Seit Juni bietet das Jugendwerk Rolandmühle benachteiligten Jugendlichen mit dem Projekt "Zukunftschance assistierte Ausbildung" berufliche Orientierung und Beratung im Gesamtpaket.

Burg l Tom K. hat keinen Schulabschluss. "Das ist früher alles ziemlich blöd gelaufen. Mit meinen Jungs habe ich angefangen, Gras zu rauchen und Alkohol zu trinken. Wir hatten einfach null Bock auf Schule", erzählt der 19-Jährige. Früher heißt: vor drei Jahren. Ausschlafen, Partys, unzählige Fehlstunden in der Schule - Rauswurf. "Am Anfang fand ich es cool, nicht zur Schule zu müssen. Doch kein eigenes Geld und immer nur Stress mit meiner Mutter - das hat schnell genervt." Das Arbeitsamt schickte ihn von einer Maßnahme zur anderen. "Ich wollte mein Leben endlich in den Griff kriegen und eine Ausbildung anfangen, am liebsten als Kfz-Mechatroniker." Doch allein ist der Weg schwierig.

Das wissen auch die Sozialpädagogen Stefanie Junghanns, Matthias Tennert und Christiane Maihöfer des Jugendwerks Rolandmühle. Sie stemmen das Projekt "Zukunftschance assistierte Ausbildung", kurz: ZaA. Damit bieten sie sozialbenachteiligten Jugendlichen berufliche Orientierung und Beratung. Das von dem Europäischen Sozialfonds finanzierte Projekt startete am 1. Juni und läuft noch bis zum 30. Juni 2015. Es richtet sich an Handwerksberufe, da hier spürbar der Nachwuchs fehlt - dabei bietet es Platz für 12 Jugendliche im Alter von 18 bis etwa 25 Jahren.

Die Jugendlichen werden vom Jobcenter oder von der Agentur für Arbeit an das Jugendwerk Rolandmühle vermittelt. Die drei Sozialpädagogen sorgen sich dann in einem Rundum-Paket um die jungen Menschen. Sie finden heraus, welche Schwächen und Stärken ein Jugendlicher hat, helfen beim Suchen und Finden einer Ausbildungsstelle - und unterstützen in allen Lebenslagen.

"Wir richten uns auch an Schulverweigerer"

Stefanie Junghanns

"Ziel des Projektes ist es, benachteiligte Jugendliche über ein Praktikum in eine Ausbildung zu vermitteln. Wir richten uns an Schulverweigerer und junge Menschen, die von Maßnahme zu Maßnahme geschickt wurden. Bei uns muss sich keiner schämen", erklärt Projektleiterin Stefanie Junghanns. Die 27-Jährige hat einen Master in betrieblicher Berufsbildung und im Berufsbildungsmanagement. "Unser Projekt ist trial. Das bedeutet, wir arbeiten mit dem Auszubildenden, dem Betrieb und der Berufsschule zusammen. Ein Schulabschluss ist nicht zwingend notwendig, bei den Ausbildern jedoch gern gesehen", erklärt sie weiter. "Viele der Jugendlichen haben mit Drogenabhängigkeit, familiären Problemen oder zum Teil hohen Schulden zu kämpfen. Diese sind bei uns genau richtig", fügt Matthias Tennert hinzu.

Der 28-jährige Bildungswissenschaftler und systemischer Bildungscoach begleitet seine Schützlinge während der gesamten Ausbildungszeit und hilft, genau wie seine Kolleginnen, auch bei privaten Problemen. "Wir haben Diensthandys und sind immer per SMS oder Anruf für die Jugendlichen da. Bei familiären Problemen versuchen wir natürlich auch, die Angehörigen ins Boot zu holen, sehen Hausbesuche vor und suchen das Gespräch. Wenn es nicht anders geht, holen wir die Jugendlichen auch von zu Hause ab und bringen sie zur Berufsschule."

Neun der 12 Plätze sind bereits fest vergeben. "Die einzigen Bedingungen sind, dass die Jugendlichen ausbildungsreif, das heißt, 18 Jahre alt, und motiviert sind", erklärt Tennert. "Momentan haben wir drei junge Frauen und sechs junge Männer, darunter sind zwei Migranten - unsere Tür steht selbstverständlich jedem offen", führt Junghanns weiter aus. Von den neun Jugendlichen konnten schon zwei erfolgreich zum 1. August in einen Handwerksbetrieb vermittelt werden, zwei weitere beginnen ihre Ausbildungen am 1. September. Tom K. ist einer von ihnen. "Das Team hat von Anfang an an mich geglaubt und mich unterstützt. Manchmal war es auch nervig, weil sie viel fordern. Aber jetzt bin ich echt dankbar und will mich richtig anstrengen." Gemeinsam mit den Mitarbeitern des Jugendwerks Rolandmühle konnte er eine passende Lehrstelle finden.

"Das Motto lautet "Hilfe zur Selbsthilfe"

Matthias Tennert

Durch das triale Programm stehen die Sozialpädagogen auch den Betrieben und Berufsschulen zur Seite. "Signalisiert die Berufsschule oder das Unternehmen, dass der Abschluss der Ausbildung in Gefahr stehen könnte, greifen wir ein. Sie sind dankbar für die sozialpädagogische Hilfe. Wir finden gemeinsam mit den Jugendlichen heraus, worin ihre Kompetenzen liegen, stärken sie darin und ermutigen sie. Genauso arbeiten wir auch an den Schwächen", erzählt Christiane Maihöfer. Sie ist der Coach für soziales Training des Trios. Dabei sind teambildende Maßnahmen allerdings genauso wichtig wie Einzelfall-Coaching. "Um die Teamfähigkeit, die in einem Betrieb unabdingbar ist, zu stärken, waren wir vor einiger Zeit im Hochseilgarten, haben eine Stadtrallye gemacht und gemeinsam gegrillt. Drei weitere Teammaßnahmen sind noch geplant. Auch Sexualpädagogik ist ein Teil des Programms", so die 42-Jährige.

Die Sozialpädagogen bringen den Jugendlichen bei, einem strukturierten Alltag zu folgen. Doch dafür müssen meist erstmal Altlasten abgeschüttelt werden. "Schulden beim Handyanbieter oder bei den Stadtwerken sind keine Seltenheit", erklärt Junghanns. "Das Motto lautet `Hilfe zur Selbsthilfe`, also geben wir Hilfestellung bei Behördengängen oder Tipps, wenn die Jugendlichen sich um ihre Schulden kümmern. Anrufen müssen sie aber selbst. Sie sollen ja aus Fehlern lernen", fügt Matthias Tennert hinzu.

Trotz der manchmal erschütternden Hintergründe der Jugendlichen, haben die drei Sozialpädagogen bisher gute Erfahrungen gemacht. "Sie werden in der Regel schnell mit uns warm und sind recht zugänglich. Das liegt auch an unserem Alter. Wir stellen etwas zwischen Vaterfigur und Freund dar. Ein Vertrauensverhältnis ist bei unserer Arbeit wichtig", resümiert Tennert die ersten Monate des für Jugendlichen, Betrieb und Berufsschule gänzlich kostenlosen Projektes, das auch im Raum Magdeburg 24 Plätze bietet und im Sommer 2015 zu Ende sein wird. "Es sieht aber gut dafür aus, dass es weiterläuft", ergänzt Junghanns.