Er ist ein Burger Junge, immer gut gelaunt - doch wenn es drauf ankommt, kann er Leben retten: Nach mehr als 10000 Operationen am Burger Krankenhaus geht Chirurg Dr. Karlheinz Müller in den Ruhestand. Er sagt: Ich erkenne nicht jeden, der mich auf der Straße grüßt. Redakteur Falk Heidel sprach mit dem 65-jährigen Mediziner.

Volksstimme: Kariertes Hemd statt weißem Arztkittel! Herr Dr. Müller, wie fühlt man sich als Neu-Ruheständler?

Dr. Karlheinz Müller: Wie ein Dauerurlauber. Heute Morgen war ich um dreiviertel Sechs wach, es dauerte einen Moment bis mir klar war, du musst jetzt nicht aufstehen. Das genieße ich derzeit. Neulich war ich bei einer Geburtstagsfeier: Ohne Bereitschaftshandy in der Hand und Operationen im Kopf - herrlich! Trotzdem werde ich oft gefragt, kannst du wirklich einfach so aufhören?

Können Sie?

Klar, die neue Zeit hat doch grade erst begonnen. Ich habe bis zum letzten Tag inklusive Bereitschaft und Wochenenddiensten durchgezogen. Dann gab es ein Abschiedsgespräch, Blumen... Und danke, das war`s. Mindestens bis zum Jahresende gibt es keine Pläne. Was danach kommt, werden wir sehen. Möglichkeiten zuzupacken gibt es einige: Praxen, Notaufnahme und, und, und.

Wie haben Sie die letzten Dienstwochen im Burger Krankenhaus erlebt?

Ich habe mich wie gewohnt auf meine Arbeit konzentriert. Zurückgehalten habe ich mich lediglich in Zukunftsfragen, die mich nicht mehr betreffen, Investitionsplanungen zum Beispiel. Da wollte ich mich nicht mehr einmischen. Ich sehe das ganz nüchtern: Meine Zeit ist abgelaufen, jetzt ist die nächste Generation am Zug. Ich bin mir sicher, die packen das. Die jungen Ärzte haben eine anständige Ausbildung durchlaufen. Sie werden sicher einiges ändern. Und das ist auch gut so.

Stichwort Ausbildung. Sie sind in Burg aufgewachsen und haben hier in der Region Ihren Beruf gelernt.

Sogar zwei Berufe. Schreiben und Rechnen habe ich in der Burger Comeniusschule gelernt. Es folgte die Erweiterte Oberschule Geschwister Scholl, das heutigen Rolandgymnasium. Danach Berufsausbildung mit Abitur im VEB Maschinenbau am Bahnhof.

Sie sind also Maschinenbauer?

Genauer Maschinenbau-Facharbeiter. Diese Ausbildung hat mir später auch in der Chirurgie genutzt: Auch hier wird gebohrt und geschraubt. Zudem habe ich in diesem Betrieb, den es heute nicht mehr gibt, gelernt mit Menschen umzugehen: Das hat mich geformt.

Aus dem Facharbeiter wurde ein Mediziner.

Ja. Von 1970 bis 75 folgte das Studium an der Medizinischen Akademie in Magdeburg. Dann war ich Ausbildungsassistent bei Heinrich Finz am Burger Krankenhaus. Dann Facharzt, Doktorarbeit und Oberarzt. Nach dem Abgang des alten Finz 1997 war ich Chef der Unfallchirurgie. Die höchste Stufe der Karriereleiter war erreicht.

Die ganze Zeit in Burg - hatten Sie nie das Bedürfnis, andere Gegenden, andere Häuser kennenzulernen?

Nicht wirklich. Natürlich habe ich in all den Jahren an verschiedenen Häusern hospitiert. Aber Burg war immer mein Zuhause. Hier habe ich viele wunderbare Menschen erlebt. Es gibt welche, die waren schon da als ich kam - und sind immer noch hier.

Können Sie sich noch an Ihre erste Operation erinnern?

Na klar. Das muss 1976 gewesen sein. Eines Tages hieß es, Müller, machen Sie das mal! Es handelte sich um ein kleines Geschwür an der Hand. In der Nacht zuvor habe ich nicht geschlafen, sondern Fachbücher gelesen. Das war ein ganz neues Gefühl, einen solchen Eingriff in eigener Verantwortung zu machen. Dann fing die Wunde auch noch fürchterlich zu bluten an.

Ist aber alles gut gegangen.

Ja, ich hatte es überstanden. Heute mag ich den Begriff Routine nicht, weil jeder Eingriff immer etwas Besonderes ist. Aber gewisse Mechanismen und Handgriffe wiederholen sich. Das macht einen Operateur gelassener, unaufgeregter.

Niemand weiß, wie so ein Tag in der Unfallchirurgie endet, welche Verletzungen operiert werden müssen. Gibt es Fälle, wo sie in Burg an Ihre Grenzen stoßen?

Kaum. Schädel, Becken, Beine, Bauch. Auch die Wirbelsäule, hier in Burg können die Spezialisten fast das gesamte Unfallspektrum behandeln. Aber es gibt natürlich einfache Dinge wie eine Unterarmfraktur oder komplizierte Einlieferungen. Da fällt mir ein Autobahn-Unfall ein, der uns drei schwerverletzte Patienten bescherte, die der deutschen Sprache nicht mächtig waren. Das macht eine vernünftige Diagnose in der Nacht äußerst schwierig.

Wie sehen Sie die Unfallpatienten, sind es Fälle oder blutende Menschen?

Wenn der Rettungswagen einen Schwerverletzten einliefert, ist es für uns zunächst ein Fall, ein Schädelbasisbruch zum Beispiel. Da ist wenig Zeit für Emotionen, sondern schnelle Hilfe gefragt, um ein Leben zu retten. Erst im Laufe der Behandlung kommt die menschliche Komponente hinzu. Bei der Visite am nächsten Tag lasse ich mir gern erklären, wie der Unfall passiert ist. Ohnehin war es immer meine Devise, viel mit den Menschen zu reden. Erst dann werden die nächsten Schritte der Behandlung eingeleitet.

Die Zeit für Gespräche ist also vorhanden?

Natürlich. Ganz nüchtern betrachtet sind wir Ärzte genauso Dienstleister am Menschen wie Friseure oder Masseure. Wenn uns die Leute nach der medizinischen Behandlung weiterempfehlen, haben wir alles richtig gemacht.

Nach mehr als 10000 Operationen in fast 40 Jahren sind Sie ein bekannter Mann im Jerichower Land. Können Sie in Ruhe einkaufen gehen?

Es stimmt. Man wird auf der Straße sehr, sehr häufig angesprochen. Und ich gebe zu, ich erkennen nicht jeden Menschen sofort wieder. Oft hilft mir meine Frau dann auf die Sprünge.

Auch medizinisch hat sich in den vergangenen 40 Jahren einiges geändert. Wie haben Sie das erlebt?

Zu DDR-Zeiten war es im Gesundheitswesen manchmal wie mit den Bananen - etliche Dinge waren Mangelware. Da galt es, Kontakte zu nutzen, um die Medizintechnik zu besorgen. Geholfen hat uns die Nähe zur Transitautobahn, dadurch waren wir teilweise mit besseren Geräten und Implantaten ausgestattet als andere Häuser. Aber auch wenn es an manchen Dingen haperte - gestorben ist deshalb niemand.

Nach der Wende kam die Vielfalt.

Oh ja. Ich kann mich noch gut an diese Zeit erinnern. Manchmal sah es aus wie auf einem Rummelplatz. Weil über das Wochenende unzählige Pakete aus dem Westen angekommen sind. Unsere Ausstattung hat sich binnen kürzester Zeit geändert, aber die Arbeit blieb dieselbe. Für mich war immer noch wichtig, viel mit den Patienten zu sprechen.

Die Änderungen blieben dem Krankenhaus bis heute treu.

Das stimmt. Ich habe hier fünf Träger erlebt. Zum Glück gab es selten Eingriffe in den medizinischen Bereich. Betroffen waren immer die Rahmenbedingungen. Es sind auch unbequeme Entscheidungen gefallen. Aber geplant wurde früher wie heute. Dabei passen aus meiner Sicht das Gesundheitswesen und die Marktwirtschaft nicht zueinander. Einen Knochenbruch kann man nicht planen.

Sie kennen den Vorwurf der Krankenkassen, die Kliniken würden zu häufig operieren.

Das ist Unfug. Es mag ja schwarze Schafe auf diesem Markt geben, aber für Burg kann ich das ausschließen. Wenn ein Patient einen Leidensdruck verspürt, wird ihm geholfen. Dabei ist eine Operation immer die letzte Möglichkeit, wenn alle Alternativen nicht greifen. Auch daran hat sich in den vergangenen 40 Jahren nichts geändert.