In Gerwisch ist am Montagnachmittag der Opfer gedacht worden, die am 9. Februar 1945 bei einem Bombenangriff in der Eisenbahnersiedlung ihr Leben lassen mussten.

Gerwisch l Am steinernen Denkmal in der Eisenbahnersiedlung haben sich Gerwischer Bürger versammelt. Links und rechts des Mahnmals sind Ehrenposten der Burger Reservistenkameradschaft Carl von Clausewitz aufgezogen. Ein schlichtes Holzkreuz hebt sich vom Grün der Kiefern ab.

Das Ehrengedenken beginnt mit einer Andacht, die Pfarrer Albrecht Neumann hält. Er fragt nach dem Sinn des Todes der 84 Siedlungsbewohner, die vor 70 Jahren Opfer eines Bombenangriffes geworden waren. Nachdem Jesus Christus am Kreuz für uns gestorben sei, so der Pfarrer, habe jedes weitere Opfer eigentlich keinen Sinn mehr. Opfern heißt, etwas zu geben, was man hat, um etwas zu erreichen, was man eben selbst nicht machen kann. "Wenn wir von den Toten als Opfer des Bombenanriffs sprechen", sagt Albrecht Neumann, "dann müsste aber gewährleistet sein, dass sie ihr Leben gegeben haben, um etwas anderes zu erreichen." Wenn wir vergessen, dass und wie sie gestorben sind, dann hätten sie ihr Leben völlig umsonst verloren, fügt er an und fordert zum Wirken für Frieden und Menschlichkeit auf.

Feuerwehrmann beschreibt den Einsatzort

Aus einer neuer Quelle, die erst vor wenigen Tagen aufgetaucht war, zitiert alsdann Ortsbürgermeisterin Karla Michalski. Ans Tageslicht gelangt sind handschriftliche Aufzeichnungen von Wehrführer Rudolf Ferchland. Er, ein sorgsamer Bauer, hatte nach dem grausamen Bombenangriff seinen Dienst in der Siedlung verrichten müssen, hatte die Leichen geborgen und den Schutt aufgeräumt. Mit zittriger Hand habe er, sagt die Ortsbürgermeisterin, aufgeschrieben - oft nur in Abkürzungen - was geschehen war: "Da haben zwei Gemeindehäuser drei Volltreffer bekommen. Das rechte Zwölffamilienhaus mitten einen Treffer. Löscharbeiten sind schwer gewesen, weil im Haus zwei Öfen brannten. Wegen der herunterfallenden Funken kamen wir nicht heran. Der große Bunker hatte zwei Treffer bekommen, wobei 54 Tote zu beklagen waren. Ebenfalls die Straße. Bergungsarbeiten nahmen viel Zeit in Anspruch. Bei diesem Terrorangriff hatte Gerwisch 84 Tote und 29 Verletzte bekommen." Zeitzeugen erinnern sich an die grausigen Bilder nach dem Angriff. "Das kann ich niemals vergessen", sagt ein Mann, der als Siebenjähriger die Leichenteile in den Bäumen hat hängen sehen.

Aufzeichnungen von Gertrud Wisch

Ihre Erinnerungen hat auch Gertrud Wisch niedergeschrieben. Sie und ihre Familie konnten sich nach dem Sirenenalarm glücklicherweiese in Sicherheit bringen. Sie schrieb: "So saßen wir da im Bunker mit allen Nachbarn, als plötzlich das furchtbare Heulen und Krachen der Bomben zu hören war. Mit meinen damals zehn Jahren haben ich und alle anderen Todesängste ausgestanden. Nach der Entwarnung hörten wir, was Schlimmes in der Siedlung passiert war. Auf den Splittergraben waren Bomben gefallen, er war voller Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, die Männer waren fast alle im Krieg. In der Liebknechtstraße war eine große Wohnbaracke weggebombt. Meine Patentante ist auch mit ihren beiden Kindern umgekommen. Es war so grausam, dass man es nicht beschreiben kann und möchte. Noch heute, wenn die Sirene heult, kommt die Erinnerung an diese Angst."

Ein Jahr nach den Todesereignissen stand in der Siedlung das Denkmal. Da standen dann, erinnert sich Karla Michalski, wieder Gerwischer, die sagten, nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg in Europa. Heute jedoch seien - mit Blick in die Ukraine - Frieden und Demokratie hoch gefährdet. "Wir müssen dafür kämpfen, wir müssen uns mehr dafür einsetzen als bisher, dass Frieden in Europa bleibt", mahnt die Ortsbürgermeisterin mit gebrochener Stimme an.

Zur Erinnerung und zur Mahnung werden am Denkmal in der Eisenbahnersiedlung, in die vor 70 Jahren der Krieg zurückgekehrt war und 84 Unschuldige beim Bombenangriff ihr Leben lassen mussten, Blumengestecke niedergelegt. Feierliche, getragene Posaunenklänge verhallen zwischen den Häusern und Bäumen.

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