Der 15. Juni 2013 wird Reinhard Weiß noch lange in Erinnerung bleiben. Er hat mitgeholfen, den Deich bei Fischbeck zu schließen. Es war ein bislang einzigartiges Unterfangen, was schon bei der Fahrt von Magdeburg nach Fischbeck hätte schiefgehen können.

Hohenwarthe/Magdeburg/Fischbeck l Reinhard Weiß steht auf einer 70 Meter langen Prahme (Lastkahn), weist Baggerschiff, Schubboot und Schlepper ein, um möglichst nah an den gebrochenen Deich bei Fischbeck ranzukommen. Alles passiert über Funk. Das Wasser strömt mit einem ohrenbetäubenden Lärm durch das Deichloch. Mit der Versenkung zweier Prahmen soll am 15. Juni die Fließgeschwindigkeit des Elbwassers reduziert und der Deich, der auf einer Länge von fast 90 Metern gebrochen ist, wieder verschlossen werden. Der Binnenschifffahrer hat mit seinen Kollegen nur einen Versuch.

Der 58-Jährige bekommt am Freitagmittag die Anweisung, Material zusammenzusammeln, so dass es ein Tag später nach Fischbeck gehen kann. "Es kam alles sehr kurzfristig", erinnert sich der Hohenwarther. Die Deutsche Binnenreederei, für die er arbeitet, hatte viel Material zur Verfügung. Was fehlte, wurde noch besorgt. In der Nacht zum Sonnabend und auf der Fahrt nach Fischbeck wurden die Sprengvorrichtungen an den Kähnen angebracht. "Schon der Weg nach Fischbeck auf der Elbe entlang war aufregend", erzählt der 58-Jährige. Das Fahrwasser des Flusses war aufgrund des Hochwassers kaum noch zu erkennen. "Wir sind anhand unserer Erfahrung gefahren", erinnert sich Weiß, der seit über 40 Jahren Binnenschifffahrer ist. Selbst unter der Autobahnbrücke seien die Schiffe nur ganz knapp durchgekommen, so der Hohenwarther. Kurz vor Fischbeck verläuft die Fahrt zwei Kilometer lang über Wasserwege, die normalerweise Wiesen sind. "Hätten wir da einen Baum oder einen Draht mitgenommen, wäre die Aktion beendet gewesen, bevor sie richtig angefangen hat", schildert Weiß und fügt an: "Es hätte eine Menge schiefgehen können." Am Nachmittag wurde der Deich bei Fischbeck erreicht.

Das Baggerschiff hält die Kähne in Position, damit sie nicht über das Loch gleiten. Im Leerzustand drohte das aufgrund der starken Strömung zu passieren. Die Schubboote schieben die 70 Meter und 30 Meter langen Prahmen in das Loch hinein. "Es war ein unglaubliches Zusammenspiel", betont der 58-Jährige. "Hier wurde kein Lkw in eine Parklücke manövriert. Schon das Eigengewicht des Verbandes drückte zum Loch, außerdem hatten wir Grenzen beim Hin- und Herziehen", beschreibt Weiß. Eine vom Wasser verdeckte Straße auf der einen und eine niedergerissene Baumreihe auf der anderen Seite mussten beim Manövrieren beachtet werden. Der niedrige Tiefgang (40 Zentimeter) der Kähne kam der Aktion dabei zugute. "Wir sind sehr langsam rangefahren, weil wir nichts verkehrt machen wollten", erzählt der 58-Jährige.

Die Positionierung ist geglückt. Nun wird gesprengt. Auf dem Baggerschiff geht Weiß in Deckung. "20 Meter neben mir ist es explodiert", erzählt der Hohenwarther mit einem Lächeln im Gesicht. Erst die große später die kleinere Prahme. "Die Druckwelle der Explosion hat man natürlich gemerkt. Die Soldaten sind da auf Nummer sicher gegangen. Dennoch hab ich geluchst", sagt Weiß und lächelt. Die Beteiligten um Reinhard Weiß spüren eine enorme Erleichterung, als sie hören, dass durch ihre Aktion der Deich zu 90 Prozent gesichert wurde. Am Sonntag wird noch eine dritte Prahme versenkt. Hier wird aber nicht gesprengt. Die Seiten werden aufgeschlitzt, um diese mit Big Bags füllen zu können. Der materielle Wert der versenkten Kähne beläuft sich auf einen mittleren sechsstelligen Betrag. "Dem wird nicht nachgetrauert, wenn man bedenkt, welchen Nutzen die Aktion hatte", sagt Weiß.

Dass er bei dem Einsatz dabei ist, stand für Reinhard Weiß nie zur Debatte. "Wir wollten helfen und das war das Minimum, was wir tun konnten. Wir haben nicht überlegt, als wir gefragt wurden", erinnert sich der Hohenwarther. Dabei war er von Anfang an von der Idee überzeugt gewesen. "Wenn man vor ein Loch etwas davorschiebt, kann logischerweise nichts mehr durch. Zumindest, dass wir dadurch den Druck vom Deich nehmen können, dessen war ich mir sicher", so der 58-Jährige. Je näher er dem Deich kam, desto aufgeregter war er auch. Doch zu seiner Frau sagte er lediglich: "Ich fahre einen Einsatz am Sonnabend mit." Was für einen verschwieg er.

Reinhard Weiß hofft, dass aus den Ereignissen im Juni entsprechende Lehren gezogen werden. "Wir wissen jetzt, zu was wir fähig sind und was auch funktioniert. Eine Naturgewalt kann man nicht verhindern, man kann sich aber darauf vorbereiten", mahnt er an. Ein langes Zögern könne so bei einer unverhofften Wiederholung vermieden werden.

14 Tage nach dem spektakulären Einsatz kehrt Reinhard Weiß noch einmal zu der Stelle zurück, wo er mit einer Prahme auf ein großes Deichloch zusteuerte. "Es wird ein Ereignis bleiben, was ich ewig in Erinnerung behalte."