Regelmäßig macht das Beratungsmobil "Blickpunkt Auge" des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes Sachsen-Anhalt Station in Burg. Volksstimme-Volontärin Ariane Amann hat einmal ausprobiert, wie es ist, plötzlich auf die Hilfe angewiesen zu sein, weil das Augenlicht versagt.

Burg l Einfach mal ohne Not ausprobieren, wie es ist, wenn man plötzlich nichts mehr sieht: Das war der Plan. Als Susanne Templin vom Blinden- und Sehbehinderten-Verband Sachsen-Anhalt mir die Brille mit einer Restsehschärfe von praktisch Null über den Kopf gezogen hat, bekomme ich ganz schnell einen Eindruck davon.

Der Schritt aus dem Transporter des Blinden- und Sehbehinderten-Verbands in der Burger Fußgängerzone wird so schon zum Wagnis. Als ich dann auch noch den Blindenstock in die Hand bekomme, ist es offiziell: Ich sehe nichts mehr. Hell und dunkel kann ich noch unterscheiden, aber mehr ist nicht drin. "Und jetzt immer schön mit dem Stock pendeln", sagt Susanne Templin zu mir. Zum Glück kommt sie mit auf meine kleine Runde durch die Schartauer Straße. Allein würde ich den Weg zum Transporter zurück bestimmt nicht finden. Jedenfalls nicht, ohne lauthals um Hilfe zu rufen.

Gleich den ersten Passanten mit dem Stock erwischt

Ich pendele also brav mit dem Stock hin und her und laufe ein paar Schritte. Dann gibt es rechts von mir Widerstand - unerwartet kommt das nicht. Dem ersten Passanten habe ich gleich mal mit dem Blindenstock die Füße angestupst. Zum Glück habe ich nicht sein Schienbein erwischt, das hätte ja auch weh tun können. Ich entschuldige mich wortreich. Der Passant nimmt meinen Blind-Versuch zum Glück mit viel Humor und wünscht mir Erfolg. Dann tappe ich weiter.

Schon nach diesen wenigen Schritten fällt mir auf, wie viel mehr ich plötzlich zu hören scheine. Hinter mir klingelt es, irgendwo links wird ein Auto angelassen und blubbert vor sich hin. Vor mir erzählen zwei Frauen. Ein Kleinkind kreischt nach Mama. Der Fratz ist enweder hingefallen oder hat gerade einen Trotzanfall. So viele Details bekommen meine Ohren sonst gar nicht bewusst mit, das meiste davon machen ja meine Augen.

Zwischendurch muss ich mich immer wieder daran erinnern, mit dem Stock hin und her zu pendeln. "So, und jetzt mal vorsichtig umdrehen", sagt Susanne Templin. Sie ist es auch, die meinen Selbstversuch im Bild festhält. Und ich habe wirklich Glück, dass ich mich auf sie verlassen kann. Im Ernstfall hätte sie mich bestimmt davon abgehalten, mit dem Blindenstock versehentlich eine Fensterscheibe einzuschlagen oder jemandem ein Bein zu stellen.

Ich fange also an, einen größeren Bogen zu laufen. Mit dem Blindenstock brauche ich als Ungeübte ganz schön Platz. In der Fußgängerzone habe ich den zum Glück. An einer vielbefahrenen Straße hätte ich diesen Versuch auch nur ungern gemacht, das hätte auch gefährlich werden können. Während diese Gedanken durch meinen Kopf schwirren, gibt mit Susanne Templin die Richtung vor: "Ein bisschen mehr links. Zu weit! Jetzt wieder ein bisschen nach rechts." Alleine hätte ich den Transporter vermutlich nicht so schnell wiedergefunden.

Mit meiner eigenen Brille kann ich wenigstens sehen

Nach ein paar Minuten habe ich es geschafft und kann die Brille, die mich blind gemacht hat, wieder loswerden. Richtig froh bin ich, dass ich wieder so sehen kann wie ich es gewohnt bin. Zwar auch mit Brille, aber die trage ich schon seit der Grundschule. Und damit kann ich wenigstens alles vernünftig sehen. Aber eins weiß ich jetzt ganz genau: Gar nichts mehr sehen ist furchtbar. Und ganz schnell werde ich mal wieder einen Termin beim Augenarzt machen, zur Kontrolle. Man kann ja nie wissen.

Und ganz ehrlich: Beim Blinden- und Sehbehinderten-Verband möchte ich gar nicht aus eigener Betroffenheit Mitglied werden.

Auch wenn Susanne Templin, Harald Weber und ganz sicher auch ihre Kollegen wirklich nett sind.

Weitere Informationen Blinden- und Sehbehinderten-Verband Sachsen-Anhalt e. V, Beratungsstelle Stendal, Bismarckstraße 20, 39576 Stendal oder im Internet unter www.bsv-bzg-san.de