Burg l Eine Kinderfibel liegt auf dem kleinen Tisch hinter der Tür zu Coulibali Souleymans Zimmer. Gleich daneben steht der Kühlschrank, ein alter Röhrenfernseher und zwei schmale Betten. Der Westafrikaner teilt sich die zehn Quadratmeter mit einem Mitbewohner. "Alles gut bei mir", sagt Souleyman. Sein Deutsch ist gut verständlich, er muss nicht lange überlegen. Freundlich lächelt Souleyman die Dutzend Gäste am Montagvormittag vor seiner Zimmertür an und bittet sie herein.

Auf der Tour des Linkenpolitikers Wulf Gallert durch Sachsen-Anhalt macht er bei den Gemeinschaftsunterkünften der Landkreise immer wieder Halt. Warum? "Weil die Flüchtlinge, die zu uns kommen, eine zentrale gesellschaftliche Chance sind und wenn wir das falsch machen, wird es ein großes Problem." Neben ihm suchen gestern Landtagsabgeordneter Harry Czeke (Die Linke), Landrat Steffen Burchhardt (SPD) und der Integrationsbeauftragte des Kreises Anton Gujo das Gespräch mit Coulibali Souleyman.

"In Mali konnte ich nicht zur Schule", erklärt der 27-Jährige und fährt langsam über die Buchstaben in der Fibel. Darauf steht in großen Buchstaben der Name seines Mitbewohners. "Wir vertragen uns gut." Trotz unterschiedlicher Herkunft, trotz anderer Muttersprache.

Genau das ist, was Wulf Gallert interessiert: "Die Menschen kommen hier aus den unterschiedlichsten Gründen her, haben ganz verschiedene Voraussetzungen. Wie funktioniert das? Bringen viele die Konflikte aus ihren Ländern mit?", fragt der Landespolitiker in Richtung Helga Hahn. Sie ist die Heimleiterin und seit 23 Jahren für die Asylbewerber da. Hahn spricht von ganz normalen zwischenmenschlichen Konflikten, wie das der eine dem anderen etwas wegnimmt oder einer seinen Müll vergisst zu entsorgen.

In Sachen Müll ist Coulibali Souleyman jedoch vorbildlich. "Er putzt so gerne, dass er uns ganz viel unterstützt", sagt die Heimleiterin. Das Sozialamt hat sogar einen Ein-Euro-Job für den Westafrikaner genehmigt und jetzt sorgt er an der Seite einer Putzfrau für Ordnung in der Burger Gemeinschaftsunterkunft. Ein Gebäude das mal Kaserne war und dessen große Koch- und Waschräume noch deutlich an diese Zeit erinnern.

"Sobald ein neuer Bus kommt, bildet sich eine Traube und alle helfen."

109 Asylbewerber leben derzeit auf den drei Etagen in der Zerbster Chaussee, im Nebengebäude sind gerade noch 50 freie Betten hinzu gekommen. Helle, blaue Vorhänge zieren dort die Fenster, die Stühle an den kleinen Esstischen gibt es in gelb, rot oder lila und die Böden in moderner Laminat-Optik. Noch sind die Wände weiß. Doch wenn die zukünftigen Bewohner Bilder aufhängen wollen, hat Karl-Heinz Höse nichts dagegen. Auch wenn man es beim Landesverwaltungsamt gern sehe, wenn jedes Zimmer exakt gleich eingerichtet ist. Höse ist Geschäftsführer der Körbelitzer Agro Besitz- und Verwaltungs GmbH, Betreiberin des Burger Asylbewerberheimes.

Bis zum Sommer will Höse im ehemaligen Offizierskasino an der Zerbster Chaussee eine Turnhalle, ein Spielzimmer für die Kinder und einen großen Gemeinschaftsraum herrichten. Darin sollen dann Deutsch-Kurse stattfinden. Schon jetzt lernt Sozialarbeiterin Annette Wegner mit allen, die wollen, deutsch. "Und das Interesse wird immer größer", weiß ihre Kollegin Annette Lippoldes aus Erfahrung.

Wulf Gallert will von ihr wissen, wie sie sich sonst mit den Asylbewerbern verständigt. "Halb englisch, halb französisch und gleich auch immer ein wenig deutsch zum Lernen", erklärt Lippoldes. Sie arbeitet seit mehr als zwei Jahren in der Gemeinschaftsunterkunft, kennt jeden mit Namen und unterstützt, wo es geht. "Wenn jemand Hilfe mit der Waschmaschine braucht oder es mal einen Streit gibt, dann wird bei uns im Büro geklingelt." Der Zusammenhalt im Haus sei groß. "Sobald ein neuer Bus aus Halberstadt ankommt, bildet sich eine Traube und die anderen Bewohner erklären den neuen sofort, wie alles funktioniert."

Dass demnächst aus Halberstadt von der zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber nur noch die in den Landkreis kommen, die auch mit großer Sicherheit bleiben dürfen, würde Landrat Burchhardt befürworten. Angekündigt habe das Innenminister Holger Stahlknecht. Laut Minister wird das Land auch demnächst in Vorleistung gehen, was die Kosten für die Unterbringung der Asylbewerber betrifft. "Dafür braucht er aber ein Gesetz oder einen Haushaltsbeschluss", macht Gallert am Montag deutlich. Und ist dafür, dass der Entwurf zu dem Thema noch vor der Sommerpause steht.

"Wir brauchen überall im Land einheitliche Standards für Asylbewerber."

Denn derzeit trägt die Kosten der Landkreis. Rund 300 Asylbewerber leben gerade im Jerichower Land. In der Burger Unterkunft belaufen sich einer Drucksache der Landesregierung von Mai 2014 zufolge die Tagessätze für einen belegten Platz auf rund sieben Euro und für jeden unbelegten Platz auf zirka sechs Euro. Mit 300 Flüchtlingen lege das Jerichower Land noch im unteren Bereich. "Der Salzlandkreis zum Beispiel bringt zurzeit 1000 Asylbewerber unter", sagt Gallert. Was dem Politiker wichtig ist: "Wir brauchen einheitliche Standards." Dass die Kommunen nicht wissen, welche Ausgaben ihnen bezahlt werden, dürfe nicht dazu führen, dass "lieber nicht" in Unterbringungs- oder Integrationsmaßnahmen für die Flüchtlinge investiert wird.

 

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