Loburg/Lauchhammer l Friedrich Schiller, der Mann, der vor 216 Jahren das "Lied von der Glocke" verfasst hat, hatte natürlich am zurückliegenden Freitag recht:

"Festgemauert in der Erden, Steht die Form aus Lehm gebrannt",

...schon längst in der abgedeckten Grube der Kunstgießerei Lauchhammer, als gut 100 Kirchgemeindemitglieder nach dreieinhalbstündiger Busfahrt in der traditionsreichen Werkstatt ankommen. Denn:

"Heute muß die Glocke werden, frisch, Gesellen, seid zur Hand!"

Als Termin für den Guss wird traditionell der symbolträchtige Freitagnachmittag um 15 Uhr - die Sterbestunde Jesu Christi - gewählt.

Glocke soll Loburger Dreiklang komplettieren

Vier Männer in silbrigen Schutzkitteln nehmen die Reisegruppe in der lichtdurchfluteten Werkshalle in Empfang. Von jetzt an dürfen die Besucher aus dem Jerichower land dabei sein, wie "ihre" neue Glocke entsteht. Sie soll im Ton cis` +4 den Dreiklang von St. Laurentius zu Loburg wieder komplettieren. Die neue Glocke wird 1620 Kilogramm auf die Waage bringen und hat einen Durchmesser von 1440 Millimetern.

Die Glockengießer und Glockenformer der Kunstgießerei haben zu diesem Zeitpunkt schon das allermeiste vollbracht: Die "Falsche Glocke" aus Lehm gebaut, eine Gussform gestaltet, die Verzierung mit dem Nussbaum, dem biblischen Zöllner Zachäus und den darüberfliegenden Storch auf die Vorlage aufgebracht und schließlich die Gussform in besagte Grube "in der Erden" gebettet.

An einer Seite des hohen Raumes erhebt sich ein Hochofen, bis zum Rand gefüllt mit geschmolzenem Kupfer. Seit den Morgenstunden köchelt die Mixtur schon. Hitze und Staub liegen in der Luft, das Publikum ist zum Schweigen und hinter eine Absperrung vergattert worden. Erwartungsfroh werden Kameras und Handys im Videobetrieb in die Höhe gereckt. Was nun folgt, das wusste natürlich auch der große Dichter schon:

"Kocht des Kupfers Brei!

schnell das Zinn herbei,

daß die zähe Glockenspeise

fließe nach der rechten Weise!"

Erst im letzten Moment wird das Zinn dazu gegeben. Der Anteil des Zinns liegt bei 22 Prozent. Der flüssige Metallmix ist bei 1130 Grad Celsius zu Bronze verschmolzen, verrät Glockengießer Andreas Noack. Vieles in diesem Handwerk ist seit Jahrhunderten überliefertes Wissen, dazu ein Schwapp Berufs- und Firmengeheimnis - fertig ist die Mischung, mit der man an diesem Tag 100 Leute faszinieren kann.

"Wohl! nun kann der Guß beginnen, schön gezacket ist der Bruch. Doch bevor wir`s lassen rinnen, betet einen frommen Spruch!",

so schreibts Schiller und in Lauchhammer hält man sich dran: Andreas Noack ruft "In Gottes Namen, wir gießen!", dann wird der Glutkessel gekippt und über eine Rinne...

"...schießt`s mit feuerbraunen Wogen. In die Erd` ist`s aufgenommen, glücklich ist die Form gefüllt. Wird`s auch schön zu Tage kommen, daß es Fleiß und Kunst vergilt?"

Mit dieser Schillerschen Frage nach dem Gelingen stehen die mitgereisten Leitzkauer und Loburger nach knapp zehn Minuten andächtigem Staunens ob des beeindruckenden Glutflusses und unterirdischen Glockengusses dann auch erst mal da: Wird die Glocke etwas geworden sein? Glockengießer Noack und sein Kollege Jürgen Gensel sind sich sicher, dass alles gut gegangen ist: "Das Gussmaterial hat gereicht, es ist nichts in der Grube explodiert. Der Guss dürfte also gelungen sein."

Auch er ist erleichtert, handelt es sich bei der Glocke für Loburg schließlich um den 800. Glockenguss nach der Neugründung der Kunstgießerei Lauchhammer in den 1990er Jahren. "Das war schon eine große Glocke, da steht man schon etwas anders da oben", sagt der erfahrene Glockengießer nach dem Guss.

"Der Guss dürfte gelungen sein"

Ob auch der gewünschte Ton getroffen wurde, stellt sich erst nach dem Ausgraben der Glocke heraus. Bis zu einem gewissen Grad kann dann noch nachgebessert werden, sagt Noack. Vor ihm liegt nun die Zeit des Wartens.

"Bis die Glocke sich verkühlet, laßt die strenge Arbeit ruhn!"

...heißt es in dem berühmten Gedicht, und somit ist klar: zu sehen bekommen die Gemeindeglieder ihre Glocke an diesem Freitagnachmittag noch nicht. Erst nach über einer Woche geht es in Lauchhammer - frei nach Schiller - an die irdene Außenhülle in der Grube:

"Nun zerbrecht mir das Gebäude, seine Absicht hat`s erfüllt, daß sich Herz und Auge weide, an dem wohlgelungnen Bild".

Für die sichtlich beeindruckte Reisegruppe folgt auf das große Ereignis noch eine Führung durch die Gießerei, bei der auch die Loburger "falsche Glocke" aus Lehm und die aus Holz gefertigte, formgebende "Glockenrippe" besichtigt werden können. Glockengießer Andreas Noack kann in der Kunstgießerei anhand zahlreicher Auftragsarbeiten in ihren unterschiedlichen Stadien anschaulich erklären, wie eine Glocke entsteht. Auch das benachbarte Museum mit etlichen Abdrücken und Statuen findet an diesem Nachmittag viel Interesse.

Bei einer Andacht in der benachbarten Friedensgedächtniskirche Lauchhammer-Ost hatten vor dem Glockenguss der Loburger Pfarrer Georg Struz und die Leitzkauer Pfarrerin Benita Arnold die mitgereisten Gemeindeglieder auf das - für viele einmalige - Ereignis eingestimmt. "Glocken geben dem Alltag Struktur und verweisen auf eine Dimension, die weit über unser Leben hinausreicht. Wir dürfen dankbar für diese tönende Ermahnung sein", so Georg Struz.

Am 13. September soll die Glocke das erste Mal aus dem Loburger Kirchturm offiziell erklingen. Und was würde Schiller dazu sagen?

"Freude dieser Stadt bedeute,

Friede sei ihr erst Geläute!"