Den Applaus bekommen die Schauspieler auf der Bühne. Zum Beispiel kürzlich beim Musical Alice im Magdeburger Theater. Ganz ohne Applaus arbeiten Menschen wie Martina Lorenz für den Erfolg im stillen Kämmerlein.

Biederitz/Magdeburg l Große Premiere am Theater Magdeburg: In einer märchenhaften Inszenierung mit surrealen Bildern schwebt Alice als vier Meter große Puppe auf die Musical-Bühne. In ihrem Wunderland trägt Alice ein riesengroßes Türkis-Kleid mit Falten und Stufen. Die Zuschauer applaudieren begeistert. Was sie nicht wissen: Entstanden ist dieses Kleid in einem kleinen Schneiderstübchen an der Woltersdorfer Straße in Biederitz.

Zwischen Nähmaschine, Garnrollen und Schaufensterpuppen schneidet Martina Lorenz einen goldbestickten Seidenstoff. "Das Material lässt sich ganz schwer bearbeiten, das Zeug ruiniert regelmäßig meine Scheren", sagt sie. Beim Erzählen behält sie ihre Schnittvorlage im Blick. Neben ihr liegt ein Zettel mit Maßen: 68 Zentimeter Taille, 97 Zentimeter fürs Gesäß.

Ihre Arbeit ist Routine. Und doch jedesmal anders: Aus dem goldenen Seidenstoff werden zarte Hosenröckchen für Lea, für Sophie, für Katharina oder einfach für die Showgirls auf der Magdeburger Theaterbühne. Jedes Stück ein Unikat. Jedes Stück sitzt auf der Taille. Jedes Stück macht aus einem talentierten Mädchen eine Künstlerin.

Große Kunst hängt auch an der Wand des bunten Schneiderstübchens: Die Mona Lisa als riesen Plakat: "Diese geheimnisvolle Frau im dunklen Samtkleid hat mich schon immer fasziniert", erzählt Martina Lorenz. Schon zweimal hat sie das weltberühmte Ölgemälde von Leonardo da Vinci im Pariser Louvre betrachtet: "Die Hände dieser Frau haben etwas Geheimnisvolles."

Zumindest die Initialen haben Martina Lorenz und Mona Lisa gemeinsam. Also taufte das fleißige Schneiderlein sein Biederitzer Stübchen einst auf den Namen Mona Moden.

Das war vor gut zehn Jahren. Zuvor war der alte Schweinestall eine Abstellkammer für Fahrräder und Gerümpel: "Ich bin ein handwerkliches Universaltalent", sagt die 55-Jährige. Mit diesen Talenten, zwei gesunden Händen und ganz viel Liebe zum Detail ist die kleine Werkstatt entstanden, die mit ihren Farbenspielen an den Wänden an einen Kinosaal in Hollywood erinnert: "Nur wenn ich mich wohlfühle, kann ich auch gute Arbeit machen."

Immerhin ist sie bei der Arbeit nie allein. Stevie wuselt den ganzen Tag zwischen den Stühlen, Fensterbänken und Stoffresten herum. Stevie ist ein junger Ein-Ohr-Kater, der einen Lauscher wohl bei einem nächtlichen Revierkampf verloren hat. Stevie gehört zu den privilegierten Tieren dieser Welt, er gehört quasi als gleichberechtigter Partner zur Familie von Martina Lorenz und ihrem Partner Holger Müller.

In einem Hefter hat die Schneiderin ihre künstlerischen Auftragswerke der vergangenen Jahre aufgelistet. Dazu zählen Stoffe für "Die Möwe" oder Sterntaler im Theater. Klamotten aus dem Biederitzer Schneiderstübchen trugen auch die Protagonisten von "Oscar", einem Hofspektakel am Magdeburger Puppentheater.

Auch ins Fernsehen hat es die Mode von Martina Lorenz schon geschafft. Für die RTL-Show namens Rising Star schmetterte die dunkelhäutige Soulsängerin Joanne Bell den Titel "Nutbush City Limits" von Ike Tina Turner. Die 75-jährige Amerikanerin rockte die Bühne im Hosenanzug aus Paillettenstoff und ledernem Umhang. Den Auftrag bekam Martina Lorenz über einen Kostümbildner aus dem Magdeburger Theater.

Über die Lebensstationen Oschersleben und Magdeburg hat es die Schneiderin vor knapp 20 Jahren nach Biederitz verschlagen. Zum Leben der zweifachen Mutter gehörte schon immer ein sportlicher Ausgleich zum Beruf: "Damals in Oschersleben habe ich Kanuslalom sehr intensiv betrieben." Mittlerweile hat sie den Laufsport für sich entdeckt. Das kann ein netter Waldlauf am Morgen sein. Oder auch ein Halbmarathon in Amerika "mit meinem Holger". Derzeit steht Wintersport auf dem Plan.

Für einen Theaterbesuch nach Magdeburg reichte die Zeit bisher noch nicht. Mit Sicherheit würde Alice im Wunderland noch viel mehr strahlen, wenn sie die Schöpferin ihres Kleides im Publikum entdecken würde.

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