Jörg Lahn ist 24 Jahre alt, Zeitungsausträger und querschnittsgelähmt. Trotz Handicap versorgt der junge Mann die Schermener Volksstimme-Leser jeden Morgen mit den gedruckten regionalen Nachrichten ihrer Heimatzeitung - als Zusteller auf vier Rollen.

Schermen. Wenn es frühs vor der Haustür kurz piept, dann wissen die Schermener: Jetzt ist die Volksstimme da.

Jeden Morgen steht Jörg Lahn gegen 3.30 Uhr auf. Doch während sich seine Frau Diana um diese Zeit noch im Bett räkelt, verteilt der junge Mann im Ort schon die Zeitungen. Allein das ist bemerkenswert. Aber der 24-Jährige ist kein gewöhnlicher Zeitungsbote. Jörg Lahn sitzt im Rollstuhl. Und eben jener piept, wenn er rückwärts fährt.

Seit November trägt der Schermener die Volksstimme und ein paar andere bunte Blätter aus. Rund 125 Heimatzeitungen sind es jeden Tag auf seiner Tour. "Am Sonnabend sogar noch zehn mehr." Die Ausgaben werden morgens vor seiner Haustür von einem Kurier in dicken Bündeln abgelegt. Jörg Lahn verstaut sie anschließend in einem großen Beutel auf seinem elektrischen Mobil. Und dann geht es los, die Chausseestraße entlang bis hoch zum Karlshof.

"Mein neues Mobil fährt 12 km/h. Damit schaffe ich es, die Zeitung bis 6 Uhr auszutragen"

"Vor ein paar Wochen habe ich mir unter anderem für die Arbeit ein schnelleres Gefährt zugelegt", berichtet Jörg Lahn stolz. "Das neue rote Mobil schafft etwa 12 km/h. Mit dem alten war ich nur 6 km/h schnell. Das war zu langsam. Schließlich muss die Zeitung bis 6 Uhr bei den Lesern im Briefkasten liegen."

Für seine Arbeit erntet der Zeitungszusteller Bewunderung und Respekt im Ort. Das war anfangs nicht so. "Für viele Leute war es ungewöhnlich, dass ein Rollstuhlfahrer ihre Zeitung austrägt. Viele glauben, dass man das nicht schafft. Doch nach etwa zwei Wochen hat sich das gelegt", erzählt der junge Mann.

Mittlerweile ist er ein gern gesehener Mann und im Dorf allseits bekannt. Er wird erkannt, egal an welcher Ecke er sich aufhält. Er wird gegrüßt und hier und da ist sogar ein kleines Schwätzchen möglich. "Es macht Spaß und ist toll, von den Leuten angesprochen und akzeptiert zu werden. Das hatte ich bei anderen Arbeiten nicht", meint Jörg Lahn glücklich. Für so viel Zuspruch lohnt sich das frühe Aufstehen.

Genau diese Anerkennung ist es, die Jörg Lahn jeden Tag wieder mehr Lebensmut schenkt. Vor sechs Jahren hatte er diesen fast verloren. Denn vor sechs Jahren, als Jörg Lahn noch laufen konnte, veränderte sich sein Leben während eines Krankenhausaufenthaltes von einem Tag zum anderen. Beim Umbetten habe sich ein Wirbel verschoben, berichtet der aus Thüringen stammende Eisenbahnfreund. "Das war eine sehr schwierige Zeit für mich."

Einige Monate später lernte er seine heutige Frau Diana kennen. Jörg Lahn zog mit ihr nach Schermen und fühlt sich hier im Hause der Schwiegereltern und seiner neuen Familie und dem verantwortungsbewussten Job richtig wohl.

Die Zustellerroute von Jörg Lahn ist bewusst gewählt. Nicht jeder Weg ist für einen Rollstuhlfahrer zu meistern. "Ich trage beispielsweise auf der linken Chausseestraße von Burg kommend aus. Da behindern mich keine Stufen", erzählt er. "In Burg-Süd könnte ich keine Zeitungen austragen. Da müsste ich erst eine Treppe überwinden, um an die Briefkästen zu kommen."

"Viele Leser haben ihre Briefkästen nur für mich nach unten gehängt"

Doch auch in Schermen gab es einige Hindernisse zu bewältigen. An manchen Toren und Einfahrten waren die Briefkästen so hoch angebracht, dass Jörg Lahn sie nicht erreichen konnte. "Ich habe die Zeitungsleser angesprochen und sie gebeten, die Briefkästen ein Stück niedriger anzubringen. Das haben sie auch gemacht - nur für mich. Darüber bin ich sehr froh", so der 24-Jährige. Mit so viel Entgegenkommen hatte er nicht gerechnet.

Doch nicht alle Schermener sind so umsichtig. Manchmal muss Jörg Lahn einige Anwohner auch ermahnen, zum Beispiel wenn die Mülltonne vor dem Briefkasten steht oder ein Auto in der Einfahrt den Weg versperrt.

Doch egal, welche Hindernisse Jörg Lahn noch den Weg versperren werden, Zeitungen will der Hartz-IV-Empfänger auch in Zukunft austragen. "Ich muss einfach raus. Ich kann nicht nur zuhause rumhängen", meint er.

René Thetmann, Vertriebsinspektor beim Dienstleistungscenter Burg und Chef von Jörg Lahn, ist froh über seinen Mitarbeiter. "Herr Lahn ist sehr zuverlässig", erklärt er. Zwar fragte er sich anfangs auch, ob die Zustellung durch einen Rollstuhlfahrer abgesichert werden kann. Doch Jörg Lahn hat ihn überzeugt. Der Rollstuhl ist kein Hindernis für diese Arbeit.