Eine politische Bürgerbewegung, die Deutschland verändert hat: Im Herbst 1989 gehen die Menschen im Osten auf die Straße - um für ihre Rechte einzustehen. Auch im Jerichower Land. Der Burger Pfarrer Joachim Gremmes erinnert sich im Gespräch mit Redakteurin Franziska Ellrich.

Herbst 1989 in Burg: Welches Bild sehen Sie vor Ihrem inneren Auge?

Joachim Gremmes: Wie Hunderte Burger zum ersten Rathausgespräch wollten und auf der Straße standen, weil nicht genügend Platz war. Noch beeindruckender waren die Massen, die sich eine Woche später vor dem damaligen Hermann-Matern-Haus versammelten. Von der Mehrheit der Burger habe ich zuvor in der Öffentlichkeit wenig Interesse gespürt. Von Etlichen weiß ich aber, dass sie an Friedensgebeten und Demonstrationen in Magdeburg teilgenommen haben. Die große Menschenmenge bot ihnen Sicherheit.

Welche Stimmung herrschte dann am 6. November vor der heutigen Stadthalle?

Leute sind spontan nach vorne gegangen und haben kritische Fragen gestellt. Wir haben keine Bedrohungslage wahrgenommen, bewaffnete Polizisten waren im Gegensatz zu anderen Städten nicht zu sehen. Wie wir danach alle mit Kerzen losmarschiert sind, weiß ich noch ganz genau.

Sie waren Teil der Bürgerbewegung Neues Forum, das sich im September 1989 gegründet hat. Erinnern Sie sich an die Anfänge?

Lange vor dem Neuen Forum haben wir in Burg die Friedensgebete ins Leben gerufen. Jedes Jahr im November ging es dabei um die Ungerechtigkeit in der Welt. Aus meiner Stasi-Akte weiß ich, dass ich dabei Kontakt zum Feind gesucht haben soll: Wir haben den ANC in Südafrika und junge Schüler in Tansania unterstützt. Im Herbst ´89 wurde ich gefragt, ob ich beim Neuen Forum dabei sein möchte. Die Mitglieder haben einen Raum für ihre Zusammenkünfte gesucht. Ich bot ihnen das Gemeindehaus an. Jeder brachte dann immer ein Stück Kohle mit, um zu heizen.

Was war das Ziel?

Die staatliche Ordnung zu reformieren, damit sie den berechtigten Ansprüchen der Bürger entspricht. Dies sollte in allen Bereichen wie Bildung, Erziehung, Wirtschaft und bei den individuellen Freiheitsrechten geschehen.

Haben Sie damals an eine Wiedervereinigung gedacht?

Nein, weil mir klar war, dass die Vereinigung mit einem viel stärkeren Staat nur auf der Basis fairer Verträge möglich und ein Kollaps sonst zwangsläufig gewesen wäre. Wir haben von einer Konföderation geträumt, bei der die großen Unternehmen der Bundesrepublik denen der DDR unter die Arme greifen. So ein Ausmaß an Solidarität war natürlich illusorisch.

Hatten Sie Angst?

Ich wurde zum Glück weitesgehend in Ruhe gelassen. Und ich glaube, ich weiß auch warum. In meiner Akte steht: Gremmes ist gefährlich, weil er immer sagt, was er denkt. Jeder kannte also meine Meinung. Aber ich kenne andere Schicksale. Es war immer abhängig von Menschen. Ein Studienfreund, der für die alte Verfassung plädierte, wurde abgeholt - damals eine gängige Formulierung - und verschwand für einige Monate spurlos. Als er zurückkam, war er wie umgekrempelt und arbeitete für die Stasi.

Hätte man aus heutiger Sicht früher handeln müssen?

In Staatsbürgerkunde haben wir damals gelernt, dass für eine Revolution erst die revolutionäre Situation heranreifen muss. Und die war ´89 da. Die schlechte ökonomische Lage traf auf politische Ideale. Und die Staatsmacht konnte nicht mehr dagegen halten.

25 Jahre danach: Haben sich Ihre Visionen erfüllt?

Natürlich hat sich nicht alles, was ich mir wünsche, erfüllt. Aber ich kann heute mich selbst organisieren, Parteien beitreten, mich über Gewerkschaften oder das Gericht zur Wehr setzen, mich für die Armen und Schwächeren stark machen.

Und die Reisefreiheit?

Ich war nie so der Reise-Onkel. Aber ich habe heute Freunde in Israel, England und Schweden. Menschen, die vorher "Feinde" waren, sind jetzt Freunde. Außerdem fahre ich bei jedem Urlaub in Norddeutschland mindestens einmal mit dem Rad über die dänische Grenze - ohne kontrolliert zu werden. Das ist für mich jedes Mal wieder ein inneres Schützenfest.

Sind all diese Freiheiten für die neuen Generationen zu selbstverständlich?

Es ist ihr Alltag, und niemand darf dafür Dank erwarten. Das hat mich an der DDR immer so gestört, dass der Staat für die Erfüllung seiner Pflichten stets Dankbarkeit von den Bürgern gefordert hat. Wir müssen versuchen, die jungen Menschen in ein differenziertes Denken einzuführen. Ein "es war nicht alles schlecht" ist keine Kategorie und zu platt.

Funktionsträger von damals sitzen heute wieder im Amt - Erschreckend?

Es handelt sich um Menschen, sie müssen auch mit ihrer Geschichte ernst genommen werden. In der ersten Kommunalwahl im Mai 1990 wurde ich für den Stadtrat gewählt. Wir sollten die Ämter mit unbelasteten Leuten besetzen. Das war außerordentlich schwer. Ich war schnell desillusioniert, eine vollkommen neue Gesellschaft aufbauen zu können.

Und heute?

Bin ich voller Hoffnung, dass unsere Demokratie stark genug ist, unterschiedlichste Positionen auszuhalten und hoffe, dass jeder in ihr seinen Platz findet.

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