Zeppernick l Für den Schriftsteller Ludwig Schumann ist Kultur ein Lebenselixier. Er hat sich nicht nur zur Aufgabe gemacht, den Mitmenschen seine eigene Kunst mitzuteilen, nein, er ermuntert sie auch, sich selbst daran zu versuchen. Etwa in den Schreibwerkstätten mit Häftlingen der Justizvollzugsanstalt Madel oder bis vor Kurzem in der Jugendhaftanstalt Bernburg.

Es passiert aber auch bei der "Zeppernicker Adventslese", einer Vorweihnachts-Lesereihe in seinem Wahlheimatort. Da lesen Nachbarn und Kollegen anderen Menschen ihre Lieblingsgeschichten vor. "Es ist für mich unvorstellbar, dass man für Kultur erst weit wegfahren muss. Ich möchte den geistigen Austausch hier vor Ort." Die "Adventslese" macht Schumann ein Stückweit für sich, um in dieser Zeit selbst auch zur Ruhe zu kommen, gibt Schumann gerne zu. Aber das stimmt nur zum Teil, denn Schumann weiß um den tieferen Sinn von Kultur: "Ich hoffe auf die Erkenntnis der Gesellschaft, dass sie ohne Kultur und Bildung auseinanderfällt."

Um dieser Erkenntnis Raum zu geben, hat der 63-Jährige die Tür seiner Wohnstätte weit aufgerissen. Es ist das alte Pfarrhaus von Zeppernick, in das er 2007 mit seiner Frau Heike gezogen ist. "Ein Pfarrhaus ist ein Ort der Kommunikation für die Menschen im Ort", sagt der in Erfurt geborene Sohn einer Kneiper-Familie. Für die Kirchengemeinde steht im Erdgeschoss auch nach dem Einzug der Schumanns ein Raum zur Verfügung.

Ludwig Schumann ist stets neugierig auf die Begegnung mit neuen Menschen. So kam er auch in den Knast - als ehrenamtlicher Leiter von Schreibwerkstätten in der JVA Madel und der Jugendhaftanstalt Bernburg. Zuerst in vierwöchigem Abstand, inzwischen 14-tägig erarbeitet der Autor mit einem Dutzend Häftlingen lyrische Texte und Prosa. "Literatur, das sind nicht nur Geschichten, die man aufschreibt, sondern auch der Anreiz, sich selber zu verorten", befindet Schumann. Aus den Ergebnissen der Gefängnis-Schreibwerkstätten ist im Jahr 2014 die vielbeachtete Anthologie "Ihr da! - Texte aus dem und in den Knast" entstanden.

"Das war kein Heldenmut. Ich war neugierig, wer mir da begegnet. Ich hatte aber auch nie das Gefühl, vor den Häftlingen Angst haben zu müssen", erklärt Schumann. Die Gespräche, das Zeitverbringen mit den Häftlingen sei wichtig für sie. Es ist angewandte Seelsorge, weiß der Schriftsteller: "Es gibt da drin so viele unterschiedliche politische Ansichten, aber beim Thema Literatur wird miteinander geredet, da öffnen sich die Jungs. Manch einer hat sich in seine Familie zurückschreiben können", freut sich Schumann.

Mit dem evangelischen Kirchenbeirat hat Ludwig Schumann im vergangenen Jahr noch mehr Kultur in seinen Heimatort geholt. Die "Zeppernicker Sommerkirche" ist in kürzester Zeit zum Insider-Tipp für Kulturfreunde der Region geworden. Hochklassige Künstler spielten im kleinen Gotteshaus, auch die Musiker von Schumanns "Amadeus-Komplott" geben sich die Kirchenklinke in die Hand. Fortsetzung folgt.

In seinen Büchern befasst sich Schumann, der früher mit seiner Werbeagentur für die Landeswerbung von Sachsen-Anhalt verantwortlich war, oft mit seiner Heimat, dem Land, in dem er lebt. Er brachte mit "Große Zeit starker Frauen" den Sachsen-Anhaltern eine ganze Reihe von historischen, emanzipierten Frauenfiguren wieder in Erinnerung, beschreibt in einem Reiseführer historische Gärten und Parks der Region und setzt sich in Gedichtbänden mit den Nachwehen der politischen Wende auseinander. Die Mixtur aus Belletristik und Tourismus nennt er interessant: "Ich möchte doch wissen, wo ich herkomme."

Kultur machen, bedeutet für Schumann, etwas bewegen zu können. Es bedeutet aber auch, sich nicht bei allen genehm zu machen: "Ich bin streitbar, versuche den anderen zu verstehen, muss dessen Ansichten aber nicht billigen." Stark engagiert sich Ludwig Schumann in der Zeppernicker Bürgerinitiative "Unsere schöne Heimat". Da geht es nicht zuletzt um einen geplanten Windpark. "Als Kulturschaffender hat man eine Wächterfunktion", sagt Schumann. Man müsse nicht zu allem etwas sagen, aber sich bei relevanten Themen einmischen. "Das gilt auch für die Natur. Unsere Landschaft erfüllt drei wichtige Aufgaben: Für die Großtrappe, den Rotmilan und den Weißstorch", zählt Schumann auf. Als an der Ortsdurchfahrt Zeppernick alle Linden abgeholzt wurden, konnte er mit all seiner Kunst nichts dagegen bewegen. Und so legte Schumann ein "Trauerjahr" ein und verzichtete auf die "Adventslese".