Donnerstagmorgen in Loburg. Es ist Markttag. Wenngleich die berühmte "Saure-Gurken-Zeit" für Zeitungsmacher noch nicht begonnen hat, betreibt die Volksstimme heute "Marktforschung" am Gemüsestand.

Loburg l Gegen acht Uhr morgens sind die meisten Markthändler fertig mit dem Aufbau ihrer Stände. Der Gemüsehändler aus Zerbst, der Fischverkäufer aus dem Salzlandkreis und die beiden Metzgerwagen haben im Angesicht des Loburger Rathauses eine Art Wagenburg errichtet. In deren Mitte ist Platz für die Auslagentische der "Fliegenden Händler", deren Angebot von "A" wie "Allesmögliche" bis "Z" wie "Zweckmäßiges" reicht.

Es ist ein überschaubares, aber buntes Durcheinander: keiner der Stände gleicht auch nur im entferntesten dem anderen. Loburg, welches sich einstmals eine Gestaltungssatzung für seine Häuser verpasst hat, verzichtet darauf, dass auch die Händler einheitliche Stände aufstellen müssen. In anderen Städten ist dies durchaus schon mal der Fall, da müssen die Standmarkisen teils sogar in den Farben der Stadt gestreift sein.

"Nur alte Leute auf dem Markt"

Heute ist die Betriebsamkeit etwas verhalten auf dem Marktplatz von Loburg. Nur sieben Händler bilden den Loburger Markt. "Es ist Winter und es ist Urlaubszeit, einige der Händler kommen erst in ein paar Wochen wieder", vermutet Mohammed Ali. Der Pakistani, der versichert, dass dies sein wirklicher Name ist, verkauft auf dem Loburger Markt seit einigen Jahren schon seine Ware: Plastikspielzeug, preiswerte Uhren, Batterien und Taschen für Mobiltelefone und noch vieles mehr reihen sich auf gut acht Metern Tapeziertisch. Und all diese Sachen werden wirklich gekauft: Omas kaufen hier Geschenke für die Enkel, Handys hat und Batterien braucht jeder immer wieder. "Warum sollen die Leute extra dafür in die Stadt fahren. Das kostet doch auch alles Geld", sagt Mohammed.

Das bestätigt dann auch gleich ein älterer Herr, der in diesem Moment an den Stand tritt: "Mach mir da mal eine neue Batterie rein, bitte." Auf solche Aufträge ist der Pakistani vorbereitet. Wahrscheinlich hat er dem Kunden auch schon die Uhr verkauft. Mit wenigen Handgriffen öffnet er den Chronometer, fischt sich aus seinem Riesenangebot von Knopfzellen die richtige heraus. "Klick, klack, bitteschön." Zwei Euro reicht der Mann an den Reisenden Händler. Einen Wecker will er hier heute auch noch kaufen. Die gibt es bei Ali für acht Euro - und in der "großen Stadt" auch nicht billiger.

Früher, vor zehn Jahren, liefen die Geschäfte besser, sagt Mohammed. "Heute kaufen die Leute nicht mehr so viel." Am Monatsanfang immer noch mehr, als am Monatsende. Und: "Schau dich doch mal um. Siehst du hier junge Leute? Nein, alles nur alte Leute auf dem Markt", stellt Ali fest.

Vieles aus egener Produktion

Auch bei Eveline Wendt schauen überwiegend ältere Kunden vorbei. Die Marktfrau steht für einen Lindauer Bauern auf dem Loburger Markt, hinter einer verlockenden Auswahl überwiegend heimischer Gemüse und Obstsorten. Verlangt werden hier gleich säckeweise Futterrüben oder Kartoffeln. Der Vorteil des Loburger Marktes ist wohl auch, dass es in Loburg nicht alle Geschäfte gibt, vermutet Eveline Wendt. "Einen richtigen Gemüseladen hat Loburg ja nicht, und es gibt immer Leute, die so etwas lieber auf dem Markt als im Supermarkt einkaufen wollen", weiß die Gommeranerin.

Das belegt eine junge Frau sofort. Sie kauft extra frische Möhren, aus denen Babynahrung werden wird, dazu ein Kilo Schwarzwurzeln. Im Supermarkt gibt es letztere eigentlich nur im Glas oder tiefgefroren. "Bei uns kommt fast alles aus eigener Herstellung", wirbt Eveline Wendt stolz.

Von morgens bis etwa halb zwei steht sie mit dem Wagen gleich links unter der alten Eiche. Außer, wenn es zu kalt ist. "Ab etwa minus drei Grad bleiben wir zuhause, dann ist es nicht gut für die Ware", sagt die Marktfrau. Auch die Kunden halten sich noch etwas zurück, so früh im Jahr. Wenn es wärmer wird und auch die Natur wieder mehr hergibt, werden wieder mehr Leute am Gemüsestand stehen. Und auch hübsche Blumen wird es dann hier wieder geben.

Hoch-Zeit nach der Wende

Das bestätigt auch Holger Maier, Hauptamtsleiter der Stadtverwaltung Möckern. Zwar hat sein Amt mit dem Markttreiben nichts zu tun, aber als eingefleischter Loburger weiß Maier, wie es kurz nach den Wendezeiten vor dem Rathaus zuging. "Da hatten wir so viele Händler, dass gar nicht alle Platz hatten. Damals war alles neu. Zu DDR-Zeiten hatte es einen Wochenmarkt nicht gegeben. Als der Markt eingeführt wurde, gab es noch keinen Netto-Markt, keinen NP und keinen Norma". Inzwischen hat sich der Loburger Markt auf das heute bekannte Maß eingepegelt. Auch heute noch ist der Marktag aber auch für viele Leute von außerhalb Grund genug, ausgerechnet am Donnerstag Geschäfte in Loburg zu erledigen.

Neben seiner Funktion als Handelsplatz hat sich der Ort längst auch als Raum für Kommunikation etabliert. Untereinander kennen sich die Marktleute inzwischen gut. Der Vietnamese lädt den Pakistani auf einen Kaffe ein und kauft bei Eveline Wendt eine Ladung Äpfel. Mit dem Mann von der Zeitung möchte er aber nicht sprechen.

An einem der zwei heute hier parkenden Verkaufswagen für Fleisch- und Wurstwaren ist so viel Betrieb, dass sich der Reporter zurückhält und den zweiten aufsuchen will. Doch hier wartet schon eine Traube älterer Herren auf ihn. "Was macht denn die Zeitung auf dem Markt?", fragt einer. Und die "Zeitung" hat gut Lust, zurückzufragen, was machen denn acht Männer an der Wursttheke? Die Antwort ist so kurz wie uneinleuchtend: Kaffetrinken und von früher schwatzen.

"Das machen wir hier schon etwa seit der Wende", verrät Erhard Borutzki. Die Rentner kennen sich schon seit ewigen Zeiten, haben nach der Wende angefangen, sich an Markttagen morgens zum Klönen zu treffen. Damals gab es noch den Hähnchenwagen mit Stehtischen und Bierausschank. Vor zehn Jahren ist man dann kollektiv auf Kaffee umgeschwenkt und dabei sei es bis heute geblieben, sagt Borutzki, während ein anderer aufgeschnittene Bratwurst herumreicht.

Im Grunde genommen ist der Loburger Markt genau das, womit in dem "Integrierten gemeindlichen Entwicklungsprojekt" (IGEK) dieser Tage um die Attraktivität ländlicher Gemeinden gekämpft wird: Es gibt hier Waren, die es nur auf dem Lande so nah und so frisch geben kann, die Generationen können sich hier begegnen und das Geld kann in der Region gehalten werden. Und identitätsstiftend ist der Loburger Markt auch: Denn so etwas gibt es in der Einheitsgemeinde nur hier. Selbst die Ortschaft Möckern hat seit Jahren schon keinen solchen Wochenmarkt mehr zu bieten.