Til Schweigers Film "Honig im Kopf" sorgt in Burg und Genthin für volle Kinosäle. Doch wie realistisch ist der Film über eine Krankheit, die uns vergessen lässt, wer wir sind und wer wir waren? Ein Besuch in einem Altenpflegeheim zeigt die Parallelen und Unterschiede.

Burg l An ihrem ersten Tag als Auszubildende vor drei Jahren im Burger DRK-Seniorenheim Gottfried Pieschler wird Jaqueline Rosenau von einer Patientin als "Arsch" bezeichnet. "Ich wollte ihr nach einem Bad einen Pullover überziehen, der etwas enger war." Das ist der Dame, die an Demenz erkrankt ist, einfach zu ruppig. Sie packt die Auszubildende am Kragen und beschimpft sie: "Das machen Sie nicht noch mal, Sie Arsch." Seitdem erklärt Jaqueline Rosenau ihren Patienten lieber einmal mehr als zu wenig, was sie als nächstes mit ihnen vorhat.

Nicht wissen, was mit einem passiert, das Hier und Jetzt nicht mehr richtig einordnen können. Symptome einer Krankheit, die der 32-Jährigen jeden Tag begegnen. Den Film "Honig im Kopf" hat sie gesehen. Viele Situationen erkennt sie wieder. "Manche Patienten starren vor sich hin oder erzählen plötzlich irgendwas ganz Zusammenhangloses". Mitspielen heißt es dann, sagt sie.

Mit Spielen werden die Senioren beschäftigt

Am Vormittag können sich die Senioren im Aufenthaltsraum beschäftigen. Jaqueline Rosenau sitzt mit Anni Schlüter und Gertrud Rühmeland am Tisch und spielt ein Geduldsspiel, das die Feinmotorik der Senioren schulen soll. Neben ihnen sitzt ein Herr, der in seinem Stuhl schläft, ein anderer Mann starrt in die Luft. 17 Patienten sitzen in dem Aufenthaltsraum, manche mit Demenz, manche sind einfach pflegebedürftig wie Anni Schlüter.

Jaqueline Rosenau beschäftigt sich mit den beiden Frauen, ist aber gleichzeitig für die anderen drei Damen am Tisch Ansprechpartner. Die Frau, die rechts neben ihr sitzt, glaubt sie wäre im Krankenhaus. Vor einer Weile hatte die 93-Jährige eine OP. Ein Pfleger ist wohl weniger einfühlsam gewesen. "Ich habe Angst, der tut mir was", erzählt sie Jaqueline Rosenau. "Dann komme ich mit der Keule und zieh` dem eins über", entgegnet die 32-Jährige der Seniorin, und drückt sie dabei ganz fest. Sie reicht ihr eine der Servietten, die auf dem Tisch stehen, als die Tränen kullern.

"Heute ist sie nicht bei sich", sagt Anni Schlüter, die die Situation beobachtet.

Nicht ganz bei sich sein, so erleben viele Angehörige die Erkrankung bei ihren Liebsten. In Til Schweigers Film steht Enkelin Tilda aufopfernd und liebevoll ihrem Opa zur Seite. Spielt mit, wenn sie sich zum hundersten Mal so tut, als höre sie die Geschichte von der Venedig-Reise ihrer Großeltern zum ersten Mal. Ohne Scham wechselt sie dem Großvater die Kleider, als dieser sich in die Hosen gemacht hat.

"So eine Enkeltochter wünscht man sich im Alter", sagt Jaqueline Rosenau. Doch einen Demenzkranken so lange zu Hause zu betreuen, wie im Film, "ist schwer vorstellbar", erklärt sie.

Demenz ist auch für Angehörige eine Belastung

"Einen Demenzkranken zu Hause zu pflegen, ist eine extreme Belastung", sagt die Auszubildende. Der Herd steht in Flammen, weil Opa vergessen hat, dass er Kuchen backen wollte. Der eigene Vater pinkelt in den Kühlschrank, weil er ihn mit der Toilette verwechselt.

Alles vorstellbar im Laufe der fortschreitenden Demenz, erklärt Jaqueline Rosenau. Gute Gründe, um den Angehörigen in ein Heim zu geben. Jaqueline Rosenau weiß: "Viele tun sich trotzdem sehr schwer mit der Entscheidung".

Während Jaqueline Rosenau noch Tränen trocknet, kommt eine zweite Pflegerin und packt die Spiele zusammen. "Gleich gibt es Mittagessen", erklärt sie. Eine andere Dame am Tisch fragt: "Gehen wir jetzt?" Die Pflegerin erklärt der Demenzkranken nochmal: "Wir essen gleich. Heute gibt es Schokosuppe." "Ach so. Na, mein Mann kommt doch gleich."

Der kommt erst am Nachmittag, weiß Jaqueline Rosenau. "Ja", antwortet sie trotzdem.