In Friedensau war unlängst mit Marga Goren-Gothelf eine der letzten lebenden Zeitzeuginnen des Holocaust zu Gast. In der Kulturscheune berichtete sie über ihren Weg als Kind von Deutschland nach Israel.

Friedensau l Am 8. Mai 1945 endete in Europa der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation Deutschlands. Geschätzte sechs Millionen Juden waren bis dahin Opfer der Nazi-Verbrechen geworden. Die wenigen Juden, die dieses Grauen überlebten, haben in den Jahren danach den nachfolgenden Generationen ihre Geschichten erzählt, von den Konzentrationslagern und den Todesmärschen berichtet.

Doch auch die Menschen jüdischen Glaubens, denen die Flucht vor Massenmord und Verfolgung gelang, haben eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte von der Suche nach einer neuen Heimat in Israel und dem beschwerlichen Weg dorthin. Zu ihnen gehört Marga Goren-Gothelf. Die Veranstaltungen, bei denen sie ihre Geschichte erzählt, stehen unter dem Titel " ...ein Flüchtling hat keine Heimat." Die fast 90-Jährige lebt seit 1947 in Israel. Nur selten kommt sie nach Deutschland. Dann aber geht sie zu den Jugendlichen von heute, erzählt ihre Geschichte, mahnt und warnt. Hass gegenüber den Deutschen empfindet sie heute nicht.

Marga Gothelf wurde am 16. Mai 1925 in Brandenburg an der Havel geboren. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr erlebte sie mit ihren beiden Schwestern eine normale Kindheit. Auch nach Beginn der Boykottmaßnahmen der Nationalsozialisten gegen Juden kann das Mädchen zunächst weiterhin die Schule besuchen. Die Zeitzeugin beschreibt den Alltag damals und wie er sich änderte. Im Herbst 1938 wurde die Mutter mit zweien ihrer Töchter nach Polen deportiert. Der älteren Schwester gelang die Ausreise nach Palästina. Der 14-jährigen Marga bot sich die Gelegenheit, vor Ausbruch des Krieges mit 50 weiteren Kindern nach England auszureisen. Bis 1946 blieb Marga Goren-Gothelf dort, lebte in Heimen, die von der jüdischen Gemeinde eingerichtet wurden. Nach der Bombardierung Londons wurden die jüdischen Mädchen bei Familien auf dem Lande einquartiert.

"Paul Newman war ein netter, humaner Kerl"

"Ich kann Ihnen nichts von den KZs erzählen. Nur von unserem Leben. Wir Kinder haben uns mit der Situation arrangiert", sagt die alte Dame zu den Studenten der Friedensauer Hochschule und den älteren Herrschaften in der Kulturscheune. Als Kinder hätten sie sich keine Fragen gestellt. "Ich verstehe heute auch nicht, warum wir uns nie darüber unterhalten haben", sagt sie heute. "Wir haben nicht getrauert, auch als wir gehört haben, was geschehen ist."

Die Schrecken des Holocaust suchten die junge Frau dennoch heim: Im Jahr 1946 betreut sie in England Kinder, die nach dem Krieg aus den Todescamps befreit worden sind. "Wir sollten ihnen keine Fragen stellen, aber die Kinder haben uns erzählt", sagt Marga Goren-Gothelf. Erst Jahre später, 1965, sollte sie erfahren, dass ihre Mutter mit ihrer gesamten Familie ins Warschauer Ghetto deportiert und später im Konzentrationslager Majdanek ermordet wurde. Über den Verbleib einer Schwester weiß Marga Goren-Gothelf bis heute nichts.

In Südfrankreich half sie später mit, das Schiff "Exodus" für die Flucht von 4500 Juden nach Palästina vorzubereiten. Jahre später sollte sie den US-Schauspieler Paul Newman für dessen Rolle im Film "Exodus" beraten. "Paul Newman war ein sehr netter und humaner Kerl", sagt Marga Goren-Gothelf in Friedensau.

"Juden sind wie alle Menschen, manche sind nett, andere nicht."

Im Dezember 1947 gelangte sie dann mit einem Schiff der Jugend-Aliyah nach Tel Aviv. Die Neuankömmlinge wurden so unauffällig wie möglich auf Kibbuze und Siedlungen verteilt. 1948 folgte die Heirat, sie gründete eine Familie und arbeitete später als Lehrerin.

Auf die Frage eines Studenten, warum denn die Nazis die Juden verfolgt haben, weiß Marga Goren-Gothelf keine Antwort. Nach langem Schweigen zuckt sie mit den Schultern: "Juden sind wie alle Menschen, manche sind nett, andere nicht."

Der Kontakt zwischen Zeitzeugen von damals und den jungen Menschen von heute wird immer seltener möglich sein. Jessica Terhorst, Leiterin des Friedensauer Dekanats für christliches Sozialwesen, hätte sich daher mehr Resonanz auf die Veranstaltung gewünscht. Den Kontakt zwischen der Jüdin und der Theologischen Hochschule Friedensau hatte Michael Daniel Kröner hergestellt. Er zählt sich zur ersten Generation nach der Schoah, dem Holocaust. "Bald können nur noch wir erzählen, was unsere Eltern uns erzählt haben." Und aus aktuellem Anlass fügt er hinzu: "Wir sollten uns genau überlegen, wie wir heute mit Flüchtlingen umgehen."