Burg l Die drei Meter hohe, hölzerne Gedenktafel links hinter der Turmtreppe erinnert an die Opfer der Befreiungskriege im 19. Jahrhundert. "Das ist ganz deutlich an dem Eisernen Kreuz zu erkennen", erklärt Jan Endert. Und fährt ohne Luft zu holen fort: "Darunter stehen die Stifter und man kann noch deutlich erkennen, dass dort mal Ehrenzeichen angebracht waren."

Der Gymnasiast hält eine lange Liste mit Namen im Arm - die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. "Ich habe im Stadtarchiv recherchiert und die Namen mit den Todesannoncen in der Zeitung verglichen." Jan Endert interessiert sich für Geschichte. Er blickt hoch zu den drei dunklen Holztafeln, auf denen in goldener Farbe mehrere hundert Namen sorgfältig geschrieben stehen. Taubendreck und Staub machen einige Namen unkenntlich. Ansonsten sind alle sechs Tafeln gut erhalten, nur eine Bruchstelle ist zu erkennen. Darunter steht: "Dem Auge fern, dem Herzen nah."

Bis vor 50 Jahren hingen die Gedenktafeln noch im Kirchenschiff der Burger Kirche Unser Lieber Frauen. "Dann musste die Einrichtung raus, weil sie als zu undemokratisch und militaristisch gilt", sagt Jan Endert. Auch über diese Zeit hat der 18-Jährige sich informiert. Und sieht das ein wenig anders als der damalige Gemeindekirchenrat: "Geschichte ist immer erstmal wertfrei."

Genau deswegen findet Jan Endert es sehr schade, dass die Erinnerungsstücke jahrelang im Dreck lagen. Es ist fast drei Jahre her, dass der Schüler einmal die Woche den Kirchturm hinaufgestiegen ist, um die vorgehende Uhr anzuhalten. Dabei hat er die Tafeln entdeckt, die schweren Holzplatten angeklappt - und mit seiner Recherche nach den Opfern, alles ehemalige Mitglieder der Gemeinde, begonnen.

Heute hängen die Tafeln an den Wänden im Kirchturm. Mit einem sehr großen Aufwand seien die Tafeln dort angebracht wurden, erklärt Pfarrer Peter Gümbel. Unterstützung gab es dabei Ende des vergangenen Jahres von der Bundeswehr. Doch der Treppenaufgang ins Dachgeschoss ist steil, der Boden uneben. "Hier kann keiner die Tafeln sehen, niemand kommt hier hoch", hat Jan Endert für die Entscheidung des Pfarrers kein Verständnis. Ginge es nach ihm, wären die Tafeln im Kirchenraum besser aufgehoben.

Jedoch gibt es Peter Gümbel zufolge gute Gründe für den Verbleib der Tafeln im Turm: "Die Kirche ist ein sakraler Raum und die Gestaltung des Raumes soll zuallererst dem lebendigen Gottesdienst dienen." Die großen schwarzen Tafeln würden bedrückend wirken, den Gesamteindruck der Kirche empfindlich stören - "ohne dass sie noch der persönlichen Trauerbewältigung dienen müssten", erklärt Gümbel. Jan Endert hat den Namen seines Ururgroßvaters an einer der Tafeln entdeckt. "Aber darum geht es mir nicht, sondern um die vielen Namen, die zeigen wie viele Menschen einen so grausamen Tod im Krieg sterben mussten", betont das junge Gemeindemitglied.

Doch aus Sicht des Gemeindekirchenrates bestehe Gümbel zufolge kein Anlass, "weder den sakral genutzten Raum noch den von Kirchenbesuchern wahrgenommenen gotischen Hallenbau durch das Anbringen historischer Tafeln zu verfremden". Gerade bereitet Jan Endert eine Ausstellung zu den Tafeln vor. Auf dem ersten Bild sind die Innenräume der Burger Sankt-Petri-Kirche und der Kirche St. Johannes zu sehen - dort hängen solche Gedenktafeln noch.

Bilder