Nach jahrelangen Verzögerungen soll in diesem Jahr mit dem Bau der ersten großen Offshore-Windparks begonnen werden. Doch Lücken in der Infrastruktur an Land und in der Netzanbindung sowie offene technische Fragen lassen die Windräder auf hoher See nur langsam ins Rotieren kommen.

Bremerhaven (dpa). In Bremerhaven stehen Generatoren und Gondeln bereit. In Emden lagern Rotorblätter. In Cuxhaven warten riesige Dreibein-Fundamente auf ihren Einsatz. An der Nordseeküste rüstet sich die Windenergiebranche zum Sprung ins Meer. Nach bislang eher kleineren Versuchen wollen Energieversorger wie RWE Innogy und Anlagenhersteller wie Repower, Areva Wind und Bard jetzt im großen Stil mit dem Bau von Offshore-Windparks beginnen. Doch der Enthusiasmus ist noch gebremst. "Es gibt noch eine Menge zu tun", bringt es der Direktor des Bremerhavener Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES), Prof. Andreas Reuter, auf den Punkt.

Wie klein der Abstand zwischen Euphorie und Enttäuschung bei der Nutzung der Offshore-Windenergie sein kann, zeigen Erfahrungen aus dem Windpark "alpha ventus" 45 Kilometer nördlich von Borkum. Weil sich Gleitlager in den Getrieben um Bruchteile von Millimetern zu weit ausdehnten, mussten sechs der 12 Windräder nach kurzer Zeit stillgelegt und mit einem Riesenaufwand repariert werden.

Auslöser des Problems war nicht einmal der Anlagenhersteller selbst, sondern ein Zulieferer, der für die Kleinbauteile das falsche Material verwendete. Für Reuter zeigt dieses Beispiel, "dass der Erfolg der Offshore-Windkraft nicht von einem Hersteller allein, sondern von dem ganzen Umfeld abhängt".

Theoretisch sei die Technik bereits sehr weit, meint Reuter. "Die rechnerische Verfügbarkeit liegt bei 95 Prozent des überhaupt Erreichbaren und damit bei einem ganz guten Wert." Für die Windpark-Betreiber zählt jedoch die Praxis und wie häufig sie per Schiff oder Hubschrauber zu den Windrädern ausrücken müssen. "Die wesentliche Herausforderung für die Anlagenbauer liegt darin, die Turbinen robust und wartungsarm zu gestalten", erklärt die Sprecherin des Energieversorgers RWE Innogy, Barbara Woydtke.

Mancher Fachmann hat Zweifel, ob die heutigen Geräte dieser Forderung trotz der hohen rechnerischen Verfügbarkeit schon entsprechen. "Für einen reibungslosen Betrieb auf hoher See sind noch viele Erfahrungen erforderlich", warnte der Geschäftsführer des Deutschen Windenergie Institutes in Wilhelmshaven, Jens-Peter Molly.

Während er noch einige Jahre Entwicklungsarbeit als notwendig betrachtet, vertraut RWE Innogy auf Erfahrungen mit Windparks im europäischen Ausland. Das Essener Unternehmen hat bei dem Hersteller Repower (Hamburg/Bremerhaven) 48 Windmühlen bestellt, die ab Herbst 2011 im bislang größten deutschen Offshore-Windpark "Nordsee Ost" aufgestellt werden sollen.

Wie schnell diesem Großprojekt weitere folgen können, ist für Betreiber und Anlagenhersteller zudem eher eine Frage der Infrastruktur als der Technik. "In Sachen Netzausbau auf See sind leider zu spät die Weichen gestellt worden", klagt der für Offshore-Fragen zuständige Repower-Direktor Norbert Giese.

Einer Studie der Deutschen Energie-Agentur zufolge sind 1220 Kilometer Seekabel erforderlich, um alle geplanten deutschen Offshore-Windparks ans Netz anzubinden. "Die Kabel müssen da sein, wenn die erste Turbine mit der Stromproduktion beginnt", unterstreicht Woydtke ihre Forderung nach schnellen Genehmigungsverfahren und einer zügigen Netzanschlusspraxis.

"Erheblichen Handlungsbedarf" sieht Woydtke auch bei "geeigneten Häfen, Schiffen und Personal". Solche verlässlichen Rahmenbedingungen könnten für Investoren sogar wichtiger sein als die von der Bundesregierung angekündigten Anschubfinanzierungen für die Offshore-Windkraft: "Deutschland steht hier im Wettbewerb mit anderen europäischen Standorten.