Vielleicht zum letzten Mal ist auf dem Zeltplatz von Friedensau das riesige Zelt über der Arena aufgebaut worden. 1422 Menschen finden darin seit dem Jahr 2001 während der Sommermonate Platz. Doch das Bauordnungsamt des Landkreises hat angekündigt, den Aufbau dieses Zeltes nicht weiter zu genehmigen.

Friedensau l Stolz überragt die helle Zeltkuppel alle anderen Pfadfinderjurten und -kohten, wie Zelte bei den Pfadfindern genannt werden. Zwölf Meter hoch ist die Kuppel, der Durchmesser beträgt knapp 44 Meter. es ist eine Spezialanfertigung, die am nordöstlichen Ende des Zeltplatzes ein großes Amphitheater überspannt. Doch möglicherweise ist in dieser Woche das Viermast-Zirkuszelt der Kreis-Adventjugend zum allerletzten Mal aufgebaut worden.

Der zuständigen Genehmigungsbehörde des Jerichower Landes in Genthin macht die Statik der Fundamente Sorgen. Denn nach den vielen Jahren könnte der Boden vom ständigen Versetzen der 150 Zentimeter langen Erdnägeln löchrig geworden sein wie ein Schweizer Käse. Diese Sorge teilt der Friedensauer Zeltmeister Rüdiger Schröter zwar nicht, doch er muss sich den Anordnungen fügen.

Das Zelt ist ein sogenannter "fliegender Bau", der mehr oder weniger schnell aufgebaut werden kann und ebenso flugs auch wieder abgebaut werden muss. Die maximale jährliche Stellzeit liegt bei sechs Monaten, sagt Sabine Schorcht, Leiterin des Friedensauer Zeltplatzes. Dass dieser Friedens-auer "fliegende Bau" selbst bei dem Sturm vor 15 Jahren nicht wirklich geflogen ist, als am Burger Flugplatz eine feststehende Halle durchaus abgehoben ist, scheint die Landkreisbehörde nicht von ihrer Sorge abzubringen. Letztmalig wurde für den Sommer 2015 die Aufbaugenehmigung erteilt.

Derzeit wird überlegt, wie man in Zukunft den bis zu 1500 Gästen auf dem Zeltplatz eine neue wetterfeste Veranstaltungsstätte bieten kann. Bei den Großveranstaltungen "OlaF", "HiLa" oder "PfiLa" im Frühjahr und Sommer werden teils über 1000 Teilnehmer erwartet. Die Besucher der Oster-, Himmelfahrts- oder Pfingstlager feiern in dem Mega-Zelt Andachten, besuchen dort Konzerte oder andere Events.

Wo in Friedensau könnten diese Veranstaltungen künftig durchgeführt werden? Eine Möglichkeit ist es, rund um die Arena Fundamente zu gießen, in denen besagte Erdnägel fest verankert werden könnten. Allerdings ist auch die schwere Zeltplane inzwischen arg lädiert. Das Haltbarkeitsdatum der Membrane ist allmählich erreicht, schon bald müsste eine neue Plane angeschafft werden. Das Zelt hat damals 300 000 Deutsche Mark gekostet, berichtet Zeltmeister Rüdiger Schröter.

Eine andere Alternative wäre es, einen festen Bau zu errichten. Dafür müsste dann allerdings ein Bebauungsplan erstellt werden. Und das wiederum dauert so seine Zeit.

Drei Tage Arbeit und 16 Leute sind nötig

Auch der Aufbau des Zirkuszeltes ist eine zeitaufwändige und logistische Leistung. 16 Mann werden benötigt, um den Spezialbau aufzustellen. "Ein Tag Vorbereitung, ein Tag Aufbau und ein weiterer Tag Nacharbeiten", erläutert Sabine Schorcht den Ablauf. Als bei der Adventjugend angestellte Zeltplatzleiterin ist sie auch für das Riesenzelt verantwortlich, freut sich aber, beim Aufbau auf die technische Abteilung der Theologischen Hochschule zurückgreifen zu können. Zeltmeister Rüdiger Schröter ist Leiter dieser Abteilung - und auch Ortsbürgermeister von Friedensau. Mit Wolfgang Heiland gibt es in Friedensau noch einen weiteren Zeltmeister.

Wenn die unzähligen Stahlstabanker (der Otto-Normal-Camper sagt dazu Hering) versenkt sind, wird die übergroße Zeltplane über dem Amphitheater ausgebreitet. Aus vier Einzelelementen besteht dieses mit PVC beschichtete Polyestergewebe. Und weil es nicht ausreicht, diese vier Elemente mit fingerdicken Seilen miteinander zu verknoten, rücken die Friedensauer Zeltbauer mit schweren Schraubenschlüsseln an. Ja wirklich, die vier Zeltplanen werden tatsächlich auch verschraubt.

Kletterprofis entlasten die Kuppel

Dann geht es weiter: An starken Stahlseilen wird die Zeltmembran an den vier kräftigen Masten in der Mitte (also da, wo bei einem normalen Zirkus die Manege ist) in die Höhe gehievt. Und dann rentiert es sich, dass der Friedensauer Zeltplatz auch einen eigenen Hochseilgarten besitzt: Die Kletterprofis Sebastian Bak und Manuel Mudrich erklimmen an einem der Masten die Höhe, um mit speziellen Kuppelaufhängeseilen die Last der Kuppel besser zu verteilen. Die beiden jungen Männer sichern sich dabei selber, in dem sie sich an den dicken Mastdistanzseilen einhaken.

Erst nachdem rund um das große Zelt insgesamt 88 Rondellstangen aufgestellt worden sind, die alle von bis zu zwei dicken Zurrgurten fixiert werden, ist das Zelt fix und fertig - und die 16 Zeltbauer auch.

In den kommenden sechs Monaten werden junge Menschen aus der ganzen Bundesrepublik unter diesem Dach zusammenkommen. Adventisten wie Konfessionslose. Sie werden Feste und Andachten feiern, Konzerten und Predigten lauschen, lachen und beten.

Im Jahr 2016 werden sie dazu den Segen des Bauordnungsamtes des Landkreises nicht mehr haben.

   

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