Loburg l Es ist ein unscheinbares schmales, graues Rohr, das da ein wenig unmotiviert auf dem Freigelände der Loburger Vogelschutzwarte steht. Einzig der kleine gelbe Aufkleber mit dem Strahlensymbol lässt ahnen, dass dieses Gerät offenbar doch mehr ist als nur ein Instrument zur Vorhersage von Schäfchenwolken.

Tatsächlich misst das Gerät die so genannte Ortsdosisleistung (ODL) des Gebietes und ist Teil eines engmaschigen, flächendeckenden Netzes, welches das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in ganz Deutschland aufgebaut hat. Weitere Messstellen in der Region befinden sich in Magdeburg, Parey, Genthin, Burg, Schönebeck, Wiesenburg, Ziesar und Polenzko.

"Bei einem Unfall kann die Ausbreitung einer radioaktiven Schadstoffwolke nahezu in Echtzeit verfolgt werden."
Bundesamt für Strahlenschutz (BfS)

Spätestens seit der Kernschmelze im japanischen Fukushima vor drei Jahren ist das Thema atomare Strahlung in der öffentlichen Wahrnehmung wieder deutlich präsent. Die Sorge war nach dem 11. März 2011 groß, dass sich eine atomare Wolke von Japan aus bis zu uns ausbreiten könnte.

Konkret überprüfen ließ sich das mit dem Mess- und Informationssystem des BfS. Das Bundesamt betreibt ein Mess- und Informationssystem zur Überwachung der Umweltradioaktivität. Es soll die Umweltradioaktivität kontinuierlich in allen Umweltbereichen überwachen und etwa bei einem Unfall die radioaktive Kontamination der Umwelt schnell erfassen sowie die zu erwartende Strahlenbelastung der betroffenen Menschen abschätzen. Zu dem System gehört das bundesweite Messnetz zur großräumigen Ermittlung der äußeren Strahlenbelastung durch kontinuierliche Messung der Gamma-Ortsdosisleistung (ODL). Die ODL-Messsonde erfasst die Umgebungsstrahlung in einer Höhe von einem Meter über dem Boden. Die Messdaten werden an die Messnetzknoten übertragen.

Auch unsere Nachbarländer verfügen über vergleichbare Messnetze zur Überwachung der Gamma-Ortsdosisleistung. "Im Fall eines Unfalls im Ausland würden auch diese Messnetze rechtzeitig warnen, noch bevor die Radioaktivität das deutsche Messnetz erreicht", heißt es seitens der Bundesbehörde.

Die Sonden benachrichtigen die Datenzentralen des BfS automatisch, sobald der Radioaktivitätspegel Schwellenwerte überschreitet. "Bei einem Unfall kann die Ausbreitung einer radioaktiven Schadstoffwolke nahezu in Echtzeit verfolgt werden", heißt es auf der Internetseite des BfS: "Dies ist eine wesentliche Voraussetzung, um rechtzeitig gezielte Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung einzuleiten." So könnte mit Hilfe von Prognosemodellen auf der Basis von Wetter- und Freisetzungsprognosen vorhergesagt werden, wie sich eine radioaktive Wolke in den kommenden drei Tagen ausbreiten wird und welche Strahlenbelastung für Menschen und Umwelt in betroffenen Gebieten daraus resultieren können. "Die zuständigen Behörden von Bund und Ländern könnten dann schnell entscheiden, welche Maßnahmen notwendig sind, um die Bevölkerung vor den schädlichen Auswirkungen der Radioaktivität zu schützen."

Auch im Falle der Nuklarkatastrophe in Fukushima habe dies funktioniert. Die Messungen nach dem Unfall in dem Atomkraftwerk im Norden Japans weisen nach, wie sich die radioaktiven Stoffe mit den Westwinden zunächst über Nordamerika und dann über Europa in Richtung Osten ausgebreitet haben: "Die Ereignisse im japanischen Kernkraftwerk Fukushima hatten eine Freisetzung radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre zur Folge. Diese wurden in der Atmosphäre transportiert und konnten, trotz ihrer Verdünnung beim Transport, durch entsprechend empfindliche Messgeräte auch in mehreren Tausend Kilometern Entfernung nachgewiesen werden", wird erklärt.

"Knapp drei Wochen nach dem Reaktorunfall vom 12. März 2011 wurde an allen auf der Nordhalbkugel der Erde gelegenen Messstationen Radioaktivität aus Fukushima nachgewiesen."
Bundesamt für Strahlenschutz (BfS)

Knapp drei Wochen nach dem Reaktorunfall vom 12. März 2011 in Fukushima wurde an allen auf der Nordhalbkugel der Erde gelegenen Messstationen Radioaktivität aus Fukushima nachgewiesen. Ab Mitte April 2011 war zu beobachten, wie die Aktivitätskonzentrationen für künstliche Radionuklide zunächst an den Messstationen im Pazifik und ab Anfang Mai 2011 auch in Europa wieder unter die Nachweisgrenze fielen. Dies sei hauptsächlich dadurch zu erklären, dass die an kleine Staubteilchen in der Luft gebundenen radioaktiven Stoffe aus der Luft ausgewaschen werden beziehungsweise sich auf dem Boden ablagern, erklären die Experten des Bundesamtes.

Ein anderes strahlendes Element - Cäsium-137 - ist jedoch auch aktuell noch in einzelnen Proben nachweisbar, was auf den Kernwaffenfallout und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zurückzuführen sei.

Die in Deutschland gemessenen Werte stellten laut Bundesamt für Strahlenschutz keine gesundheitliche Gefährdung für die Menschen und die Umwelt in Deutschland und Europa dar und lagen ein Vielfaches unterhalb der natürlichen gemessenen Strahlenbelastung: "Die Messergebnisse, die bei den unterschiedlichen Messverfahren unabhängig voneinander erreicht wurden, lagen für die künstliche Strahlung durch radioaktive Partikel im Bereich von wenigen Tausendstel Becquerel je Kubikmeter Luft."

Zum Vergleich: Durch das natürlich vorkommende Edelgas Radon liegt die natürliche Strahlung in Deutschland im Freien kontinuierlich bei einigen Becquerel je Kubikmeter Luft. Standortabhängig schwanken diese Werte, weil die Radonkonzentration vom geologischen Ausgangsgestein und der Wetterlage beeinflusst wird, so die Experten: "Der 24-stündige Aufenthalt in einem Bereich mit einer Jod-131-Aktivitätskonzentration von beispielsweise 0,005 Becquerel pro Kubikmeter Luft (in dieser Größenordnung lagen die Ergebnisse der Messstationen Braunschweig und Potsdam am 29. März 2011) führt für einen Erwachsenen zu einer zusätzlichen Strahlenbelastung von etwa einem Milliardstel Sievert. Dies entspricht in etwa der natürlichen Strahlenbelastung bei einer Minute Aufenthalt im Freien."

Auf www.odlinfo.bfs.de zeigt eine Karte die Gamma-Ortsdosisleistung an zirca 1800 Messsonden des Radioaktivitätsmessnetzes des BfS als Tagesdurchschnittswerte, gemittelt über 24 Stunden. Auch die Messstelle Loburg ist dabei abrufbar.