Über Gespräche mit Zeitzeugen, das Lesen von Stasi-Akten und das Studium von Büchern zum Thema erarbeiteten fünf Schüler der Europaschule Gymnasium Gommern umfangreiches Wissen über die friedliche Revolution 1989 in Gommern. In dieser Woche stellten sie vor großem Publikum ihre Ergebnisse vor.

Gommern l Wählen bedeutete zu DDR-Zeiten "Falten gehen", denn wer die Wahlkabine nutzen wollte, machte sich verdächtig. Anzukreuzen gab es damals auf den Stimmzettel nichts: nur falten und in die Wahlurne werfen. Anschaulich erklärten die Schüler diesen Vorgang, der nichts mehr mit der Welt zu tun hat, in der sie aufgewachsen sind. Die DDR kennen Sabine Germer, Julia Alsleben, Franka Stephan, Anne Lippert und Christopher Juchum nur aus Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern.

Gerade, dass ihre Welt so voller Zeitzeugen ist, war für die Schüler der Europaschule Gymnasium Gommern ein Anlass sich mit der friedlichen Revolution 1989 zu beschäftigen. Was genau ist damals passiert? Warum sind die Menschen auf die Straße gegangen? Was ist zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung geschehen? Welche persönlichen Erlebnisse verbinden die Menschen mit dieser Zeit? All das sind Fragen, denen sie nachgehen wollten.

Die Präsentation in Gommern übernahmen Anne Lippert, Franka Stephan und Sabine Germer. Zuvor hatten die Schüler ihre Projektarbeit bereits an der Sekundarschule Fritz Heicke, in Marienborn, in Berlin und auf der Meile der Demokratie in Magdeburg vorgestellt.

Mit Dr. Annemarie Reffert aus Vogelsang lernten sie die erste Frau kennen, die am 9. November in Marienborn über die geöffnete Grenze fuhr. "Um 21.15 Uhr war es dann tatsächlich Realität: Dr. Annemarie Reffert überquert als erste die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland ohne Kontrolle und ohne Überwachung - ein Zeichen neu gewonnener Freiheit, und der erste Schritt in Richtung Einheit", berichtete Anne Lippert.

Auf die Bildung der politischen Mitbestimmung blickte Sabine Germer zurück. SPD und CDU waren demnach die wichtigsten Parteien ab 1990. Der SPD-Ortsverein habe schon in seinen Anfängen mehr als 50 Mitglieder gehabt. Die Partei erreichte bei den ersten freien Kommunalwahlen eine Mehrheit im Stadtrat und stellt mit Klaus Petersen lange Jahre den Bürgermeister.

"Ohne die Kirche wäre die friedliche Revolution nicht denkbar gewesen", sagte Anne Lippert und erklärte die besondere Rolle der Kirche in der DDR als "einzige Organisation, die nicht unter der Kontrolle der SED stand".

Da die Schüler davon ausgingen, dass die Rolle des Neuen Forums den meisten, die die Wende erlebt haben, noch bewusst war, richteten sie ihre Erläuterungen dazu inbesondere an ihre anwesenden Mitschüler. Das Neue Forum wollte dem Protest der DDR-Bürger eine "politische Plattform bieten, von der aus durch einen gezielten Dialog die Gesellschaft umgestaltet werden sollte", sagte Franka Stephan. Nicht die Abschaffung des Sozialismus, sondern eine umfassende Umgestaltung sei gefordert worden.

Im Archiv Akten durchzulesen oder mit Zeitzeugen zu sprechen, sei "eine völlig andere Arbeit, als man es im Unterricht gewohnt ist", fasste Franka Stephan die Erfahrungen der fünf Schüler zusammen. Vor allem bei den Zeitzeugeninterviews sei es nicht einfach, die für das Anliegen wichtigen Informationen herauszufiltern und zugleich den persönlichen Erinnerungen genügend Raum zu geben.

Es habe "ein großes Maß an Begeisterung und Engagement für das Thema" gefordert, um die umfangreiche Arbeit von der Auswertung historischer Dokumente bis zur Formulierung der Ergebnisse beispielsweise für die Internetseite zu bewältigen. Aber sie hätten dabei nicht nur viel über ihre Heimat und deren Vergangenheit gelernt, sondern auch viele interessante Menschen kennengelernt, die sie gerne unterstützt hätten.

"Wir sind ganz besonders stolz auf das Ergebnis unseres Projektes", schreiben die Schüler im Fazit ihrer Broschüre, die unter dem Titel "Die friedliche Revolution im Jahre 1989 in der Region Gommern und Umgebung" erhältlich ist. Dass die Schüler dazu auch jeden Grund haben, wurde ihnen zur Veranstaltung in Gommern wiederholt versichert.

www.mitbestimmung-ddr.jimdo.com