Edeltraud Nickel ist Vorsitzende des Vereins Hilfe für Rumänien Gommern. Seit 25 Jahren rollen jährlich zwei Hilfstransporte in eine der ärmsten Regionen des Landes. Zusätzlich leistet der Verein wichtige Hilfe zur Selbsthilfe.

Gommern l Kinder, die noch im November barfuß laufen. Toiletten, die man gar nicht als solche bezeichnen kann. Kein Brunnen, keine Hauswasserversorgung, sondern 100 Meter Weg, um Wasser zu holen. Für eine Familie mit acht oder neun Kindern. "Ich habe mir nicht vorstellen können, dass Menschen in Europa so lange nach dem Zweiten Weltkrieg noch so leben", erinnert sich Edeltraud Nickel an ihre erste Reise nach Rumänien.

"Die Not, die sie dort erlebt hat, hat sie nicht mehr losgelassen", erklärt ihr Mann, Pfarrer i.R. Karl Heinz Nickel. Gemeinsam kamen sie 1981 aus der Altmark nach Gommern, weil er sich auf die Stelle beworben hatte. "Unser Umzug war auch wichtig für die Kinder. In Gommern boten sich ihnen viel mehr Möglichkeiten, konnten sie das Gymnasium besuchen." Der jüngste ihrer drei Söhne kam in Gommern zur Welt. Inzwischen haben Nickels vier Enkelkinder und freuen sich auf das fünfte.

Die vielen Möglichkeiten, die Gommern über die Versorgung bis zur Freizeitgestaltung und dem Bahnanschluss bietet, waren auch die Gründe, weshalb Edeltraud und Karl Heinz Nickel in der Stadt bleiben wollten. Für einen Pfarrer im Ruhestand ist das eher ungewöhnlich, aber sie bekamen die Bestätigung.

Eine Kollegin ihres Mannes war es, die sie auf einen Hilfstransport nach Rumänien aufmerksam machte. Edeltraud Nickel fuhr mit. Wieder zuhause konnte sie nicht aufhören zu erzählen. Es war ihr Weg mit den Erlebnissen umzugehen. Im Krankenhaus zwei Kranke in einem Bett, kahlgeschorene Kinder im Heim, die nichts besaßen, weder ein Handtuch noch eine Zahnbürste und schon gar kein Spielzeug.

Dass in den Familien mehr Kinder geboren wurden, als die Eltern ernähren konnten, hatte einen einfachen Grund. Ceaucescu hatte sämtliche Verhütungsmittel verboten.

Nach über 20 Jahren Hilfstransporten und Hilfe zur Selbsthilfe hat sich viel verbessert. "Ganz wichtig war der EU-Beitritt Rumäniens. Damit hat sich viel für die Kinder- und Altenheime, die Krankenhäuser getan", sagt Edeltraud Nickel. Sie hoffe, dass jetzt die Behindertenheime mehr Aufmerksamkeit erhalten. "Dort sind die Zustände am schlimmsten. Wenn man es steigern kann."

Um die Spenden gerecht verteilen zu können, arbeitet die Rumänienhilfe Gommern seit 20 Jahren mit einem Verein vor Ort zusammen. "Sie weisen uns auf die Probleme einzelner Familien hin."

Vom Verein stammte auch die Idee zur Bäckerei. Dazu passte, dass in Plötzky und Elbenau zwei Läden schlossen, die ihre Maschinen zur Verfügung stellten. Bis zum EU-Beitritt wurde die Bäckerei vom Partnerverein geführt, danach musste sie privatisiert werden und ist heute in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit ein wichtiger Arbeitgeber. Arbeitgeber und Hoffnungsgeber. Wer Geld verdient, kann sich etwas leisten, kann Pläne schmieden. Nachdem die Bäckerei abgebrannt war, wurde sie noch größer wieder aufgebaut, und gilt als Vorzeigeobjekt.

Ganz wichtig seien die Brotpatenschaften, betont Edeltraud Nickel. Ein Deutscher zahlt 100 Euro im Jahr, dafür erhält eine rumänische Familie täglich ein Brot. 51 Patenschaften wurden bislang übernommen. Die Betroffenen sind sehr dankbar.

Der Rumänienhilfeverein organisiert jedes Jahr nach Ostern und nach Erntedank Hilfstransporte. Trotz der langen Jahre ist die Hilfsbereitschaft, die sich von Gommern inzwischen auf das gesamte Jerichower Land ausgebreitet hat, ungebrochen. Auch was die wichtige finanzielle Unterstützung anbetrifft. Geld wird benötigt, den Transport zu finanzieren, vor Ort Operationen zu ermöglichen - aus dem Baby mit der Hasenscharte ist ein "kleiner Pfiffikus" geworden, der an Leukämie erkrankte Junge kann wieder zur Schule gehen - und Baumaterial etc. zu kaufen, Stromanschlüsse zu legen oder Brunnen zu bohren. Nicht selten kommt es vor, dass zu runden Jubiläen zugunsten einer Spende an den Rumänienhilfeverein auf eigene Geschenke verzichtet wird.

Die Vereinsmitglieder, die den Transport begleiten, tragen ihre Kosten allein. Mehr als Telefon- und Portokosten verursacht die Vereinsarbeit nicht. Bei jedem Transport sind neue Leute dabei. Sie erzählen zuhause von ihren Erlebnissen und können wiederum neue Mitstreiter gewinnen. Neben der langen Fahrt wartet in Zvoristea. jede Menge Arbeit auf die Vereinsmitglieder. Der Lkw wird entladen, die Hilfsgüter sortiert und verteilt. Obwohl in den fast 25 Jahren der Hilfe sich schon viel verbessert hat, ist es oft noch schockierend zu sehen, unter welchen Bedingungen, Menschen dort leben müssen. "Wir wollen den Leuten helfen, damit sie auch wieder Mut schöpfen", erklärt Edeltraud Nickel ihr Anliegen.