Mit zehn Neuerscheinungen wird der Dorise-Verlag auf der Leipziger Buchmesse verteten sein. Eine davon ragt schon allein wegen des Umfangs heraus: Die 600-seitige Anthologie mit dem Titel "Ich sterbe, wenn ich nicht schreibe", die anlässlich des Brigitte-Reimann-Jahres 2013 in Burg entstand. Mit Verlagsgründerin Dorothea Iser sprach Roland Stauf.

Volksstimme: Sie werden wie immer bei der Messe in Leipzig dabei sein?

Dorothea Iser: Der Dorise-Verlag hat in Halle 4 seinen Stand (A202). Und wir lesen. Wir stellen die Anthologie vor im Literaturcafé der Halle 4, am 13. März um 12.30 Uhr. Thurid Winkler aus dem Burger Autorenkreis stellt übrigens ihr Buch "Was du nicht hörst" am selben Ort um 14.30 Uhr vor.

Volksstimme: Was werden Sie über die Anthologie sagen?

Dorothea Iser: Sie ist das Ergebnis des Wettbewerbes, zu dem anlässlich des Reimann-Jahres aufgerufen worden war. Außerdem kamen Beiträge von Zeitzeugen und dem Bruder Ulrich Reimann. Die Referate, die auf dem Kolloquium gehalten wurden, fanden ebenfalls in der Anthologie ihren Platz. Insgesamt 94 Autoren mit ganz verschiedenartigen Texten mussten in einen Spannungsbogen gebracht werden.

Volksstimme: Sie als Herausgeberin haben das geschafft...

Dorothea Iser: Ich habe eine Zuordnung gefunden. Danach war es leicht. Zum Beispiel "Typisch Brigitte" - so geht es ja los - da passten alle hinein, die sie als Mensch kannten und mehr von ihr wissen, als jeder andere. Dann kamen solche Rubriken wie "Ich habe nichts von dir gewusst". Das betrifft viele, die aus dem Westen sind und noch nichts von der Reimann gehört hatten, und auch einige von hier, die sich noch nicht mit ihr beschäftigt hatten, weil es an ihnen vorbeiging oder weil sie zu jung waren. "Was ich ihr gern sagen würde" enthält die Texte von Autoren, die ihr hätten real oder fiktiv begegnen können. Was hätten sie ihr gern gesagt? Den größten Raum nimmt das Kapitel "Nachdenken über Brigitte R." ein. In diesem Teil kommen vorwiegend Literaten und Germanisten zu Wort.

Volksstimme: Was ist das Besondere an dem Buch?

Dorothea Iser: Das Buch ist facettenreich. Es ist kein Aufguss bekannter Details aus Reimanns Leben und Werk. Die Frage ist: Wer sind wir im Jahr 2013, die sich mit Leben und Werk der Reimann auseinandersetzen? Es gibt keine Grenzlinie zwischen alt und jung, zwischen Ost und West, zwischen Anfängern und Promovierten. Ich glaube, das Wir gehört zu dem Interessanten im Buch. Es stellte sich heraus, Leben und Werk der Brigitte Reimann sind für uns heute höchstaktuell. Sie schrieben nicht nur über die Reimann, sie denken schreibend nach. Und besonders ist auch, dass Autoren mit dem selben Anspruch wie die Reimann "Ich sterbe, wenn ich nicht schreibe" dabei sind. Brigitte Reimann wurde in Burg geboren und kehrte Burg in jungen Jahren schließlich den Rücken. In ihrem Werk setzt sie sich mit dem, was sie vorfand, auseinander. Natürlich nicht räumlich begrenzt auf Burg. Aber Burg war ihr wichtig. Das spürt man in dem, was sie schrieb. Und sie hat Burg geliebt, auch wenn es so offensichtlich nicht ist. Ich denke, mit dem Reimann-Jahr ist es uns gelungen, sie nicht in die Stationen Burg, Hoyerswerda, Neubrandenburg zu zerteilen. Sie ist eine Person. Ihr Werk spiegelt die Lebensstationen wider. Da gibt es die frühe Reimann, deren Geschichten hier in dieser Gegend spielen. Da gibt es den Aufbruch in die Welt der Arbeiter - Hoyerswerda. Es gab gute Gründe dafür. Die reife Brigitte Reimann - das kann man kaum sagen, denn sie war ja noch sehr jung, sah mit geschärftem Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Kritisch war sie immer auf ihre Art und begeisterungsfähig, aber sie war nicht blauäugig.

Volksstimme: Nun sind wir aber Burger ...

Dorothea Iser: Klar. Und ich frage: Wie ist das mit den Vorurteilen? Wer nicht der Norm entspricht, wird abgelehnt? Wie moralisch sind wir und wo beginnt die Unmoral? Wie gleich sind wir und was können wir an Unterschiedlichem zulassen? Oder wie ist das mit den Haltungen gegenüber jenen, die eine kleinbürgerliche Ordnung, in der sie stecken und leben, aufbrechen und darüber hinauswachsen? Das fände ich schon mal ganz schön, wenn Leser, ob aus Burg oder nicht, zu solchen Überlegungen kämen. Oder zu der Einsicht, dass man sein Erbe nicht verschludern darf. Es muss erworben werden. Damit man es pflegen kann. Darum war es wichtig, die Reimann wieder in die öffentliche Diskussion zurückzuholen.

Volksstimme: Noch einmal zu den Lebensstationen der Reimann ...

Dorothea Iser: Das ist ja das Gute, dass sie alle ihren Platz in dem Buch haben. Dadurch werden wir von außen natürlich auch anders wahrgenommen. Das ist im Buch spürbar. Zu meiner großen Freude hat die Leiterin des Neubrandenburger Reimann-Literaturzentrums, Erika Becker, einen Text für die Anthologie geschrieben. Dr. Ute Pott vom Halberstädter Gleim-Haus, die sich um das literarische Erbe unseres Landes kümmert, kommt zu Wort. Auch Martin Schmidt aus Hoyerswerda, der sich um Reimann verdient gemacht hat, schickte einen Text.

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