Jutta und Jürgen Groth aus Burg sind einmal im Monat in der Justizvollzugsanstalt Burg zu Gast. Seit März 2013 kochen sie mit Mördern, Sexualverbrechern und anderen Schwerstkriminellen - aus Überzeugung.

Burg l Entenbraten, Gemüse und eine leckere Nachspeise bereiten Jutta und Jürgen Groth mit ihrem Kochkurs in der Vorweihnachtszeit zu. Nebenbei verteilt Jutta selbstgekochte Erdbeermarmelade - ein Glas für jeden. Und dazu gibt es für die Sicherungsverwahrten der JVA einen Stern aus Mosaik. Unbeholfen und unsicher sucht sich jeder einen aus. "Geschenke kennen sie nicht", sagt die Rentnerin. Die Sicherungsverwahrten haben ihre Haftstrafe bereits abgesessen, müssen aber im Gefängnis bleiben - zum Schutz der Allgemeinheit. Zum Weihnachtsessen sollten sie Angehörige einladen - doch aufgeschrieben haben die Straftäter keinen. Für Jutta und Jürgen Groth einer der emotionalsten Momente des vergangenen Jahres.

Zwiebel schälen, Gemüse waschen und Gehacktes anbraten - für vier bis fünf Stunden im Monat gehen Jutta und Jürgen Groth in die JVA Burg und beschäftigen sich mit den Sicherungsverwahrten. Während eines Kochkurses werden Gespräche geführt und sich um die Insassen gekümmert. Von Angst keine Spur. "Wir kennen die Taten nicht und sehen als erstes immer den Menschen", sagt Jürgen Groth selbstbewusst. Seit März 2013 engagiert sich das Paar ehrenamtlich in dem Gefängnis. "Wenn wir nur einen da rauskriegen, wäre das ein großer Erfolg", ergänzt seine Frau Jutta.

Mit zehn Leuten haben sie ihren Kurs vor über einem Jahr begonnen. Mittlerweile sind es nur noch drei Teilnehmer. "Drei weitere waren bis vor kurzem noch dabei, haben sich jetzt allerdings etwas zurückgezogen. Aber ich denke, die kommen wieder", erzählt der 71-Jährige. Im Kurs wird dann besprochen, was gekocht werden soll. Dann werden die Aufgaben verteilt. "Mittlerweile hat sich das aber alles eingespielt", erzählt Jutta Groth. Begrüßt werden die Sicherungsverwahrten von den beiden Rentnern mit einer Umarmung. "Es sind Menschen, von denen sich die Angehörigen oft losgesagt haben. Berührungen kennen sie nicht", erklärt der Rentner. Das Vertrauen haben sich die beiden Burger in den vergangenen Monaten erarbeitet. "Uns wird einfach vertraut, weil wir keine Mitarbeiter des Gefängnisses sind", ergänzt seine Frau.

Bestes Beispiel ist die Geschichte eines Häftlings, der nach jahrelanger Einzelhaft langsam wieder Vertrauen findet. "Er blockt sonst alle Maßnahmen leider ab, aber bei uns ist er zum Sprecher zwischen den Köchen und den Nicht-Teilnehmern geworden", erzählt Jürgen Groth. Er habe sich sehr gut entwickelt. Und angefangen hat es, als der 71-Jährige den schweigenden und sehr passiven Mann zum Zwiebelschälen motivierte. "Mit der Zeit hat er immer mehr Verantwortung übernommen", sagt Groth.

"Wir kennen die Taten nicht, die sie begangenen haben, und sehen als erstes immer den Menschen."

Eigene Erfahrungen hinter Gittern haben die Motivation bestärkt, den Menschen dort zu helfen. "Wir wissen, wie es dahinter aussieht und das noch unter DDR-Bedingungen", sagt der Burger. Weil sie mit seinem Bruder im Westen Briefe schrieben, ein Ausreisebegehren äußerten und in einer kirchlichen Gemeinde aktiv waren, wurden sie für ein Jahr ins Gefängnis gesteckt. "Aufnahme mit einer ausländischen Macht" wurde den beiden vorgeworfen. "Alle unsere Verbindungen waren dem Staat ein Dorn im Auge", erklärt Jürgen Groth. Man habe den Sozialstaat missbraucht und ausgenutzt, lautete damals der Vorwurf.

Deswegen hat sich das Paar von Beginn an für die Justizvollzugsanstalt in ihrer Stadt interessiert, sich daraufhin auch am Arbeitskreis "Resozialisierung und Kriminalprävention" beteiligt. Die Teilnahme an mehreren Foren folgte, dann wurde gefragt, ob es Bürger gibt, die sich diese Arbeit in der JVA vorstellen könnten. "Daraufhin haben wir unsere Adresse hinterlegt und eine Weile nichts mehr gehört. Anfänglich dachten wir, man habe uns vergessen", erinnert sich Jutta Groth. Doch im Februar 2013 folgte ein Gespräch und der Kurs konnte ein Monat später beginnen.

Ein mulmiges Gefühl vor der Zusammenarbeit mit verurteilten Verbrechern hatten die beiden nicht. "Wenn man mit Angst an diese Sache herangeht, hat das keinen Sinn. Außerdem spüren das die Häftlinge sofort", sagt Jutta Groth. Mit Herz und ohne Vorurteile müsse man dabei sein, sagen die Eheleute einstimmig. "Und Beständigkeit", betont der 71-Jährige. Es bringe nichts, nur ab und zu vor Ort zu sein. "Wir haben bisher keinen Termin versäumt und nur so gelingt es, Vertrauen aufzubauen", meint Jürgen Groth.

Heute haben viele der Sicherungsverwahrten jenem Stern aus der Vorweihnachtszeit einen Ehrenplatz gegeben. Für das Burger Ehepaar sind es weder Insassen noch Sträflinge, sondern "unsere Jungs".