Zu einem Nachdenken über Leben und Tod will der Förderverein St. Nikolaus Kirche Nedlitz mit seinen Führungen durch die Kirche und der Besichtigung der Nedlitzer Mumien anregen. In dieser Woche war die 2000. Besucherin zu Gast.

Nedlitz l Verstirbt ein Angehöriger, wird sein Leichnam schnell aus dem Haus geschafft. "Nachdenken über Leben und Tod passiert heute so nicht mehr", sagte Dr. Peter Weber, Vorsitzender des Fördervereins St. Nikolaus Kirche Nedlitz, anlässlich der 2000. Besucherin in der Kirche. Den Menschen gehe damit jedoch etwas verloren. Dagegen zu steuern sei das Grundanliegen des Fördervereins.

Der Vereinsvorsitzende hatte zwei gute Gründe, die jüngste Führung in der Nedlitzer Kirche zu eröffnen. Zum einen hieß er Antje Liebe als 2000. Besucherin herzlich willkommen. Weil sie zwischen ihren Kollegen als Dritte die Kirche betreten hatte, sorgte sie für den Sprung in die 2000er. Zum anderen bedankte sich Dr. Peter Weber bei Manfred Kuhnert, "dem wir es zu verdanken haben, dass wir heute die 2000. Besucherin begrüßen können". Manfred Kuhnert führt die Gruppen in der Regel durch die Kirche.

Am Montag handelte es sich um Mitarbeiter der Oberfinanzdirektion Magdeburg, die kontrollieren, ob EU-Fördermittel auch den Vorgaben gemäß verwendet werden.

Die Gruppe hatte nicht nur Freude an Manfred Kuhnerts lockeren norddeutschen Art, sondern war auch erstaunt, mit wie viel Begeisterung er sich in seine Aufgabe hereingearbeitet hat. Er wirkt tief verwurzelt, dabei ist er vor zehn Jahren erst nach Nedlitz gezogen.

Manfred Kuhnert lenkt die Aufmerksamkeit der Gruppe auf den Taufstein, dem wohl ältesten Kulturgut, mit dem St. Nikolaus aufwarten kann. Er erzählt, wie schwierig es war, herauszufinden, was es mit den Füßen, dargestellt sind ein Nackter, ein Gewandteter und ein Widder, und ihrem Zustand auf sich hat. Des Rätsels Lösung ist vermutlich einfach, dennoch überraschend: Die Füße gehören gar nicht zum Taufstein, sondern fanden in seiner Stütze wohl eine sinnvolle Wiederverwendung.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde Nedlitz zerstört

In Reichweite vom Taufstein befindet sich die Kanzel, die in den 1660ern Frau Orthmann von Spitznaß stiftete. Damit das nicht in Vergessenheit gerät, ist sie namentlich auf der Kanzel als Wohltäterin vermerkt. Dorf und Kirche hatten schwere Zeiten hinter sich. 1641 war Nedlitz bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

Auch das Fenster in der Apsis ging einst auf einen Spender zurück. Dass ein Fenster im Osten keine gute Idee war, weil die Gottesdienstbesucher bei schönem Wetter von der Sonne geblendet wurden und kaum Pfarrer oder Altar erkennen konnten, war erst klar, als es zu spät war. Sofort behoben wurde der Fehler nicht. Erst nach dem der Stifter verstorben war.

Manfred Kuhnert nimmt seine interessierten Gäste mit in den Altarbereich. Ob jemand die alte Schreibschrift der Widmung in der Luther-Bibel entziffern kann? Ein paar Namen und Worte kommen zusammen. Ein Lächeln können sich die Besucher aus Magdeburg nicht verkneifen, als Manfred Kuhnert ihnen das Wandepitaph von Robert Christian Hake vorstellt. Die weiß nachgezogenen, dicken Lippen seiner Büste lassen an eine unglückliche Schönheitsoperation denken. Manfred Kuhnert erklärt, dass eine Restauration des Wandepitaphs zu den Vorhaben des Fördervereins zähle.

Die Grabplatten sind weitere Besonderheiten der St. Nikolaus. Eigentlich sollte eine Eisenstange in den Kirchenboden getrieben werden, um die neuen Kirchenbänke auszurichten. Aber die Stange stieß auf Stein. Dort, wo man es nicht vermutet hätte. Ans Licht kamen die Grabplatten aus Sandstein.

Jahrzehntelang kümmerte sich niemand um die Kirche

Dass es gar nicht selbstverständlich ist, in der Nedlitzer Kirche zu stehen, schildert Manfred Kuhnert anhand der Ausstellung zur (Sanierungs-)Geschichte von St. Nikolaus. 1968 war der Turm aufgrund eines starken Risses gesperrt worden, kurz darauf die gesamte Kirche. In den neunziger Jahren holten sich die Nedlitzer ihre Kirche zurück ins Dorf. In Manfred Kuhnerts Worten klingt viel Respekt mit für die Frauen und Männer, die die ersten Arbeiten initiierten.

Im Turm zeigt der Nedlitzer Kirchenführer seinen Gästen die Ausstellung zur Begräbniskultur und stellt ihnen die Nedlitzer Mumien auf Schautafeln vor, bevor die Gruft die letzte Station des Rundgangs ist. Gespannt verfolgt die Gruppe, wie Manfred Kuhnert den Mantel über den Särgen von Johanna Juliane Pforte und Robert Christian von Hake nach hinten schiebt. Unter gläsernen Sargdeckel sind die "besterhaltensten Mumien nördlich der Alpen", so hat sie laut Manfred Kuhnert ein Experte bezeichnet, zu sehen. Keiner muss weggucken. Der Anblick der mumifizierten Toten ist nicht erschreckend. Aber ein Schauder geht Antje Liebe und ihren Kollegen über den Rücken, als ihnen Manfred Kuhnert von den Mutproben der Nedlitzer Jugend berichtet, die sich einst in der Gruft, in den Särgen abgespielt haben sollen.

Für seine Führung "mit so viel Herzblut" überreichen die Magdeburger eine Spende für den Förderverein an Manfred Kuhnert. "Wir haben uns das nicht so spannend vorgestellt, wie sie es vorgetragen haben."

Er zeigt ihnen, wofür ihre Spende Verwendung finden wird. Das nächste Projekt des Fördervereins wird die Restaurierung eines Bildes aus dem 17. Jahrhundert sein. Die Kosten werden auf bis zu 15 000 Euro geschätzt.

Weitere Informationen zu Kirche und Förderverein im Internet auf der Seite www.kirche-nedlitz.de.

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