Integrative Kindertagesstätten für Behinderte und Nichtbehinderte gibt es viele im Jerichower Land. Einen integrativen Hort gibt es nicht. Pech für Marlon Bulwin (8) und seine Mutti Manuela Ziem.

Genthin/Burg l Marlon ist ein fröhlicher kleiner Kerl. Das achtjährige Kind verbringt den größten Teil seines Lebens im Rollstuhl; für seine Familie um Mutti Manuela Ziem ist er der Sonnenschein: "Marlon will alles wissen, speichert Adressen oder Telefonnummern ab und kann solche Daten auch nach längerer Zeit wiedergeben." Marlon ist nicht nur körperlich behindert, sondern auch geistig. Marlon mag Märchen. Und er liebt es, wenn Oma mit ihm per Tablet ins Internet geht.

Was Marlon nicht mitbekommt, sind die Sorgen seiner Mutter. Die junge Frau (41) möchte endlich wieder arbeiten gehen: "Dafür benötige ich einen Hortplatz." Doch es gibt keinen integrativen Hort im Jerichower Land. Und ein "normaler" Hort kann ein körperlich und geistig beeinträchtigtes Kind nicht aufnehmen.

Jahrelang arbeitete Manuela Ziem in einem Modegeschäft in Berlin: "Irgendwann konnte ich meinen Beruf und die Betreuung meines Kindes nicht mehr unter einen Hut bringen." Sie kündigte ihren Job und suchte mit dem Arbeitsamt nach einer Alternative. Die ist jetzt gefunden: Manuela Ziem schult hier im Jerichower Land zur Steuerfachangestellten um. Verbittert sagt sie: "Ohne Hortplatz für Marlon kann ich diesen Beruf nicht ausüben." Und sie sagt auch: "Mein Kind hat ein Rechtsanspruch auf einen Hortplatz."

Mit den Recherchen der Volksstimme in dieser Woche kommt Bewegung in die Sache.

Am Mittwoch gab es eine Sondersitzung in der Kreisverwaltung: Thema Marlon. Hintergrund: Innerhalb der Verwaltung waren sich die Mitarbeiter nicht einig, es gab unterschiedliche Auffassungen zwischen Sozial- und Jugendamt.

Manuela Ziem: "Das Jugendamt äußerte Sicherheitsbedenken, hatte zu meinem Vorschlag aber keine Alternativen."

Ideal wäre aus ihrer Sicht die Kindertagesstätte Rasselbande in Genthin.

Deshalb hatte sie im Vorfeld Kontakt zu DRK-Vorstand Andy Martius aufgenommen. Zur Volksstimme sagte er: "Wir brauchen zum Thema integrative Hortplätze eine grundsätzliche Diskussion, der sich Landkreis, Schulen und Betreuungseinrichtungen stellen müssen."

Marlons Lieblingstier ist ein knuffiger Elefant. Er hat ihm den Namen Angela gegeben. Er kennt Angela Merkel aus dem Fernsehen und weiß, dass sie unsere Bundeskanzlerin ist. Doch die hat andere Sorgen als Marlons fehlenden Hortplatz.

In einer Stellungnahme auf Volksstimme-Nachfrage erklärt der Landkreis, dass "für besondere integrative Horte keine Erfordernis besteht". Und: "Für die Betreuung eines schulpflichtigen Kindes mit Behinderung kommt grundsätzlich jede Horteinrichtung in Frage."

Vormittags besucht Marlon die Lindenschule. Für nachmittags deutet sich eine Zwischenlösung an: Mit Ausnahmegenehmigung soll Marlon den Hort der Rasselbande besuchen. Jedoch gibt es weitere Nachfragen von Interessenten für integrative Hortplätze.

Marlons Schultag beginnt bereits um 6 Uhr mit der Abfahrt zur Schule nach Burg.

Ohne Hortbetreuung kommt der Junge gegen 15 Uhr heim. Sollte Marlon einen Hortplatz bekommen, würde ihn seine berufstätige Mutti gegen 17 Uhr dort abholen.

Sie sagt: "So wie das bei vielen anderen gesunden Kindern auch der Fall ist."