Einen Monat haben Archäologen zwei Abrissgrundstücke in der Burger Altstadt untersucht, die demnächst neu bebaut werden sollen. Die Funde, die Grabungsleiter Marcel Röder momentan sichtet, erzählen Burger Stadtgeschichte.

Burg l Fünf Bananenkisten voller Material haben Grabungsleiter Marcel Röder, Grabungshelfer Andreas Zagermann und Grabungszeichnerin Ilka Pollner im Mai und Juni in Burg "ausgebuddelt" und zur Auswertung nach Halle transportiert. "Dabei handelt es sich vor allem um Keramik aus dem Mittelalter bis zur Neuzeit", so Röder, der die Funde in diesen Tagen auswertet. Die früheren Bewohner der längst abgerissenen Fachwerkhäuser am Breiten Weg haben der Nachwelt vor allem für sie damals nutzlose Scherben hinterlassen. Doch die Archäologen von heute interessieren sich sehr dafür, auch für weiteren vermeintlichen "Müll", der bei den Burger Altvorderen angefallen ist. Zum Beispiel Tierknochen. Die verraten heute, dass die ehemaligen Hausbewohner sich auch mal ein Wildschwein haben schmecken lassen. Und sie haben Hunde gehalten. Hundeknochen wurden ebenso freigelegt wie Rinderknochen. Auch Koch-utensilien aus Metall und geschmiedete, also ziemlich alte Nägel (16. Jahrhundert).

Nach den Funden und den noch vorhandenen Kellergewölben schätzt Röder, dass die betreffenden Grundstücke erstmalig im 14. oder 15. Jahrhundert mit Häusern bebaut wurden. Siedlungsgebiet war diese "Ecke" aber bereits früher, wie einige Funde aus der Eisenzeit (1. Jahrtausend vor Christus) verraten.

Auf den beiden Grundstücken standen dann Jahrhunderte lang immer zwei bis drei Fachwerkhäuser. Deren Bewohner haben ganz gern mal ein Pfeifchen geraucht, auch das erzählen die Funde. Und sie haben im Winter anfangs mit einem Steinspeicherofen geheizt. Diese mittelalterlichen Luftheizungen kamen im 13. Jahrhundert zuerst in Klöstern und Patrizierhäusern auf und wurden im 15. Jahrhundert durch die uns heute noch bekannten Kachelöfen abgelöst.

Der noch intakte Steinspeicherofen ist für Marcel Röder auch wegen des "Zubehörs" ein interessanter Fund: 600 von Ruß geschwärzte Feldsteine. "Die haben die Wärme gespeichert", erklärt der Grabungsleiter. Dafür, dass das Feuer im Steinspeicherofen und unter den Kochtöpfen nicht außer Kontrolle geriet, sollte - neben der Gewissenhaftigkeit der Hausfrau - auch, so gefunden, ein Hundepfoten-Abruck (eine im Mittelalter allgemein bekannte, teufelsabweisende Symbolik) auf einem Ziegelstein sorgen. Dennoch gibt es auf den untersuchten Grundstücken viele Brandspuren.

Gefundene Kachelreste sind Beleg dafür, dass der Steinspeicherofen später - wie allgemein - auch in diesem Haus am Burger Breiten Weg von einem Kachelofen abgelöst wurde. Der alte Ofen wurde zugeschüttet und blieb dadurch in seiner Struktur erhalten.

Ob die Hausbewohner bereits im 16. Jahrhundert am Kachelofen saßen, ist nicht bekannt, aus dieser Zeit datiert aber eine der etwa zehn auf dem Grundstück gefundenen Münzen. Das Besondere: Diese Münze stammt aus Genf. "Sie könnte von Calvinisten mitgebracht worden sein, die sich nach dem Dreißigjährigen Krieg in Burg niedergelassen haben", äußert Marcel Röder eine nicht von der Hand zu weisende Vermutung, denn nicht nur Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die Hugenotten, sondern auch aus der Schweiz kamen im 17. Jahrhundert nach Burg, das zum religiös freizügigen Brandenburg-Preußen gehörte.

Wenn wie geplant im September mit der Neubebauung der beiden Grundstücke am Breiten Weg begonnen wird (barrierefreie, seniorengerechte Wohnungen), werden auch die jetzt noch zu sehenden Reste der früheren Bebauung verschwinden. Doch der moderne Neubau soll mit seiner zweigeteilten Fassadengestaltung an die frühere Bebauung auf den beiden Grundstücken erinnern.

   

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