Eine 1340 Hektar große Fläche zwischen Schartau und Blumenthal könnte beim nächsten Hochwasser absichtlich überschwemmt werden: Ein potenzieller Polder laut Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Umweltministerium. Doch vor Ort haben Behördenvertreter das Gespräch noch nicht gesucht.

Schartau l Hochwasserpolder werden durch Deiche abgetrennt und bei Bedarf geflutet. Das Ziel: Den Gipfel einer Flutwelle verkleinern. Genau so ein Polder könnte zwischen Schartau und Blumenthal entstehen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Landesbetriebes für Hochwasserschutz (LHW) und des Umweltministeriums. Dabei wurde nach Überschwemmungsflächen gesucht. Und vor der Stadt Burg - zum Großteil auf Ackerland - könnte nun eines von 42 Vorhaben realisiert werden.

Bei den Anwohnern sorgt das für Unsicherheit. "An so einer Entscheidung können ganze Existenzen hängen", erklärt Schartaus Bürgermeister Hans-Horst Borg. Nach dieser Information stände man im Ort vor vielen offenen Fragen: Was wird aus den überfluteten Flächen? Können die danach wieder genutzt werden? Wie nah soll der Polder an die Ortschaft reichen?

LHW-Mitarbeiter sollen eingeladen werden

Die Mitarbeiter der Landesbehörden haben bisher weder das Gespräch mit der Kommune noch mit den betroffenen Ortschaften gesucht. Auch an die Eigentümer der Ackerflächen sei bisher niemand herangetreten. Aus diesem Grund strebt Bürgermeister Borg eine öffentliche Versammlung an. "Gut wäre, wenn wir gemeinsam mit der Burger Stadtverwaltung einen Vertreter vom LHW einladen könnten, um unsere Fragen zu stellen."

Auch in der Burger Stadtverwaltung hat man bisher nichts von den 1340 Hektar, die laut der aktuellen Studie des Landes als Polder dienen könnten, gehört. Das räumt Stadtsprecher Bernhard Ruth ein. Auf der jüngsten Stadtratssitzung hatte Hans-Horst Borg das Thema auf den Tisch gebracht - und die Verwaltung gebeten, in Kontakt mit den Landesbehörden zu treten. "Wir gehen fest davon aus, dass wenn der Vorschlag realisiert werden soll, die Stadt befragt und einbezogen wird", erklärt Ruth.

Man nehme diese Information in der Stadtverwaltung jedoch nicht locker hin. "So eine Maßnahme muss ordentlich geprüft werden, da hier verschiedenste Interessen aufeinander treffen", so Sprecher Ruth. Aus diesem Grund geht er von einem längeren Abwägungsprozess aus.

Das bestätigt Ingo Runge vom LHW: "Bis Ende 2015 soll das Konzept soweit Statur angenommen haben, dass dann mit den Betroffenen die Detailgespräche geführt und die Planfeststellungsverfahren vorbereitet werden können." Bei der vorgestellten Studie seien vorerst nur Suchräume betrachtet wurden. Warum kommt der Bereich Schartau/Blumenthal in Frage? "In der Studie wurde zunächst allein nach der Topografie vorgegangen. Wohin würde sich das Wasser anhand der bekannten Höhen ohne Deiche ausdehnen?", erklärt Runge. Zusätzlich sei das Rückhaltepotenzial bewertet, große Siedlungsgebiete ausgeschlossen und die Folgen für die bisherige Nutzung und Infrastruktur untersucht worden.

Unsicherheit bei Anwohnern und Naturschützern

Wichtig für den LHW-Mitarbeiter: "Das heißt nicht, dass das alles so kommen muss, dies ist lediglich der theoretisch ermittelte Stand des Möglichen." Doch das Potenzial des Polders sei beträchtlich. Rund 42 Millionen Kubikmeter Wasser könnten dort abgefangen werden.

Darüber, dass "die Studie erst einmal eine große Unruhe in der Bevölkerung und insbesondere unter den Landwirten auslösen kann", ist man sich beim LHW bewusst. Doch: "Sie soll der Einstieg in die Diskussion sein, in der alle Pro- und Kontrapunkte analysiert werden", sagt Runge.

Neben den Landwirten sorgen sich die Anwohner. "So ein Polder könnte sich auf die Lebensqualität im Ort auswirken", erklärt Schartaus Bürgermeister. Naturschützer hingegen befürchten Giftstoffe im Wasser und Fischesterben. "Wird ein Polder geflutet, der ackerbaulich genutzt wird, werden bei Entleerung Nährstoffe und Pflanzenschutzmittel in den Fluss geleitet", sagt Oliver Wendenkampf vom BUND Sachsen-Anhalt. Dazu würden die Fische in so einem Überschwemmungsgebiet "in Größenordnungen sterben". Ihnen fehle der Sauerstoff.

Wendenkampf fordert Deichrückverlegungen an Stelle von Poldern. Genau die sind laut LHW bei Hohenwarthe, Klietznick und in der Havelberger Region geplant. Was aus der Idee des Polders bei Burg wird, ist - wenn es nach Umweltminister Hermann Onko Aeikens geht - bis Ende 2015 entschieden.