Rund 7000 Stellen für qualifizierte Tätigkeiten konnten im ersten Halbjahr 2009 in Sachsen-Anhalt nicht besetzt werden. In den nächsten Jahren droht das Problem Fachkräftemangel deutlich zu wachsen und zum Bremsklotz für die Wirtschaft zu werden. Das Land versucht gegenzusteuern, unter anderem mit dem Fachkräfteportal PFIFF. Eine Bilanz wurde gestern in Barleben (Börde) auf der Tagung "Fachkräftesicherung in Sachsen-Anhalt" gezogen.

Barleben. Nach der Nähe zum Kunden ist die Verfügbarkeit von Fachkräften der zweitwichtigste Standortfaktor für die Unternehmen. Das hat die jüngste bundesweite Arbeitgeberbefragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit ergeben. Noch werde die Fachkräftesituation in Sachsen-Anhalt von den Unternehmen überwiegend positiv bewertet, berichtete Professor Jürgen Wahse vom Institut für Sozialökonomische Strukturanalysen Berlin.

Doch das dürfte sich bald ändern. Grund ist die demografische Entwicklung: Belegschaften werden älter, junge Leute wandern ab, die Schulabgängerzahlen sinken. So wird es für die Unternehmen nicht nur schwerer, auf dem Arbeitsmarkt geeignetes Personal zu finden, sondern auch, sich eigene Fachkräfte heranzuziehen.

Bis 2016 werde die Zahl der Erwerbspersonen in Sachsen-Anhalt um 155 000 auf etwa eine Million sinken, sagte Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU). "Das reißt Lücken auf allen Ebenen." Haseloff befürchtet, dass der Fachkräftemangel zu einem ernsten Wachstumshemmnis für die Wirtschaft des Landes werden könnte. Es gebe mehrere Möglichkeiten gegenzusteuern: Erstens das Potenzial der Arbeitslosen nutzen. Grenzen würden jedoch durch regionale Einzugsgebiete gesetzt und durch das Qualifikationsniveau. Zweitens müsste jeder Schüler seinen Abschluss schaffen und Ausbildungsreife erreichen. Drittens müsse man an die Pendler, vor allem an die rund 21 000 Fernpendler, herankommen. Die seien angeschrieben und auf das Fachkräfteportal PFIFF hinge- wiesen worden. Potenzial gebe es viertens bei den 60- bis 65-Jährigen. Nur knapp 30 Prozent der Frauen und Männer in dieser Altersgruppe sei erwerbstätig. Es gebe Berufe, die das physisch auch nicht zuließen, aber es gebe auch viele Berufe, in denen man bis 65 durchaus seine Arbeit verrichten könne. Und fünftens schließlich gelte es neue Wege zu finden, wie Familie und Beruf besser miteinander vereinbart werden können.

Mit PFIFF, dem Portal für interessierte und flexible Fachkräfte (www.pfiff-sachsen-anhalt.de) wurde vor zwei Jahren unter dem Dach des Bildungswerks der Wirtschaft Sachsen-Anhalt ein Marktplatz für Fachkräfte etabliert. Inzwischen wurden mehr als 1100 Stellen besetzt. 3400 Stellenprofile wurden insgesamt seit April 2008 veröffentlicht, und mehr als 2300 Arbeitnehmer haben sich mit ihrem Bewerberprofil registriert, darunter 450 Fernpendler, die gern nach Sachsen-Anhalt zurückkehren möchten, berichtete PFIFF-Projektleiterin Kerstin Mog- dans. Täglich kämen neue Stellen hinzu, besetzte Stellen würden gelöscht. Rund 500 aktuelle Stellenangebote für qualifizierte Fachkräfte seien aktuell im Internet einzusehen. "Über das Portal können Bewerber und Unternehmen direkt Kontakt aufnehmen, oder sie nutzen die Hilfe unserer Regionalberater in Magdeburg, Stendal, Halle, Naumburg, Quedlinburg oder Dessau-Roßlau.

Haseloff ist daran gelegen, Fernpendler von den Autobahnen zu holen. Entscheidend werde sein, ob die Fachkraft bei einem Jobwechsel nach Abzug der bisherigen Mehraufwendungen für Anfahrt und doppelte Haushaltsführung schließlich etwa das Gleiche in der Kasse habe, ob das Unternehmen in der Heimat einen festen Stand habe und die neue Stelle somit sicher sei.

Bei der Bezahlung der Mitarbeiter sieht Jürgen Wahse Spielräume. Sachsen-Anhalts Wirtschaft habe bei der Produktivität gegenüber dem Westen Deutschlands weiter aufgeholt und liege bei 80 Prozent. Die Bruttolöhne lägen im Schnitt bei 77 Prozent des Westniveaus.

In Sachsen-Anhalt war laut IAB-Umfrage im ersten Halbjahr 2009 fast jedes zehnte Unternehmen auf der Suche nach Fachkräften. 11 000 Fachkräfte wurden benötigt (Vorjahr: 12 000). Sechs Prozent der Unternehmen konnten ihre Stellen nicht mit geeigneten Fachkräften besetzen. 7000 Stellen blieben unbesetzt. Vor allem kleine und Kleinstunternehmen hatten Probleme, geeignete Fachkräfte zu bekommen.