Bei allem Fortschritt - es gibt immer noch Bereiche, in denen alte Mechanik ihren Dienst tut. So auch in zahlreichen Kirchtürmen der Einheitsgemeinde. Doch die alten Zeitgeber möchten auch gepflegt werden.

Möckern l Thomas Scholz aus Finsterwalde weiß, was die Stunde geschlagen hat. Und in Möckern-Lühe weiß man es jetzt auch wieder. Denn Thomas Scholz - er bezeichnet sich als " Fachmonteur für Uhr- und Glockentechnik" - hat vor wenigen Tagen im Auftrag der Kirchengemeinde die Turmuhr von St. Ulrich wieder in Gang gebracht.

Seit einiger Zeit brachte der Blick auf die Lüh`sche Turmuhr nämlich nicht mehr den gewünschten Erfolg. Und auch, als die Zeiger noch ihre Runden drehten, lief es mit dem Stundentakt hoch über Lühe zuletzt nicht mehr so richtig rund.

Man sollte es der Mechanik verzeihen, schließlich hat sie schon ein paar Jahre auf dem Buckel: Der Turmuhrmacher Ernst Meyer aus Magdeburg fertigte das gute Stück im Jahr 1938 für dieKirche an. Der Zahn der eigenen Zeit nagte sozusagen an dem Uhrwerk. Gestiftet hatte die Turmuhr damals der Landwirt Fritz Stübing aus Lühe.

"Lauter kleine Fehler"

Und was hatte die Uhr denn nun, Herr Scholz? Es waren wohl mehrere Wehwehchen, die sich angehäuft haben. Der Uhrenexperte bezeichnet sich gerne auch als "Optimator": "Ich muss lauter kleine Fehler in der Mechanik finden", erläutert der 50-Jährige. Meistens sind es immer die selben Problemchen, die so eine alte Mechanik ereilen: die Seilzüge für die Gewichte sind ausgeschliffen, irgendwelche Buchsen im Zahnradgewirr haben zuviel Spiel, sodass das Pendel ungleichmäßig schwingt, oder es hat sich Schmiermittel im Uhrwerk an den falschen Stellen abgesetzt. "Überhaupt setzt Staub natürlich schnell überall an", weiß Thomas Scholz, holt Lappen und Drahtbürste hervor und wischt hier ein bißchen, bürstet da ein Stück und wischt dort noch mal.

Nach knapp zwei Arbeitstagen ist der Job erledigt. Die Menschen in Lühe wissen jetzt wieder, wie spät es ist und auch die hier nistenden Tauben und Turmfalken finden zu ihrem "uhr-sprünglichen" Lebensrhythmus zurück. Dagegen hat manch ein Dorfbewohner - auch das zeigt sich bei Gesprächen - gar nicht bemerkt, dass die Turmuhr nicht mehr richtig tickte.

Welche Bedeutung heutzutage Turmuhren haben, daran scheiden sich die Geister. Manchen ist der nicht ganz leise Stundenschlag quasi ein "Dorn im Ohr", weswegen von manchen Gemeinden Deutschlands gar gefordert wurde, das Läutwerk ganz abzuschalten. Andere wiederum hängen an der u(h)rigen Tradition.

Etwa in der Dorfkirche von Dalchau haben Gemeindemitglieder die Originalmechanik aus der Mitte des 17. Jahrhunderts im Kirchenschiff als Ausstellungsstück aufgestellt, nachdem sie 2007 auf dem Dachboden entdeckt wurde.

"In einigen Bistümern ist es inzwischen verboten, die alten Turmuhren auszubauen. Sie werden vielerorts sogar jetzt wieder aufgebaut", weiß Thomas Scholz.

Ihm soll das recht sein. Seine Firma mit Sitz in Berlin hat sich auf Glocken und Turmuhren spezialisiert. Der Arbeitsbereich umfasst das gesamte Gebiet der ehemaligen DDR.

Bei aller Nostalgie und allem Vertrauen auf altehrwürdige Technik: in immer mehr Kirchen hält moderne Technik Einzug. "Nach der Wende haben viele Gemeinden auf Funktechnik umgestellt", sagt Scholz. Um das leidige und kräftezehrende Aufziehen per Handkurbel der Uhr zu umgehen, wurden vielerorts auch Motoren eingebaut, welche die schweren Gewichte wieder hochziehen.

Bilder