Portugal am Abgrund – doch das lässt die EZB nicht schwanken: Wie angekündigt haben Europas Währungshüter die Zinsen angehoben. Das ist Gift für hoch verschuldete Staaten, die Kredite schon jetzt teuer bezahlen müssen. Die steigende Inflation ließ der EZB keine andere Wahl.

Frankfurt/Main (dpa). Für Portugal kommt es knüppeldick: Wegen der Zinserhöhung der EZB muss der Bittsteller nun auch noch mit höheren Zinsen für Kredite rechnen. Die Währungshüter ließen sich am Tag nach dem Hilfsantrag aus Lissabon nicht von ihrem Kurs abbringen und leiteten nach fast genau zwei Jahren am Donnerstag die Zinswende ein. "Wir tun, was notwendig ist, auch wenn es schwierig ist, und nicht jedem gefällt", begründete der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, die Anhebung des Leitzinses von 1,0 auf 1,25 Prozent.

Dem Eindruck, die EZB treibe hoch verschuldeten Euro-Länder wie Portugal, Griechenland und Irland zusätzlich in die Enge, widersprach Trichet vehement: "Mit dem Zinsschritt helfen wir allen 17 Euro-Ländern. Wir schaffen Vertrauen in die Länder der Euro-Zone und in die Unternehmen." Das helfe gerade auch den Krisenstaaten.

Nachdem Feuerwehreinsätze von Notenbanken rund um den Globus in der Finanz- und Wirtschaftskrise fast an der Tagesordnung waren, muss nach Ansicht vieler Fachleute nun allmählich wieder Normalität einkehren. Märkte und Finanzwirtschaft sollten wieder normal funktionieren, sagte Trichet. "Für die schwächeren Länder bedeutet die Erhöhung des Zinsniveaus tendenziell eine Belastung", erklärte Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. "Das drückt sich in allen Zinsen aus, beispielsweise in Wohnungsbauzinsen in Spanien, die stark an die EZB-Sätze gekoppelt sind." An den Märkten wird spekuliert, nach Portugal könnte auch der wesentlich gewichtigere Nachbar Spanien umfallen.

Allerdings sei die Anhebung um 0,25 Punkte eine "Erhöhung von ultraniedrigem Niveau auf niedriges Niveau", sagte Kater. Insofern sei die Zinserhöhung für die Länder am Rande der Euro-Zone tragbar. Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise sagte: "Gewinner sind all die Länder, bei denen sich bereits Inflationsgefahren zeigen. Die EZB hat das klare Signal gesendet, dass sie keine Inflation akzeptiert." Das gilt besonders für Boom-Länder, sagte Kater: "Gerade für Deutschland ist die Zinserhöhung absolut angemessen. Was eine Weile als Medizin wirkt wie niedrige Zinsen, wird bei längerer und zu hoher Dosierung zu Gift." Das sehe man bereits an der Entwicklung des Aktienmarktes etwa in Deutschland.

Die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro begrüßte den Zinsschritt als "Signal für den Ausstieg aus einer ungewöhnlichen Situation": "Das Wachstum zieht an und die Preise ebenfalls." Die deutsche Wirtschaft bleibt jedenfalls auf kräftigem Wachstumskurs. Die führenden Forschungsinstitute rechnen für 2011 mit einer Zunahme der Wirtschaftsleistung um 2,8 Prozent.

Zweifelsohne will Trichet, dessen Amtszeit im Herbst endet, auch nicht als EZB-Präsident in Erinnerung bleiben, der das oberste Ziel der Notenbank verfehlte: Stabile Preise zu gewährleisten. Stolz berichtet der Franzose bei jeder Gelegenheit, dass es den Währungshütern gelungen sei, die Inflation seit Bestehen der Notenbank im Schnitt bei 1,97 Prozent zu halten – und damit exakt dort, wo die EZB sie haben will: "Unter, aber nahe bei 2,0 Prozent."

Das Ende der Ultra-Niedrigzinspolitik ist auch ein Signal an die Politik: Die Europäische Zentralbank will ihrem Ruf als Inflationsbekämpfer wieder alle Ehre machen, die Zeit der Kriseneinsätze ist vorbei. Ökonomen wie Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer erwarten jedoch, dass die EZB "die Nöte der darbenden Peripherieländer berücksichtigen und ihren Leitzins in den kommenden Quartalen weniger aggressiv anheben (dürfte) als früher üblich".