Schermen (jeh) l Die Zahl "Sieben" kann im Zusammenhang mit den unterschiedlichsten Dingen stehen: sieben Wochentage, das verflixte siebte Jahr, sieben Zwerge, Siebenschläfer oder - wie im Fall von Mathias Lehmann aus Schermen - sieben Jahre für seinen Roman "Septembertage". Ein langer Zeitraum zum Schreiben eines Buches, denkt man im ersten Moment. "Aber es ist nun mal ein Hobby", sagt der Autor. "Und damit ein stetes Ringen mit dem Alltag um ein paar Minuten Zeit. Diese bleibt eigentlich nur in den späteren Abendstunden, aber ich würde es nicht tun, wenn es nicht auch Freude und Entspannung bringen würde."

Und wie kommt man auf die Idee, gleich ein ganzes Buch zu schreiben? Die Antwort des Autors ist immer die Gleiche: "Auf die Idee muss man nicht kommen, man tut es einfach. Der Wunsch, selbst irgendwann einmal etwas zu schreiben, steckt in jedem, der gerne liest", glaubt er. "Ein kleiner Schritt ist es dann nur noch zu der Entscheidung, es zu versuchen." Bei Mathias Lehmann war es jedenfalls so, und das Ergebnis ist ein über 350 Seiten langer Gegenwartsroman über Verlust und Rache, Liebe und Hass, Verfolgung und Flucht sowie Selbstfindung und Ehrlichkeit. "Alles Dinge, über die es sich lohnt zu schreiben, weil sie den Alltag der meisten Menschen - mal mehr, manchmal weniger - begleiten", sagt er. "Dinge, die einem einfach ohne eigenes Zutun passieren und denen es dann gilt, sich zu stellen, im günstigsten Fall sogar an ihnen zu wachsen." Und was passt als Rahmen für solch eine Handlung besser, als ein Stück deutscher Geschichte der jüngeren Vergangenheit - die spannende Zeit der unruhigen Wendemonate des Jahres 1989? Eine Epoche, deren Ereignisse den Autor selbst als jungen, in der ehemaligen DDR aufgewachsenen Mann ziemlich unverhofft überrollt hatten.

Der Roman entführt den Leser zu großen Teilen in diese aufregende Zeit. Da ist der siebzehnjährige Waisenjunge Hannes, behütet aufgewachsen bei seiner Großmutter am Rande eines beschaulichen Städtchens am Fuß der Alpen. Die Ereignisse rund um die deutsche Wiedervereinigung hat er, im Jahr des Mauerfalls gerade einmal geboren, nie bewusst kennengelernt. Unspektakulär und geordnet ist sein Alltag, doch dann kommen die Veränderungen. In Gestalt eines mysteriösen Fremden brechen sie plötzlich in Hannes` Leben ein - und wieso zieht ihn seine neue Mitschülerin Linda auf so unerklärliche Weise in ihren Bann? Zwischen ihr und dem Fremden scheint es eine Verbindung zu geben. Doch als Hannes versucht, die Geheimnisse der beiden zu lüften, begibt er sich auf eine Reise in die Vergangenheit, welche sein gesamtes bisheriges Leben in Frage stellt. Ereignisse des Jahres 1989 - die letzten Monate im Kampf um den Fall der Grenzen zwischen Ost und West - werden plötzlich zum Mittelpunkt seiner Gedanken und seines Handelns. Dabei wird Hannes nach und nach bewusst, dass das ihm bekannte Bild seiner Herkunft unaufhaltsam am Zusammenbrechen ist.

Manchmal wird der Autor gefragt, ob der Handlung eine wahre Begebenheit zugrunde liegt. "Nein, aber sie hätte so passieren können", sagt er. Diese Tatsache ist ihm besonders wichtig, denn nur dann bleibt die Geschichte authentisch. Eigene Erfahrungen, wie das Aufwachsen in einer Kleinstadt der damaligen DDR sowie 18 Monate Wehrdienst an den Grenzübergängen in Berlin kurz vor deren Öffnung, haben ihm beim Schreiben geholfen. "Dennoch ist das Buch keine Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit", meint Mathias Lehmann, lenkt dann aber doch ein wenig ein. "Vielleicht unbewusst, an der einen oder anderen Stelle."

Und weshalb der Titel "Septembertage"? Die Antwort sei einfach: "Ich mag einfach das Flair des Septembermonats und habe die Handlung deshalb zu großen Teilen dort angesiedelt. Und dann lag es einfach nahe, dies auch auf den Titel zu übertragen. Im Grunde geht es in dem Roman auch um Abschied, und zwar von dem, was einem der Alltag mitunter vorgaukelt - aber es ist dennoch nicht das Ende. Ähnlich verhält es sich mit dem September. Der Sommer verabschiedet sich, es wird ruhiger - aber nach dem Winter geht es mit neuer Kraft wieder los, das Leben geht weiter. Und damit hat der Titel doch noch einen tieferen Bezug zur Romanhandlung."

"Septembertage" ist alles andere, als eine biedere Geschichtsstunde. Vielmehr ist es ein Roman, der durch Ehrlichkeit besticht, indem die Erlebnisse der Protagonisten stellvertretend sind für die vielen tausend unterschiedlichen Einzelschicksale, welche mit dem Fall der innerdeutschen Grenze bis heute im Zusammenhang stehen. Authentische Charaktere geben der Handlung ein Gesicht, die vielschichtigen, aber dennoch logischen Handlungsstränge lassen keine Frage offen und der Spannungsbogen baut sich bis zum Finale stetig auf.

Mathias Lehmann wurde 1968 in Berlin geboren und wuchs in der kleinen Spreewaldstadt Lübben auf. Nach einem Bauingenieurstudium in Cottbus und einigen Berufsjahren in seiner alten Heimat, lebt er heute mit Frau, zwei Töchtern, Hund und Katze in Schermen in der Nähe von Magdeburg. Dort betreibt er zusammen mit seiner Frau ein eigenes Ingenieurbüro.

Mit "Septembertage" hat er in diesem Jahr seinen ersten Roman veröffentlicht.

Mathias Lehmann: "Septembertage", IATROS-Verlag 2014, ISBN: 978-3-86963-530-9, 17,95 Euro

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