Ob Bus- oder Zugunglück, eine Industriehavarie, Explosion oder ein Crash auf der Elbe - bei den Rettungskräften muss jeder Handgriff sitzen. In Heyrothsberge testeten am Freitag angehende Notärzte den Ernstfall.

Heyrothsberge l Ein Verwundeter auf der Schiene, der Straßenbahnfahrer geht in die Eisen. Die Bahn bremst abrupt, die Gäste fallen übereinander, viele sind verletzt. Miriam Klimak ist als Notärztin die Erste am Unfallort. Als sie den Unglückswagen betritt, wird sie am Arm festgehalten. "Mir geht es schlecht." "Ich kriege keine Luft." Die Patienten schreien vor Schock wild durcheinander, sind blutüberströmt. Einige haben offene Wunden, andere sind nicht ansprechbar. Die angehende Notärztin behält den Überblick, notiert sich die Anzahl der Verletzten und die Schwere der Verletzung. Dann fordert sie weitere Hilfe an.

Was sehr real wirkte, war die Abschlussübung des Kurses "Notfallmedizin" am Institut für Brand- und Katastrophenschutz in Heyrothsberge von der Akademie für medizinische Fort- und Weiterbildung der Ärztekammer Sachsen-Anhalt. Zwölf angehende Notfallmediziner hatten sich die Theorie zuvor in einem achttägigen Seminar angeeignet. "Der Kurs umfasst insgesamt 80 Stunden Ausbildung zu den Besonderheiten des Rettungsdienstes", erklärt Ausbildungsleiter Dr. Frank Reinhold. Neben der medizinischen erfolgt auch eine organisatorische Ausbildung, denn "der Rettungsdienst ist etwas ganz anderes, als in einem Krankenhaus zu arbeiten", weiß der erfahrene Notarzt. Es gehe vor allem um die Orientierung vor Ort. "Der Notarzt muss einschätzen, welche Person als erstes behandelt werden muss, wie ich die Patienten trenne und welche Hilfe ich noch benötige. Und das muss möglichst schnell gehen", erklärt Reinhold.

Ortswechsel: In einer Großraumdisko im Untergeschoss eines Gebäudes kommt es zu einer Massenschlägerei. Es ist dunkel, die Musik laut. Viele der Verletzten sind nicht auf Anhieb zu erkennen. Die Gäste sind zum Teil angetrunken, fuchteln mit Messern herum. Auch hier behalten die Notärzte den Überblick. In fünf Minuten müssen sie die wichtigsten Informationen notiert haben. Es ist die zweite Station der Abschlussübung. "Mit dem fehlenden Licht kommt noch ein weiteres Extrem hinzu. Aber auch hier dürfen die Ärzte nicht die Konzentration verlieren", betont der Ausbildungsleiter.

60 angehende Altenpfleger der Magdeburger Berufsschule Dr. Otto Schlein haben ihren Projekttag dazu genutzt, um als Statisten der Übung einen sehr realitätsnahen Charakter zu verleihen. Geschminkt wurden sie von Christiane Mohs-Käferstein vom Arbeitersamariterbund. "Jeder Statist hat eine Nummer bekommen, die ein bestimmtes Verletzungsbild darstellt. Entsprechend müssen sich die Jugendlichen auch verhalten", erklärt sie das Prinzip.

Der lange Weg bis zum ausgebildeten Notarzt

Für die zwölf Teilnehmer der Fortbildung ist der Weg zum Notarzt noch ein weiter. Vor dem Kurs müssen die jungen Ärzte bereits zwei Jahre in einem Krankenhaus gearbeitet haben. "Gewisse Basiskenntnisse sind einfach notwendig, um diese Fortbildung zu absolvieren", sagt Reinhold. Des Weiteren bedarf es dann die sechsmonatige Arbeit auf einer Intensivstation beziehungsweise in einer Notaufnahme und ein Einsatzpraktikum, bei dem man mit erfahrenen Notärzten mitfährt. Abschließend folgt eine schriftliche Prüfung.

Für Miriam Klimak war der Einsatz eine ungewohnte Situation. "Alle zerren an einem, man muss in kurzer Zeit viele Eindrücke verarbeiten, das ist nicht einfach." Doch auch in der Extremsituation hat sie etwas gelernt. "Die, die am lautesten schreien, sind meistens gar nicht richtig verletzt", sagt die Jungmedizinerin.

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