Gerwisch l Sie kommen aus dem Umflutgebiet oder aus Richtung Magdeburg. Auf Höhe der Kombüse unterm Leuchtturm nehmen sie den ländlichen Weg nach Lostau, vorbei an Reiterhof und Klärwerk und haben schnell ihr Ziel erreicht. Vor allem an den Wochenenden ist die Gerwischer Quarzsanddüne beliebtes Ausflugsziel für Motocrossfahrer. Sie preschen ein oder zwei Stunden in den Hügeln auf und ab und sind dann so schnell verschwunden, wie sie gekommen sind.

Oder auch nicht. Jüngst hat die Polizei im Jerichower Land mehrere Erfolge gegen illegale Crossfahrer vorzuweisen. In Mützel (bei Genthin) waren Ende April die Motorengeräusche mehrerer Crossmaschinen deutlich aus einem Waldstück zu vernehmen gewesen. Dem Streifenwagen der Polizei kam ein 19-Jähriger auf seinem Motorrad entgegen. Als er zu wenden versuchte, stürzte er, blieb aber unverletzt. Der junge Mann besaß keine Fahrerlaubnis.

Schon Ende Februar war die Polizei in Heyrothsberge gerufen worden, weil fünf Fahrer mit ihren Crossmaschinen über die Elbwiesen fuhren. Zwar trafen die Beamten vor Ort keine Motocrosser mehr an, aber auf der Rückfahrt entdeckten sie die Gruppe an der Gerwischer Tankstelle. Allen Motorrädern fehlten Kennzeichentafeln und Pflichtversicherung.

Um den Motocrossfahrern den Zugang in die Gerwischer Sandberge zu erschweren, waren vor Jahren in einer Beschäftigungsmaßnahme Sträucher gepflanzt worden. Da keine Pflege folgte, sind die Sträucher bis jetzt nicht größer gewachsen als die Gräser um sie herum. Eine ernstzunehmende Barriere bieten sie noch lange nicht. Vom Hochwasser 2013 seien sie noch zusätzlich platt gedrückt worden, schilderte Ortsbürgermeisterin Karla Michalski. Dabei würde der natürliche Schutz durch eine Strauch- und Buschvegetation die beste Lösung für die Sandberge bedeuten.

Nun sollen die Arbeitskräfte, die außerdem für den Bolzplatz und den Kreuzberg eingesetzt sind, auch die Sträucher an den Sandbergen freischneiden, aber mit ihren Aufgaben innerorts haben sie schon viel zu tun.

Zum großen Ärger der Gerwischer Ortsbürgermeisterin machen die Crossfahrer auch nicht vor dem neuen Schüttdeich halt, der an der Muna beginnt und in Richtung Lostau verläuft. Eine bislang unbewachsene Stelle nutzen die Kradfahrer zur Überfahrt. Noch. Mit dem, was die Natur zu bieten hat, möchte Karla Michalski eine Sperre errichten lassen. Reiter hätten in den Sandbergen auch nichts zu suchen, setzte sie hinzu.

Die Gerwischer Sandberge sind ein Naturdenkmal und eine wichtige archäologische Fundstätte. Vor allem die in der Elbaue sehr seltene Magerrasenkultur ist schützenswert.

"Wir kennen die Zugangswege der Crossfahrer", sagte Thomas Kriebitzsch, Pressesprecher des Polizeireviers Jerichower Land. Mit einem Funkstreifenwagen sei es jedoch schwierig etwas auszurichten. Spätestens ab einem Poller oder in den Elbwiesen sei eine Verfolgung nicht mehr möglich. "Wir werden mit anderen taktischen Maßnahmen Druck ausüben", kündigte er an. Nähere Einzelheiten wollte er noch nicht nennen.

Nach einem Bericht des MDR verfolgt die Polizei in Thüringen illegale Motocrossfahrer mit einer zivilen Maschine. Die Crossfahrer verstoßen sowohl gegen die Straßenverkehrsordnung als auch gegen das Feld- und Forstordnungsgesetz.

Vor kurzem scheiterte eine Petition an den Bundestag, die sich für die Gestaltung von Enduro-Strecken in Deutschland einsetzte. Statt der benötigten 50 000 Stimmen wurden nur 7809 Stimmen erzielt. Ziel war es, illegales Fahren zu reduzieren, Natur- und Tierschutz zu fördern sowie Radfahrer, Fußgänger und Reiter weniger zu gefährden, während zugleich die "Sportart mit langer Tradition in Deutschland" durch die Schaffung offizieller Strecken unterstützt wird.

Das sei ein Aspekt, der nicht außer Acht gelassen werden darf, sagte Gerhard Paruschke, Vorsitzender des MC Fiener Tucheim. Schließlich gebe es eine Industrie, die ihre Produkte verkaufen wolle. Zugleich sei der Naturschutz zu beachten. Wie alle Seiten unter einen Hut gebracht werden können, das beschäftige die Politik viel zu wenig. "So werden sich die Probleme nicht beseitigen lassen." Er wünschte sich ein größeres Entgegenkommen gegenüber den Motocrossern.

Im Jerichower Land gibt es in Ferchland die einzige offizielle Crossstrecke.

Der tradtionsreiche MC Fiener Tucheim veranstaltet mit der Enduro Rund um den Fiener eines der wichtigsten Rennen dieser Art in Deutschland. Zugleich achtet der Verein sehr darauf, dass sich seine Mitglieder ordentlich verhalten. Denn Ärger mit illegalen Crossfahrten kennt man im Fiener auch.

Der letzte offene Brief des MC Fiener stammt aus dem Jahr 2012. Damals waren Crossfahrer durch das hemmungslose Zerfurchen von Wald- und Feldwegen und das Befahren von bestellten Ackerflächen aufgefallen.

Weil in Niedersachsen und Brandenburg viel rigoroser gegen die Wildcrosser vorgegangen wird als bislang in Sachsen-Anhalt, bringen nicht wenige ihre Maschine über die A 2 nach Sachsen-Anhalt, drehen in Autobahn-nahem Gelände ihre Runden und sind nach ein, zwei Stunden wieder weg.

Zwischen Enduro- und Motocrossmaschinen bestehen große Unterschiede. Erstere sind sowohl mit Schweinwerfer als auch mit Kennzeichen ausgestattet, dürfen also im Straßenverkehr gefahren werden. Zweite sind nur für abgesperrte Strecken vorgesehen.