Fast 10000 Menschen sind gestorben, 300000 Häuser zerstört, ganze Dörfer sind verschüttet: Nepal leidet seit April unter den katastrophalen Folgen einer Reihe von Erdbeben. Unter den THW-Helfern vor Ort ist Johannes Anger aus Burg, der sich um Trinkwasser kümmert. Volksstimme-Redakteur Falk Heidel befragte ihn.

Volksstimme: Herr Anger, Sie kümmern sich im Krisengebiet von Kathmandu um sauberes Trinkwasser für die Menschen dort. Wie verläuft ein ganz normaler Tag?

Johannes Anger: Der Tag beginnt für mich als Laborant morgens um sechs. Nach dem Aufstehen geht es zusammen mit unserem Fahrer und den Leuten der ersten Schicht auf die knapp 15-minütige Fahrt zu unserem beiden Trinkwasseraufbereitungsanlagen auf dem Gelände eines nicht mehr in Betrieb befindlichen Wasserwerks. Dort nehme ich zuerst aus den am Abend zuvor befüllten Trinkwasserbehältern Proben für die spätere Analyse im Labor. Die dann nach meiner Rückkehr in unser Basislager durchzuführende Analyse umfasst mikrobiologische und chemische Tests. Die Anlage betreiben wir übrigens von 6 Uhr bis spätestens 22 Uhr. Für mich endet der Tag mit dem Schreiben der Laborprotokolle gegen 16 Uhr. Aber diesen planmäßigen Ablauf gibt es eher selten. Zudem werden wir Laboranten immer wieder als Berater oder für Trinkwasseranalysen anderer Organisationen angefragt.

Wie und wo schlafen Sie, was gibt`s zum Frühstück? Und gibt es bei den Mahlzeiten etwas, das Sie sehr vermissen?

Wir schlafen derzeit auf dem Gelände der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, kurz GIZ . Hier haben wir im Garten verschiedene Zelte aufgestellt. An Verpflegung bekommt man hier fast alles zu kaufen, wenn auch teilweise zu abenteuerlichen Preisen. Abends kochen wir entweder selber oder werden durch einen Koch der GIZ mit hervorragender nepalesischer Küche versorgt. Dieser Koch hat durch das Erdbeben alles verloren.

Mit Ihrer Ankunft vor knapp zwei Wochen gab es ein heftiges Nachbeben. Wie haben Sie das erlebt und was hat sich seit dem geändert? Haben die Menschen noch immer Angst vor weiteren Erschütterungen?

Direkt nach den letzen Beben haben wir festgestellt, dass viele Geschäfte geschlossen haben. Die Menschen sind ängstlich. Aber mit jedem neuen Tag normalisiert sich die Lage in Kathmandu etwas mehr. Die Stadt ist wieder voller Menschen und die Straßen verstopft. Nichtsdestotrotz leben immer noch viele Menschen in Zelten und unter Planen. Es gibt fast täglich kleinere Nachbeben, bei denen die Menschen sofort erschrecken.

Wie funktionieren die Wasseraufbereitungsanlagen des Technischen Hilfswerks?

Unser Rohwasser gewinnen wir aus knapp 100 Meter tiefen Brunnen. Unsere beiden Trinkwasseraufbereitungsanlagen bestehen aus mehreren Verfahrensstufen. Nach anfänglicher Belüftung geben wir ein Flockungsmittel hinzu. In mehreren Absetzbecken werden erste Verunreinigungen zur Sedimentation gebracht. Im Anschluss fließt das vorbehandelte Wasser über insgesamt vier Ultrafiltrationmodule, wo es dann von restlichen Verunreinigungen befreit wird. Anschließend wird das Wasser mit Chlor desinfiziert und in vier großen Blasen zwischengespeichert.

Auch Ihr Tag besteht nicht nur aus Arbeit. Wie verbringen Sie Ihre Freizeit, können Sie Sehenswürdigkeiten besichtigen?

Die Freizeitgestaltung ist natürlich durch die Sicherheitslage, unseren Auftrag und die örtlichen Gegebenheiten sehr eingeschränkt. Wir beschränken uns am Abend auf ein gemeinsames Abendessen und ein Meeting, in welchem wir den Tag auswerten, Probleme besprechen und beispielsweise Themen des kommenden Tages besprechen. Ab 21 Uhr gehen die ersten dann schlafen.

"Chaos auf den Straßen, keine Ampeln, keiner stoppt, aber es gibt auch keinen Stau."

Wie kontaktieren Sie Ihre Familie, sind Sie auf dem Laufenden, was dabeim passiert?

Zum Glück haben wir hier über die GIZ das Internet verfügbar. Dieser Weg ist auch der bevorzugte Kommunikationsweg. Die Familie wird zudem manchmal, wie kürzlich nach dem Erdbeben, auch durch die THW-Leitung in Bonn informiert.

Was hat sich seit Ihrer Ankunft geändert?

Inzwischen sind die THW-Kollegen von Team eins und der Botschaftsunterstützung abgereist, so dass wir jetzt nur noch 10 Leute von ehemals 20 Kollegen in unserem Camp sind. Für mich hat sich ein wenig der tägliche Arbeitsplan geändert. Inzwischen beprobe ich verstärkt für die WHO, also für die Weltgesundheitsorganisation, und andere Hilfsorganisationen das Wasser von Wasserspeichern und Wasserwerken. In dem Zusammenhang berate ich vor Ort zu technologischen Fragen der Wasserreinhaltung und Aufbereitung.

Was ist eigentlich der größte Unterschied zwischen einem Leben hier in Deutschland und dort am Himalaya?

Der größte Unterschied ist sicherlich das für uns alltägliche Chaos auf den Straßen. Es gibt keine Ampeln, keiner stoppt. Es gibt aber auch keinen Stau. Zudem herrscht hier ja Linksverkehr. Was zudem auffällt ist, dass der Umweltschutzgedanke hier noch nicht so weit verbreitet ist. Smog und Staub liegen überall in der Luft. Bei der Sauberkeit gibt es wie in Deutschland ein enormes Gefälle zwischen Hauptstraßen und touristisch interessanten Gebieten sowie den Vorort-Siedlungen. Ein wesentlicher Unterschied ist natürlich auch das große Maß an extremer Armut, das einem überall begegnet.

Gibt es Kontakte zwischen Einheimischen und Ihnen beziehungsweise Ihren Kollegen? Vielleicht sogar Einladungen?

Wir haben natürlich viele Kontakte. Zum einen haben wir einheimische Angestellte, zum anderen treffen wir sie bei diversen Meetings wieder. Angeboten bekommen wir bei Einladungen vor allem schwarzen, oft zuckersüßen Tee, den man dann gemeinsam trinkt.

Wie ist Ihr persönlicher Eindruck, kommt die internationale Hilfe wirklich bei den Menschen an? Woran mangelt es derzeit besonders?

Das ist für uns nur schwer zu beurteilen, da wir uns vor allem im WaSH-Bereich aufhalten. Das Kürzel steht für Water, Sanitation and Hygiene. Wir haben fast 1400 Kubikmeter Trinkwasser an die Bevölkerung in den Flüchtlingslagern ausgegeben. An Spitzentagen waren das knapp 120 Kubikmeter, die wir mit unseren mobilen Anlagen aufbereitet haben. Die Wiederaufbau- beziehungsweise Reparaturarbeiten am Trinkwassernetz von Kathmandu laufen nach unseren Informationen sehr zügig.

Und wie geht es den Menschen in den anderen Gebieten?

Wenn man mal über unser Aufgabengebiet hinausschaut, so fällt schon auf, dass die Hilfe ankommt. Es wurden bereits unzählige Tabletten zur Reinigung des Wassers sowie Zelte und Planen an die Bevölkerung verteilt. Und das nicht nur in Kathmandu, sondern auch in anderen Gegenden. Problematisch ist derzeit vor allem die Logistik. Nepal verfügt nur über einen Flughafen mit Kapazität zum Frachtumschlag. Einen Seehafen hat das Land nicht. Kommt die Fracht nicht über den Flughafen rein, muss sie über viele Kilometer auf dem Landweg von Indien oder China aus transportiert werden. Und das bei schlechten und schmalen Straßen. Von daher wird es auch heute noch Menschen geben, die nicht von der Hilfe erreicht wurden, da der Nachschub an Hilfsgütern nur langsam verläuft.

Wann werden Sie ins Jerichower Land zurückkehren?

Ich bleibe bis zum 8. Juni hier in Kathmandu. Dann geht es über Istanbul zurück nach Berlin Tegel.