Ist es noch derselbe Schornsteinfeger, der im Januar an der Wohnungstür steht? Ja! Trotz Ausschreibungen der Landesverwaltung bleibt in fast allen Kehrbezirken alles beim Alten.

Genthin/Burg/Parey l Neun von zwölf Schornsteinfeger-Kehrbezirke im Jerichower Land sind in diesen Tagen neu vergeben worden. Die Handwerksmeister übernehmen ihr Revier ab Januar: "Das ganze Vergabeprozedere ist bereits vollzogen, jedoch müssen jetzt noch Widerspruchsfristen eingehalten werden", erklärt Denise Vopel. Die Sprecherin des Landesverwaltungsamtes sagt aber auch: "In den meisten Fällen behalten die Bezirksschornsteinfegermeister ihre bisherigen Reviere." Das Jerichower Land ist in zwölf Kehrbezirke eingeteilt. Diese umfassen etwa 24000 Grundstücke, auf denen es gilt, die Feuerstätten zu begutachten.

Früher wurden Bezirke auf Lebenszeit vergeben

Im Januar werden dann alle 243 Kehrbezirke Sachsen-Anhalts neu vergeben sein. Diese Vergaben gibt es erst seit 2008. Zuvor wurden die Bezirke nach einer mehr als 70-jährigen Praxis auf Lebenszeit vergeben. Dieses Monopol hatte die Europäische Union als Verstoß gegen das Grundrecht auf Niederlassungsfreiheit angesehen. Deshalb trat 2008 in Deutschland ein neues Schornsteinfeger-Handwerksgesetz in Kraft.

Jetzt werden die Kehrbezirke öffentlich vom Landesverwaltungsamt ausgeschrieben und für jeweils sieben Jahre vergeben. 79 Kehrbezirke sind in Sachsen-Anhalt bereits ausgeschrieben worden, weil die alten Handwerksmeister wegen Rente oder Krankheit ihre Bezirke abgegeben hatten. Die Ausschreibung der anderen 165 Kehrbezirke ist jetzt vollzogen worden.

Nicht jeder darf alles

Wie oft die Menschen in der Region mit ihrem Bezirksschornsteinfegermeister Bekanntschaft machen werden, hängt von ihnen selbst ab. Sie können sich seit über einem Jahr den Schornsteinfeger für die meisten anstehenden Arbeiten selbst aussuchen.

"Dieses Wahlrecht gilt aber nur, wenn es sich um Immissionsschutz-Messungen oder Schornsteinreinigungen handelt. Nicht aber, wenn es um die sogenannte Feuerstättenschau geht", sagt der Pareyer Schornsteinfegermeister Jürgen Herrmann. Er ist für die Magdeburger Schornsteinfeger-Innung der Kreismeister des Jerichower Landes. Er sagt nicht nur aus eigener Erfahrung: "Es sind in der Praxis nur wenige Leute, die den Schornsteinfeger wechseln wollen."

Eine Feuerstättenschau darf nur der amtlich bestätigte Bezirksschornsteinfeger des Kehrbezirkes vornehmen. Laut Denise Vopel ist der Bezirksschornsteinfegermeister "ein funktionaler Teil der öffentlichen Verwaltung". Bedeutet: Ein Grundstücksbesitzer kann dem Meister den Zutritt nicht verweigern. Seine Maßnahmen kann er unter Umständen auch mit Hilfe der Polizei absolvieren. Auch kann er ausstehende Gebühren mit Hilfe der öffentlichen Verwaltung eintreiben. Vopel: "Der Meister steht in einem öffentlich-rechtlichen Amtsverhältnis."

In den kommenden sieben Jahren werden die Meister wie Jürgen Herrmann voraussichtlich jede Feuerstätte zweimal begutachtet haben.

Die betroffenen Haushalte haben in der Vergangenheit sogenannte Feuerstättenbescheide erhalten, aus denen hervorgeht, wie oft und wann welche Kontrollen und Reinigungen zu erfolgen haben.

800 Bewerbungen für 165 Kehrbezirke

In Sachsen-Anhalt haben dem Landesverwaltungsamt zufolge 179 Schornsteinfegermeister insgesamt 805 Bewerbungen für diese 165 Bezirke abgegeben haben. Ein Meister hat sich sogar auf alle Kehrbezirke des Landes beworben. In der Regel haben sich die jeweiligen Inhaber der Kehrbezirke (93 Prozent) auch auf ihre bislang verwalteten Kehrbezirke neu beworben.

Die im Vorfeld des neuen Schornsteinfeger-Handwerksgesetzes von Kritikern geäußerte Befürchtung, dass ein Ausverkauf von Kehrbezirksrechten an EU-Ausländer zu erwarten sei, hat sich nicht bestätigt. In Sachsen-Anhalt gibt es keinen Bewerber aus dem EU-Ausland. Selbst die anderen deutschen Bundesländer sind kaum vertreten - nur zwei Bewerber gibt es, einer kommt aus Sachsen, ein zweiter aus Niedersachsen.

Probleme bei der Neuvergabe der Kehrbezirke sehen Fachleute auf einige ältere Kollegen zukommen. Die Neuvergaben berücksichtigen auch den Qualifizierungsgrad des Bewerbers. Jemand, der kurz vor dem Ruhestand steht, kann da vielleicht weniger nachweisen als junge Kollegen.

Welcher Schornsteinfeger bei den Neuvergaben zum Zuge kommt, teilte das Landesverwaltungsamt den Bewerbern bereits mit.

Zur klassischen Zunftbekleidung gehören Zylinder und Kehr-Anzug mit Koller (nur Laien sagen Jacke). Im Alltag tragen viele Schornsteinfeger Latzhose, natürlich schwarz. Auf dem Koller ist im Idealfall der Heilige St. Florian abgebildet. Der Heilige ist außer der Feuerwehr auch der Schutzpatron der Schornsteinfeger.

Ob Zentralheizung oder Einzelofen - wer mit Holz, Kohle oder anderen festen Brennstoffen heizt und diese von Hand beschickt, kann sich übrigens durch den Schornsteinfeger über das richtige Heizen beraten lassen. Der Termin muss selbst vereinbart werden. Bei Neuanlagen muss das innerhalb eines Jahres nach Errichtung geschehen, für alte Heizanlagen bis zum Ende des Jahres.

Im Schnitt besteht ein Schornsteinfegerbetrieb in Sachsen-Anhalt aus dem Inhaber und einem Angestellten. Es gibt aber schon einige Betriebe, die keinen Gesellen mehr haben. Kehren, messen und überprüfen von Heizanlagen darf nach der Neuregelung in Deutschland jeder Schornsteinfeger, unabhängig vom Einsatzort. Früher waren Schornsteinfeger in ihrer Tätigkeit an den Kehrbezirk gebunden, den ihnen die Behörden im Ergebnis einer Ausschreibung zugeteilt hatten.

Doch seit 2013 haben Haus- und Wohnungseigentümer die Wahl, wem sie als Schornsteinfeger den Auftrag für Überprüfungs-, Kehr- und Messarbeiten geben.