Erstmals erfolgte am Donnerstag die Lebensmittelausgabe der Gommeraner "Tafel" am neuen Standort. 75 Menschen nutzten das Angebot. Nach der Tragödie mit drei getöteten "Tafel"-Mitarbeitern erfolgt nun der Neuanfang im Stadtzentrum.

Gommern l "Wir sind froh, dass wir diese neuen Räume nutzen können", sagt Wolfgang Auerbach, der Leiter der DRK-Suchtkrankenhilfe, die das "Tafel"-Angebot in Möckern und Gommern organisiert. Zum ersten Mal haben am Donnerstag die Mitarbeiter einen großen Raum der Gommeraner Wohnungsbaugenossenschaft "Glück auf" zur Ausgabestelle umfunktioniert.

Neues Team für Gommern wird aufgebaut

Über 70 Kästen und Kühlkisten schleppen die Männer an diesem Tag in den Versammlungsraum im "Glück auf"-Verwaltungsgebäude in der Albert-Schweitzer-Straße 12 a. Sie packen gut 30 der Lebensmitteltüten vor, für den ersten Andrang. Erwartungsgemäß nutzen etwa 70 Menschen die Gommeraner Lebensmittelausgabe. "Durch den Umzug mehr in die Ortsmitte dürften es mehr werden", schätzt Auerbach. Schon vor acht Jahren hatte es ihn in die Stadtmitte gezogen. Für ein Holzhaus auf dem Gelände einer anderen sozialen Einrichtung gab es damals sogar eine Baugenehmigung. Letztlich musste man aber doch ins Gewerbegebiet ziehen. Hier war es am Gründonnerstag zur Tragödie gekommen, die die "Tafel" erschütterte: bei der Explosion eines Heizofens kamen drei Ehrenamtliche ums Leben.

Solange es noch kein neues Gommeraner Team gibt, übernehmen die Möckeraner "Tafel"-Leute den Job. "Wir sind jetzt im Probelauf und schauen, wie es gehen könnte", sagt Auerbach.

Etwas abseits stehen zwei Frauen und drei Männer und betrachten die Vorbereitungen. Sie haben sich gemeldet, um zu helfen, die Gommeraner "Tafel" wieder aufzubauen. Ab kommenden Mittwoch (wegen des Feiertages am Donnerstag) sind sie bei der Ausgabe der Lebensmitteltüten dabei. Manche von ihnen sind selbst "Tafel"-Nutzer.

Zu den Nutzern der "Tafel" zählen Bezieher von Arbeitslosengeld 1 und 2, Sozialhilfeempfänger, Alleinerziehende, Geringverdiener, kinderreiche Familien, Studenten und Rentner.

"Erst habe ich mich geschämt, hierher zu kommen, wegen der Bekannten", sagt eine der neuen Ehrenamtlichen. Doch dann habe sie sich gefragt "warum eigentlich?" Seit zwei Jahren nutzt die Frau das Angebot. "In den teuren Supermärkten kaufe ich sowieso nicht", sagt sie. Jetzt bekommt sie für zwei Euro einen Beutel, in dem dann doch die Ware aus den Supermärkten drin ist. Es sind qualitativ hochwertige Spenden aus den Märkten und Ware aus lebensmittelherstellenden und - verarbeitenden Betrieben der Region. Etwa 20 Zulieferer aus Magdeburg, Möckern, Gommern und Biederitz nennt Wolfgang Auerbach. In den Beuteln finden sich auch Lebensmittel, die im Wirtschaftsprozess nicht mehr verwendet werden können, aber qualitativ noch einwandfrei sind - aus Überproduktionen, zu großen Lagerbeständen und bei Sortimentswechsel, aber auch Brot und Brötchen vom Vortag, Lebensmittel kurz vor Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums, falsch abgefüllte oder verpackte Ware, saisonale Produkte am Ende der Saison.

Problem der Gesellschaft wird im Zentrum sichtbarer

Bei der Premiere in Gommern schauen auch der Gommeraner Bürgermeister Jens Hünerbein und der Landesvorsitzende der "Tafel", Andreas Steppuhn, vorbei. Steppuhn ist froh, dass die "Tafel" nun mehr in das Stadtzentrum gerückt ist. Die "Tafeln" gehörten ins Blickfeld der Menschen, in die Mitte der Gesellschaft: "So wird auch endlich ein Problem unserer Gesellschaft mehr sichtbar", sagt Steppuhn. Er bestätigt, dass einem Antrag der "Tafel" für Gommern zur Finanzierung von Kühltechnik stattgegeben sei. Unterstützung hatte auch Gommerns Stadtoberster Jens Hünerbein angeboten: "Wir können koordinativ unterstützen. Wenn unsere Hilfe gefragt ist, sind wir Ansprechpartner."

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