Burg. "Früher waren 95 Prozent der Termine vorgegeben, über fünf konnte man noch selbst entscheiden, heute ist es etwa 50 zu 50." Franz Müntefering, ehemaliger SPD-Bundesvorsitzender und in der vorherigen Bunderegierung Vizebundeskanzler, ist jetzt in die "vierte oder fünfte Reihe" zurückgetreten als "noch Bundestagsabgeordneter", kommt mit dem Gewinn an Zeit und Selbstbestimmung gut klar.

Dass es den gebürtigen Sauerländer dennoch weiter umtreibt, macht er den anwesenden gut 40 Besuchern in der Burger Bibliothek vorgestern Abend ganz schnell klar.

Als er im Jahr 2007 aus vielen politischen Ämtern ausschied, um zu seiner kranken Frau zu gehen, hatten ihm einige mit auf den Weg gegeben: ,Seit doch froh, dass Du die Politik los bist\'. "Das hat mich geärgert. Es geht nicht ohne Politik", erzählt er. Das ist auch sein Anspruch an die Jüngeren und Jungen.

Politik ist für Müntefering "überall da, wo Menschen kommunizieren, um Verhältnisse zu verändern". Er ist sich sicher: "Man kann sich nicht entziehen. Man kann passiv sein, aber man lässt dann anderes zu, lässt den Dingen ihren Lauf." Müntefering lässt keinen Zweifel daran, dass dies nie sein Weg war und ist.

Für ihn, der für seine Partei stets in den Ring stieg und steigt, ist Politik nach eigenem Bekunden aber mehr als Parteipolitik. Sie "ist nicht Kern der Demokratie. Parteien wirken mit, sie sind Helfer und Unterstützer", mahnt er vor Selbstüberschätzung der Parteien. Doch es geht ihm auch ums Mutmachen. "Man darf nicht abwarten, man muss sich einmischen, sich auf den Weg machen, wenn man eine Vorstellung davon hat, wie Verhältnisse verbessert werden können". Er weiß: "Wir haben zu viele, die auf den Tribünen sitzen. Wir brauchen Typen, die was wollen, auch wenn sie anstrengend sind."

Dass es, da die Dinge oft kompliziert seien, dabei auch Streit gebe, hält Müntering für normal und richtig in der Demokratie. "Streit heißt aber nicht Feindschaft, sondern Dialog, die Meinung vertreten."