Burg/Rogätz/Tangermünde l Am 5. Mai 1945 wurde bekanntlich Burg kampflos an die 3. Rote Armee übergeben. Die 129. Schützendivision des 40. Schützenkorps besetzte die unmittelbare Region um Burg bis zur Elbe. Zur Division gehörten das 438.,457., 518. Schützenregiment, das 287. selbst. Panzer Abwehr Btn., das 664. Artillerie Rgt. die 192. Aufklärungsbrigade, 297. selbst. Artillerie Btn., 276. und 347. selbst. Nachrichten Btn. und weitere Einheiten. Die 3. Armee führte Generaloberst A. W. Gorbatow und das 40. Schützenkorps Generalleutnant Kusnezow. Erster Stadtkommandant von Burg wurde I. W. Frolow vom 457. Schützenregiment. Die 3. Armee wurde bereits im Juni 1945 komplett in die Heimat zurück verlegt, wie auch die benachbarte 69. Armee. Die 47. Armee, die nördlich lag, wurde in den Südraum verlegt und die 3. Stoßarmee rückte aus dem Berliner Norden als Besatzungsmacht in die bereits 1944 festgelegten Gebiete, auch westlich der Elbe.

Am 10. Mai 1945 schrieb Kapitän John B. Tillson seinen umfangreichen Bericht über die Siegesfeier einer Abordnung seiner Hauptquartier-Einheit des 102. US-Infanterie Regiments mit den russischen Stabsoffizieren am 8. Mai 1945 in Burg nieder. Erstmalig kann nun dieser sehr detaillierte Bericht den interessierten Lesern der Burger Volksstimme präsentiert werden. Dem Autor dieses Beitrags war es gelungen, diesen Bericht in den Militärunterlagen dieser Division im Nationalarchiv Washington ausfindig zu machen.

Augenzeuge berichtet

An dieser Stelle kann allerdings nur eine gekürzte Fassung der Übersetzung wiedergegeben werden.

"Als unsere Division die Elbe (im Raum Tangermünde bis Rogätz) erreicht hatte, ahnten wir, dass für uns hier der Krieg zu Ende gehen würde. Es dauerte eine geraume Zeit, bis das gesamte Areal in den Wäldern von versprengten deutschen Soldaten gesäubert werden konnte.

Dann begannen wir auch Patrouillen über die Elbe zu senden, in der Hoffnung, ein unsterbliches erstes Treffen mit den russischen Einheiten herzustellen, die unaufhaltsam der Elbe zustrebten. Zuvor standen wir aber gelegentlich unter Artilleriefeuer (der Wehrmacht). Um den 5. und 6. Mai kapitulierten die Deutschen Truppenteile auf der Ostseite des Flusses vor den anstürmenden russischen Truppen und ergaben sich übersetzend der 102. Infanteriedivision ... Das zog sich bei Tangermünde noch bis zum 7. Mai hin ... (Hier wird nun der Todeskampf der Reste der deutschen Armee, bedrängt durch russische Truppen und Artillerie geschildert, den wir aber aus Platzgründen ausblenden. - Anm. d. A.) So wussten wir, dass der Krieg am 8. Mai zu Ende gehen würde.

Brigade-General Charles M. Busbee, Kommandeur der 102. US-Infanteriedivision und sein Stab wollten die Elbe am 8. Mai überqueren, um die gegenüberliegende russische Abteilung zu begrüßen. Er lud auch mich zu dieser Expedition ein. Brigade-General Busbee, Oberstleutnant Hanningan, die beiden Adjutanten und ich als Kapitän fanden uns in seinem Büro ein. Ich machte Fotos von der Gruppe. Wir scherzten, weil einer eine Flasche Milchpulver mitbrachte, die wir vor dem zu erwartenden Wodka zu uns nehmen sollten. Gegen 13.30 Uhr kam einer unserer Panzerspähwagen, zwei Limousinen und ein Kommandeursauto. General Fox, Leutn. Chamblin, Oberstltn. Allen und Major Tauber von der Personalabteilung waren an Bord.

Wir fuhren 1 ½ Stunden zu dem Punkt, an dem wir die Elbe überquerten. Ich fuhr mit Hannigan, Allen und Tauber in der zweiten Limousine und wir diskutieren über russische Uniformen und Rangabzeichen. Gegen 15 Uhr erreichten wir den Fluss und wurden von Oberst Dwyer erwartet. Die kleine Stadt an der Elbe (Rogätz ? da hier auch die Rede von einer zerstörten Brücke ist, kann auch Tangermünde gemeint sein - Anm. d. A. ) war ziemlich zerstört.

Wir fuhren zur Fährstelle hinunter. Ein Fahnenmast war dort errichtet worden und die Stars and Stripes flatterte im Wind. Über den Fluss hinweg sahen wir im hellen Sonnenlicht bereits die russische Delegation. Es waren 15 Offiziere und General Fox rief uns zusammen, um ein paar warnende Worte loszuwerden. Uns wurde gesagt, dass wir eine große Verantwortung tragen, denn wir sind die ersten Amerikaner, die diese Russen jemals gesehen haben. Vermeidet politische Diskussionen ... Zuletzt kam die Warnung über den Wodka - man könnte sie beleidigen, wenn nicht auf ihre Toast trinken würde ... Kein Amerikaner ist so trinkfest, aber niemand von uns kann es sich leisten, einen Narren aus sich zu machen.

"Heil Präsident Roosevelt"

Die Überfahrt dauerte nur einige Minuten ... Drei russische Offiziere standen auf dem Ostufer. Der Älteste, ein eher kleiner Mann mit einem echten "Muskovit Schnurrbart", die beiden anderen Offiziere waren groß, robust und sehr gut aussehend. Eine Kapelle spielte, und wir wurden der Rangordnung nach begrüßt. Dann begaben wir uns zu den Limousinen, die auf uns warteten. Es waren alles deutsche Limousinen, aber alle mit fliegenden roten Fahnen. Je zwei amerikanische Offiziere saßen hinten in den Autos, ein russischer Offizier vorn mit einem russischen Fahrer.

Wir fuhren gut bewacht über offenes Ackerland. In regelmäßigen Abständen sahen wir auf diesem ansonsten trostlosen Niemandsland Girlandenbögen aus Blumen mit Transparenten in russischen und amerikanischen Worten: "Heil Präsident Roosevelt " "Heil unseren großen Führer, Marschall Stalin" "Heil General Eisenhower der Führer der amerikanischen Verbündeten."

Wir fuhren durch einen kleinen ländlichen Ort - das Elbtal ist voll von ihnen und sie sind am besten als eine Mischung aus "Ziegel, Krauts und Gülle" beschrieben - und wir sahen, wie vollständig die Wachen aufgestellt waren. Die Orte waren ziemlich menschenleer, aber alle fünfzig Meter stand ein einsamer russischer Posten mit Maschinenpistole auf der Straße. Sie waren korrekt aussehende junge stolze Männer. Hier sahen wir unsere ersten Soldatinnen - sie fungierten als Abgeordnete. Nach einigen verlassenen Bauernhöfen erreichten wir die Stadt Burg, wo der Empfang stattfinden sollte.

Kaviar, Käse, Wodka

Wachen mit Maschinenpistolen säumten die Straßen, die von allen anderen Verkehrsteilnehmern gesäubert worden waren. Es waren nur wenige deutsche Zivilisten und die bekannten weißen Fahnen zu sehen. Die Bürgersteige säumten Soldaten und Offiziere, und sie grüßten jede Limousine, die an ihnen vorbei fuhr. Wir fuhren auf einen Platz (Rolandplatz) vor das größte Hotel. Auf den Stufen standen viele russische Offiziere, die gesamte Front des Gebäudes war geschmückt, und auf jeder Seite der Treppe war eine russische Flagge angebracht. Auf der einen Seite des Eingangs befand sich ein großes Porträt Stalins und auf der anderen Seite eines von Roosevelt.

Hier stellten wir uns rangmäßig auf und wurden dann dem Kommandanten und seinem Stab vorgestellt. Es gab viele Fotografen - sowohl amerikanische und russische - und der Platz war gespickt mit Wachen. Wir wurden dann in das Hotel gebeten. Die Lobby wurde wieder mit Wachen besetzt. Im Saal waren viele kleine runde Tische aufgestellt. Wir waren dann zu viert an einem Tisch - zwei Amerikaner und zwei russische Offiziere. Russische Zigaretten machten die Runde. Wir schüttelten uns die Hände. Plötzlich, einer der beeindruckendsten Menschen, die ich je gesehen habe, betrat den Raum. Die russischen Offiziere sprangen auf und General Fox rief uns zur Aufmerksamkeit.

General Busbee und General Fox stellten sich zum General der Roten Armee. Er war der Korpskommandant. Er war ein großer stämmiger, etwa vierzig oder fünfzig Jahre alt und trug eine dunkle Bluse mit einer Reihe prächtiger Bänder und Medaillen. Neben ihm stand ein großer, blonder Oberst, der sein Stabschef war. Der Korps-Kommandeur (40. Schützenkorps der 3. russischen Armee) wandte sich an die Versammelten, sagte etwas in Russisch, und setzte sich mit unseren zwei Generälen. Der Dolmetscher übersetzte: "Willkommen, meine Herren, und setzen Sie sich bitte."

Dann öffneten sich die großen Flügeltüren zu einem riesigen Esszimmer mit einem T-förmigen Tisch für etwa hundert Personen. Es war ein herrlicher Anblick. An der Wand über dem Kopfende des Tisches waren riesige Porträts von Stalin, Roosevelt und Churchill zu sehen. Es waren etwa 20 Amerikaner und 70 Russen im Raum. Jeder Amerikaner wurde zwischen zwei Russen platziert. Der Tisch wurde so gedeckt, dass alle Personen ein vollständiges Gedeck aller Gerichte - Gelee, Fisch, Brot, Kekse, frische Butter, geräucherten Hering, Kaviar, Käse, Aufschnitt, Zigaretten, große Vasen mit Blumen, weiße Leinen-Servietten hatten. An jedem Platz standen drei Gläser - ein kleines Glas Likör, ein großes Glas Champagner und ein großer Kelch mit Wasser. Mir gegenüber saß ein Oberst der russischen Artillerie, auf der linken Seite einer der Kavallerie und zu meiner Rechten ein Infanterie-Oberstleutnant.

Unvergessliche Momente

Ich werde die nächsten Momente nie vergessen, nicht einer von ihnen sprach ein Wort Englisch. Wir alle schüttelten uns die Hände und von da an gab es nie einen Augenblick der Verlegenheit. Offiziell oder nicht - ich habe fast alle Nationalitäten des Kontinents angetroffen, aber nie hatte es einen solchen gemeinsamen Respekt, Vertrauen und Verständnis gegeben. Mit Gebärdensprache verständigten wir uns.

Der Oberst mir gegenüber tat es, wenn er einen vollen Becher Wodka erhob und trank. Er signalisierte mir, "trinken". Mich schauderte es. Er stand stets auf und hob sein Glas und trank es aus, wenn wir Wörter wie Stalin , Roosevelt und Amerikaner aussprachen. Am Ende jubelten die Russen wie verrückt, wenn der Dolmetscher die letzten Worte des Toast übersetzt hatte.

Wir setzten uns und nahmen die Mahlzeit ein. Der Oberst öffnete eine weitere Flasche und füllte meinen Becher und seinen. Er leerte seines genussvoll. Unser Brigade-General Busbee stand auf, um einen Toast zu sprechen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was General Busbee sagte, da ich beschäftigt war, mir Cognac einzugießen. Wir setzten uns zum Essen und Trinken wieder nieder. Jetzt öffnete der Oberst eine Flasche russischen Champagner. Es war sehr leckerer Champagner. Jeder von uns hatte Angst vor dem nächsten Drink. Soldaten kamen mit Akkordeons und spielten, einige Tänzer boten eine Show und ein Quartett von Soldaten sangen einige schöne russische Lieder.

Kellnerinnen, die Soldatinnen waren, brachten Nachschub. Eine war Heldin der Sowjetarmee mit hoher Auszeichnung. Sie soll 180 tote deutsche Soldaten auf ihrem Konto gehabt haben... Sie tanzten dann auch mit uns.

Nun wurden die Platten entfernt und Suppe wurde mit frischem Gebäck gereicht. Natürlich fehlte auch jetzt der Wodka, Champagner und Cognac nicht. Nach der Suppe kam gebratenes Huhn und französische Bratkartoffeln, und dann kam die Krönung des gastronomischen Abends - Vanilleeis. Es hat gut geschmeckt, aber zu diesem Zeitpunkt hatte der Wodka, Champagner und Cognac seinen Tribut gefordert, und ich wünschte nur, sie hätten das Eis zuerst gebracht. Toasts wurden fortgesetzt, und es gab dann Unterhaltung sowie Tanz mit großem Tanzorchester. Man spielte Polkas und wir alle tanzten, bis wir kollabierten. Nun wurde auch noch ein Film gezeigt, den wir aber nicht verstanden.

Danach folgte die Fortsetzung der Toasts und man brachte geräucherten Fisch, Kaviar, Wurst, noch mehr Eis und frische Gläser und noch mehr Wodka ! Gegen 12.30 Uhr Mitternacht, neun Stunden, nachdem wir begonnen hatten, wurden die letzten Toasts betrunken. Danach stiegen wir in die Limousinen, setzten im Lastkahn über die Elbe und fuhren zurück...

Meine Erinnerung an dieses Treffen mit den russischen Offizieren und Soldaten wird ewig dauern. Ich habe die einfachen russischen Soldaten getroffen und habe eine tiefe Überzeugung, dass jede Nation aus Menschen gemacht ist. Ich habe das große bewegende Gefühl von Kameradschaft und Respekt für die Russen erlebt.

John B. Tillson, Kapitän, 102nd Infantry Division"

Dieser Bericht ist so zu sagen eine Uraufführung in unserer Region. Dank der Öffnung vieler Archive ist nunmehr eine umfängliche detaillierte Recherche zu den damaligen Ereignissen möglich. Da aber Militärarchivalien immer nur militärisch-strategische und taktische Angaben enthalten, so werden weiterhin auch die Aussagen von Zeitzeugen aus ziviler Sicht Bedeutung haben.

Wer sachdienliche Angaben zum Beitrag machen kann, der melde sich bitte bei Helmut Menzel, In der Alten Kaserne 27a, 39288 Burg, Tel: 03921-729830, E-Mail: magdeburg.magado@gmail.com

 

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