Das Fortunatus-Haus auf dem Gut Lüben bietet Angehörigen von Demenzerkrankten einen Ort, an dem sie ihre Lieben tageweise in fürsorgliche Hände geben können.

Burg l Wenn Schwester Lydia lacht, dann möchte man sofort mitlachen. Die 60-Jährige ist das, was man als Sonnenschein bezeichnet - herzensgut, fröhlich und immer mit einem Lächeln auf den Lippen anzutreffen. Lydia Felgenhauer leitet die Tagesbetreuung für Demenzerkrankte im Fortunatus-Haus des Cornelius-Werkes.

Tagsüber hat die Einrichtung Platz für acht Senioren. Von 8 bis 16 Uhr wird gespielt, gesungen und gemeinsam gekocht.

"Der Tag beginnt mit einem zweiten Frühstück", erzählt Schwester Lydia. "Dazu gibt es dann unsere Tagessprüche." Ein schönes Ritual. Jeder Gast, so nennt Schwester Lydia "ihre" Besucher, darf aus einem Beutel einen gefalteten Zettel ziehen. Dieser wird dann laut vorgelesen. Sprüche wie "Nicht jeder Tag ist ein Sonntag, aber jeder Tag ist ein Geschenk" werden diskutiert. Jeder Gast kann sagen, was ihm dazu einfällt und seine Gedanken mit der Gruppe teilen - dafür gibt es auch manchmal Applaus. So wie vergangenen Donnerstag. Da stand außerdem etwas Besonderes auf dem Programm.

Tagessprüche als festes Ritual

Karin Hönicke empfing die Gruppe im Altstadt-Café - das hatte einen speziellen Grund: Das Altstadt-Café steht am ältesten Burger Platz. Der perfekte Ort also, um auf eine kleine historische Reise zu gehen, zu der das Mitglied des Heimatvereins die Gäste einlud. Doch der Tag begann auch hier für die Gruppe wie gewohnt mit einem zweiten Frühstück - in Form eines leckeren Stücks Käsekuchen und eines Kaffees.

Natürlich durften auch im Altstadt-Café die Tagessprüche nicht fehlen. Einer lautete: "Nehmt die Menschen wie sie sind, nicht wie sie sein sollen" - ein sehr passendes Zitat des österreichischen Komponisten Franz Schubert zu diesem Anlass.

Dann hielt Karin Hönicke einen spannenden Vortrag über die Geschichte Burgs. Dabei hatte sie einiges zu bieten. Sie erzählte, wie die Stadt von Slaven besetzt wurde und wie Heinrich der Erste, seines Zeichens erster König von Deutschland, diese bekämpfen wollte. Dass es Burg seit nunmehr 1066 Jahren gebe, die Stadt seit jeher Burg hieße und man sich bis heute nicht einig sei, ob es in Burg eine Burg gegeben hätte oder nicht. Die Senioren hörten gespannt zu, allen voran Horst-Jürgen Weisheit. Er nutzt das Angebot des Cornelius-Werkes einmal wöchentlich und brachte sich immer wieder in den Vortrag ein. Vieles von dem, was Karin Hönicke erzählte, kannte er bereits und konnte einiges ergänzen, das liege daran, dass er viel lese und sehr viele Bücher zu Hause habe. Der geborene Thüringer wohnt seit längerer Zeit in Schermen. Mit 67 Jahren ist er der das Gruppen-Küken - der älteste Gast ist 92.

Nach dem Vortrag ging es für die Senioren noch zum Burger Hexenturm. Karin Hönicke hatte die Schlüssel für die im 11. Jahrhundert erbaute Sehenswürdigkeit besorgt. Ein toller Abschluss der Exkursion. Danach kehrte man wieder gemeinsam in das Fortunatus-Haus zurück.

Es gibt ein großes Spektrum an Aktivitäten

Ziel des Betreuungsangebotes ist es, die Selbstständigkeit der Tagesgäste zu erhalten, zu aktivieren und die Freude an der Gemeinschaft zu fördern. "Zu unserem Angebot gehören unter anderem Bewegung nach Musik, themenorientierte Gesprächskreise, jahreszeitliches Basteln, Übungen zur Konzentrationsförderung und das Arbeiten mit biografischen Dingen", erklärt Schwester Lydia. Zudem gebe es tägliche Höhepunkte, die individuell auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmt werden. Ein Tag im Fortunatus-Haus wird in der Regel von den Pflegekassen mitfinanziert. Zu dem riesigen Spektrum an Aktivitäten ist in dem Preis auch noch das Mittagessen enthalten. Das allerdings wird nicht etwa in einer Kantine gekocht. Die Gäste planen zusammen, was sie gern essen möchten, gehen dann gemeinsam einkaufen und bereiten die Gerichte selbst zu. "Hauswirtschaftliche Tätigkeiten fördern das Kurzzeitgedächtnis", weiß Schwester Lydia. Deshalb werde zum Beispiel auch gemeinsam Wäsche gewaschen.

Insgesamt nehmen derzeit 22 Menschen das Angebot in Anspruch. "Es gibt Gäste, die ein-, zwei- oder dreimal die Woche zu uns kommen. Die Angehörigen wissen das zu schätzen, denn so können sie sich guten Gewissens einen Tag für sich nehmen. Manche Menschen haben allerdings noch Angst vor der Gruppe, in solchen Fällen betreuen wir sie auch gerne zu Hause", erzählt die gelernte Krankenschwester, die das Projekt seit zwei Jahren leitet. Sie ist neben drei Ehrenamtlern und einer geringfügig beschäftigten Mitarbeiterin die einzige Festangestellte.

Beobachtet man Schwester Lydia einen Moment bei ihrer Arbeit, wird schnell klar, dass sie für ihren Job lebt. Jeden ihrer Gäste spricht sie mit dem Namen an, kennt die Bedürfnisse jedes Einzelnen und seine Geschichte. "Ich weiß genau, wenn ich bald 63 Jahre alt bin, dann mache ich auf jeden Fall weiter. Dies hier ist meine Berufung."

Schwester Lydia lacht wieder herzlich und man muss sofort mitlachen - so wie eigentlich immer.