elektrokonzerns geht in eine neue Runde. Er betrifft auch eine der alten Konzernsparten. Schon seit den Zeiten von Ex-Siemens-Chef von Pierer gab es Überlegungen für einen Börsengang von Osram. Arbeitnehmer sehen den Schnitt als Wagnis.

München (dpa). Siemens-Chef Peter Löscher sägt heftig an den Wurzeln des deutschen Traditionsunternehmens. Mit dem für Herbst geplanten Börsengang der Lichttochter Osram trennt sich Siemens erneut von einer Geschäftssparte mit Privatkunden. Das passt ins Bild, haben sich die Münchner in den vergangenen Jahren doch zunehmend davon gelöst. Löscher sieht die Zukunft woanders. So richtet er ein neues Standbein für Großkunden wie die rasant wachsenden Millionenstädte ein. Es ist das vierte neben der Industrie, Energie und Gesundheit – allesamt auf große Unternehmen, Kliniken oder Geschäftskunden ausgerichtet. Züge, leistungsfähige Stromnetze und Gebäudetechnik sollen die Erlöse in den kommenden Jahren maßgeblich mehren und über die Marke von 100 Milliarden Euro treiben.

Wenn Osram in einem der wohl größten deutschen Börsengänge an den Aktienmarkt geht, dürfte nur noch das Geschäft mit Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen oder Toastern übrig bleiben, das unmittelbar die Verbraucher betrifft. Die Geräte produziert Siemens aber nicht mehr im eigenen Haus, sondern im Gemeinschaftsunternehmen mit Bosch.

Osram, 1905 in München gegründet, gehört seit 1919 zum Elektrokonzern und ist bislang im Konzern eine feste Größe und obendrein profitabel. Diese Geschichte geht nun zu Ende, auch wenn Löscher betont, dass der Konzern ein langfristiger "Ankeraktionär" bleiben wolle. Als Siemens vor knapp fünf Jahren seine Telekomsparte auflöste, endete indes eine noch längere Tradition. Schließlich war das Unternehmen 1847 als "Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske" gegründet worden.

Den Rest des einst großen und starken Geschäftes mit Telekommunikation, die vor allem für schnurlose Haustelefone bekannte Gigaset, hatte Siemens 2008 an die Beteiligungsgesellschaft Arques verkauft. Das Handygeschäft schlug der Konzern bereits 2005 an die taiwanesische BenQ los – weniger als 16 Monate nach der Übernahme war das Unternehmen pleite. Die wütenden Proteste der Belegschaft an den Standorten München, Bocholt und Kampf-Lintfort sind noch vielen in Erinnerung. Bundesregierung und IG Metall forderten damals vom Vorbesitzer Siemens die Übernahme der Mitverantwortung für die rund 3000 Beschäftigten in Auffanggesellschaften. Der Siemens AG wurde die Zusage abgerungen, bis zu 180 Millionen Euro für die BenQ-Beschäftigten bereitzustellen.

Die zu späte Einführung neuer Produkte brach BenQ-Mobile das Genick und bedeutete auch das Ende für die Mobiltelefone mit dem Siemens-Emblem.

Schon im Umbau-Jahr 2007/08 (30. September) hatte Löscher, der nach dem Schmiergeldskandal antrat, um im Konzern aufzuräumen, dem Konzern ein neues Gesicht verpasst und sich dabei etwa vom Telefonanlagen-Hersteller SEN und zuletzt auch von der Beteiligung an Europas größtem Computerhersteller Fujitsu Siemens getrennt. Spätestens jetzt hat sich der einstmals unbekannte Österreicher im Konzern einen Namen gemacht und Respekt verschafft.

Immer wieder als Verkaufskandidat gehandelt wird auch die Hörgeräte-Sparte. Eine ewige Bestandsgarantie gibt es bei Siemens für kein Geschäft. Nach nun fast vier Jahren als Vorstandschef bei Siemens hat Peter Löscher verinnerlicht, dass die Veränderung die einzige Konstante bei einem Konzern dieser Größe ist. "Wir werden diese Anpassungen immer haben, das ist ein Kontinuum im Siemens-Konzern", sagt Löscher. Analyst Nick Webster von der britischen Barclays Bank formuliert es so: "Die längerfristigen Interessen von Siemens liegen außerhalb des Geschäfts mit Konsumenten." Der Umbau dürfe keinesfalls zu Lasten der Beschäftigten und Standorte gehen, fordert Gesamtbetriebsratschef Lothar Adler.