Dass auch Geschichte vor der Haustür spannend und lehrreich sein kann, vermittelte kürzlich die Frühlingswanderung des Gerwischer Heimatvereins durch die so genannte Einsenbahnersiedlung.

Gerwisch l Ein Hauch von Historie liegt heute noch über dem Gelände an der Lostauer Straße von Gerwisch. Warum gibt es hier so viele Baracken? Kurvige Sandwege und unbefestigte Straßen schlängeln sich durch den hinteren Bereich. Hinter Bäumen schimmern Backsteinschornsteine. Teile des Areals sind bewohnt, andere wiederum nicht. Ein abgelegenes Gelände ist umzäunt. Vor dem Betreten wird ausdrücklich gewarnt. Desolate Straßen mit Schlaglöchern, wegen denen die Autos aufsetzen, heben sich erschreckend von sonst in Dörfern üblichen Straßen ab. Durch das Gebiet ziehen sich noch heute oberirdische Stromleitungen.

Ortsbürgermeisterin Karla Michalski hat sich für den Marsch durch das Gebiet noch einmal in Chroniken belesen.

Ab dem Jahre 1911 ist dieses Areal, das seit 1876 der Produktion von Munition und ihrer Lagerung diente und unter dem Begriff Muna bekannt ist, teilweise bebaut worden. Auf 15 Hektar Land entstanden im Auftrag des Magdeburger Heereskommandos 50 Baracken, in denen Granaten und Kartuschen gefertigt wurden. Sprengpulver wurde auch in die Salzlagerstätten bei Schönebeck und Staßfurt geliefert. Diese "Pulverfahrten" mit Pferd und Wagen durften aus Sicherheitsgründen jedoch nur nachts erfolgen und die Kutscher auch nur außerhalb von Ortschaften in den Gasthöfen wie "Goldene Gans" und "Stern" übernachten.

Nachdem Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren hatte, wurde das Gebiet entmilitarisiert. In aller Eile wurden die Baracken zu Wohnung umgebaut, denn aus Danzig, Posen und Westpreußen waren in großem Umfang Bahnbeamte ausgesiedelt und nach Gerwisch gebracht worden. Schon im Juni 1919 gab es dort 40 dieser Familien, später waren es über 100.

Hier entstand in der Folge ein völlig vom eigentlichen Gerwisch unabhängiges und vor allem modernes Wohngebiet. Zwar ist die einstige zentrale Wärmeversorgung, die von einem Heizhaus aus alle Fertigungsbaracken mit Wärme über unterirdische Kanäle versorgt hatte, außer Betrieb gesetzt worden. Doch in der Siedlung lebten die Menschen viel, viel besser als zuvor in Posen oder Westpreußen.

Die Bewohner der Eisenbahnersiedlung hatten ihre eigenen Geschäfte, Frisör, Bäcker, Fleischer, Schule, Turnhalle. Es gab eine Wasserversorgung und ein Wannenbad.

Einige der Wanderfreunde konnten sich erinnern, dort als Kinder noch eine der beiden Wannen oder der beiden Duschen genutzt zu haben. Obwohl das Areal an sich geschlossen war und über zwei wichtige Zufahrten verfügte, war es für alle zugänglich.

Zunächst stoppt die Wandergruppe an einer dieser Zufahrten. Die Ortsbürgemeisterin sagt, man müsse sich jetzt auf einen Schock einstellen. Das einst gepflegte und vorbildliche Wohngebiet wird vom jetzigen Eigentümer, der etwa die Hälfte des Areals erworben habe, seit Jahren dem Verfall preis gegeben. Von Straßen kann man wegen großer Löcher nicht mehr reden. Kein Winterdienst, Probleme mit der Beleuchtung. Wenn nicht noch die Einwohner aktiv wären, wäre es ein Desaster. Keiner weiß, wo Leitungen und Kabel liegen. Das Gebiet ist offiziell kartografisch nicht erfasst. Die Gemeinde und die Ortschaft haben dort nichts zu sagen, denn das Gebiet gehört der Deutschen Annington, einer Immobilienfirma, die irriger Weise auf ihrer Internetseite mit dem Slogan "Schön, hier zu wohnen" wirbt.

Der andere Teil des Areals gehört der Bundesbahn. Auch hier hat die Gemeinde keinen Zugriff. Als in der Presse die Winterwanderung durch das Gebiet bekannt gegeben wurde, sind die Straßenlöcher plötzlich geflickt worden.

Hier spielte sich am 9. Februar 1945 das tragischste Drama dieses Wohngebietes ab. In Splittergräben kamen im Bombenhagel knapp 80 Menschen zu Tode. "Ich schäme mich jetzt schon für das verwahrloste Wohngebiet", sagte die Ortsbürgermeisterin, "wenn wir im kommenden Jahr am Denkmal 70 Jahre später diesem Ereignis gedenken werden."

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