Glückwünsche, die vom Herzen kamen, nahm gestern Lieselotte Schleysing zu ihrem 90. Geburtstag entgegen. Als Bürgermeisterin lenkte sie zehn Jahre die Geschicke der Gemeinde Vehlitz.

Vehlitz l Vom Vorzimmer auf den Chefsessel: So erging es Lieselotte Schleysing vor 50 Jahren. Als der damalige Vehlitzer Bürgermeister krank wurde, ist die Gemeindesekretärin selbst als Bürgermeisterin vorgeschlagen worden. Der Amtsinhaber hatte die Lehrerin, die nach der Geburt ihrer Kinder nicht arbeiten ging, zehn Jahre zuvor als Sekretärin eingestellt, weil er es selbst "nicht so mit dem Schriftlichen hatte", erinnerte sich gestern Lieseotte Schleysing zurück.

Im Kreise von Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten und Weggefährten feierte sie ihren 90. Geburtstag. Am Wochenende folgt die große Feier mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln.

Neben Gommerns Bürgermeister Jens Hünerbein gehörten auch Brunhilde Kölbel und Hartmut Specht zu den Gratulanten. Damit saßen drei Vehlitzer Bürgermeister-Generationen an einem Tisch. Brunhilde Kölbel übte ihr Amt ab 1974 40 Jahre lang aus. Seit kurzem ist Hartmut Specht Vehlitzer Ortsbürgermeister. Während Brunhilde Kölbel in Vehlitz die Verantwortung übernahm, wurde Lieselotte Schleysing Bürgermeisterin in Möckern, und blieb es zehn Jahre lang bis zu ihrer Rente.

Dass ihre Mutter regelmäßig anmerke, dass sie neidisch sei, dass sie ins Rathaus fahre, verriet Rosi Hentrich, die in der Stadtverwaltung Möckern tätig ist. "Wir sind von Herzen froh, dass sie heute bei guter Gesundheit ihren 90. Geburtstag feiern kann."

Lieselotte Schleysing hält mit vielem Lesen und regelmäßigen Spielenachmittagen ihre grauen Zellen auf Trab. Eine Kostprobe lieferte sie, als sie sich zur Begrüßung in Reimen an ihre Gäste wandte. Ihr zu Ehren wurde angestoßen und ein "Hoch soll sie leben!" angestimmt.

Überhaupt wurde in fröhlicher Runde viel aus dem Nähkästchen des Alltags eines DDR-Bürgermeisters geplaudert. Von Forderungen, wie beispielsweise dem Schrottaufkommen, die der Volkswirtschaftsplan stellte, bis zu Gehwegplatten, die in Feierabendinitiative verlegt wurden. Und der Weitsicht der Vehlitzer LPG, die sich fast 50 Jahre vor der Wiedervereinigung schon "Einheit" nannte.

Gemeinsam mit Brunhilde Kölbel erinnerte sich Lieselotte Schleysing an den Besuch Hermann Materns. "Ich sollte reden und Lilo hat gezittert, dass ich ja nicht von meinem Manuskript abweiche."

Stolz ist Lieselotte Schleysing im Rückblick auf die gute Zusammenarbeit mit vielen Menschen und auf das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wurde. "Was wir machen konnten, haben wir gemacht."

Dass sich Vehlitz zu einem so schmucken Dorf gemausert hat ("Ein Ort zum Vorzeigen", O-Ton Bürgermeister Jens Hünerbein), sei jedoch ihrer Nachfolgerin und der neuen Gesellschaftsordnung zu verdanken. "Zu DDR-Zeiten wäre das nicht möglich gewesen."

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