Vehlitz l Als der Gottesdienst abgeschlossen und der letzte Ton verklungen war, spendeten die Frauen und Männer in der Vehlitzer Kirche herzlichen Beifall. Die digitale Orgel, gespielt von Kantor Thorsten Fabrizi, hatte ihre Einweihung bravourös gemeistert.

Axel Gühl, Sprecher des Freundeskreises Orgel und Leiter der Projektgruppe Orgel im Gemeindekirchenrat des Kirchspiels Gommern, war schon zuvor ein Stein vom Herzen gefallen, als ihm Thorsten Fabrizi nach den ersten zur Probe gespielten Stücken versicherte, dass die Orgel gut klinge und es Freude bereite, auf ihr zu spielen.

Der Einbau einer digitalen Orgel war eigentlich erst die dritte Option gewesen. Ursprünglich sollte die Eduard Beyer-Orgel aus dem Jahre 1894 restauriert werden. Allerdings hatten renommierte Orgelbauunternehmen die Kosten dafür auf 60 000 bis 80 000 Euro geschätzt. Zu groß waren die Schäden, die der Holzwurmbefall der Holzpfeifen und Vandalismus nach einem Einbruch hinterlassen hatten.

Die Summe war für eine kleine Gemeinde wie Vehlitz zu hoch. Zumal das Land Sachsen-Anhalt wenig Hoffnung auf Fördermittel machte. Stattdessen wurde darüber nachgedacht, eine gebrauchte Orgel zu erwerben. Jedoch fehlten geeignete Angebote.

"Hier wurde die Idee geboren, über den Kauf einer digitalen Orgel nachzudenken", blickte Axel Gühl zurück. Der Freundeskreis Orgel Vehlitz nahm sich dieser Idee an und warb Spenden ein.

Nicht nur Gemeindemitglieder, sondern auch Menschen, die mit Kirche sonst nichts zu tun haben, unterstützen das Vorhaben. Die Geldgeber kamen aus der näheren Umgebung, aber auch von weiter weg.

Weil die Orgel zu der Zeit, als die Bibel entstand, noch nicht erfunden war, konnte Pfarrer Michael Seils in seiner Predigt nicht direkt auf die Orgel eingehen, behalf sich aber mit anderen Instrumenten, die in der Bibel Erwähnung finden. Er regte an, die große klangliche Vielfalt der neuen Vehlitzer Orgel als Anlass zu nehmen, auch für anderen Reichtum wie dem der Schöpfung Gottes empfänglicher zu werden.

Nach dem Einweihungsgebet und ihrer Widmung erklang die neue Orgel zum ersten Mal. Thorsten Fabrizi spielte "Was Gott tut, das ist wohlgetan" von Johann Ludwig Krebs.

Aus Sicht von Axel Gühl liegen die Vorteile einer digitalen gegenüber einer herkömmlichen Orgel auf der Hand. Sie ist beispielsweise unempfindlich gegenüber Hitze, Kälte, Temperaturschwankungen und Luftfeuchtigkeit. "Digitale Kirchenorgeln sind durch die Nutzung gekapselter und zum Teil berührungsfreier Kontaktsysteme wartungsfrei." Und sie kosten nur rund zehn Prozent einer Pfeifenorgel. Für die Gloria Klassik 226 des Kirchenorgelhauses Kisselbach in Baunatal bei Kassel wurden mit Zubehör wie Spieltischbeleuchtung rund 10 000 Euro bezahlt. Die Summe wurde komplett durch Spenden gedeckt.

Die digitale Orgel strahlt ihre Töne durch ein Mehrkanal-Verstärkersystem ab. Die Lautsprecher und der Subwoofer sind im Gehäuse der alten Orgel hinter den Prospektpfeifen angebracht, so dass der Klang wie bei der alten Orgel aus dem Gehäuse der Pfeifenorgel kommt und für den Hörer kein Unterschied besteht - auch nicht für den Organisten in der Bedienung.

Gemeinsam mit Geigerin Antje Folkers stellte Thorsten Fabrizi unter Beweis, dass sich die digitale Orgel und die Vehlitzer Kirche St. Stephanus als Spielstätte für Konzerte eignet, die künftig entlang der Straße spätgotischer Flügelaltäre veranstaltet werden sollen.