Auf große Resonanz stieß kürzlich ein heimatgeschichtlicher Vortrag in Lostau. Der Heimatverein hatte den Publizisten und Chronisten Helmut Menzel eingeladen, der sich intensiv mit den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges in der Region zwischen Niegripp und Königsborn befasst hat. Ganz besonders intensiv recherchierte er zu den Kampfhandlungen am Weinberg zwischen Lostau und Hohenwarthe.

Lostau. An den Beginn seines rund zweistündigen Ausfluges in die Vergangenheit stellte der Burger Denkmalpfleger und Heimatforscher den Dank an seine Interviewpartner, Berichterstatter und Chronisten der Heimatvereine von Hohenwarthe, Lostau und Schermen. Lang ist die Liste jener, die Hartmut Menzel geholfen haben, die Ereignisse vor Ort zu erforschen. Unter ihnen sind Horst Hallmann aus Lostau, Hildegard Beckmann aus Gerwisch, Gerhard Lenz aus Hohenwarthe, Dorothea Kose aus Schermen, Ruth Storch aus Hohenwarthe, Hans-Joachim Voelskow aus Hohenwarthe, Otto Meier aus Lostau, Hildegard Schaaf und Erika Rießling aus Gerwisch, Stefani Kregel aus Biederitz, Marlis Getzlaf und Kerstin Voigt aus Lostau.

Er will mit der Geschichte keine Propaganda machen, hebt Hartmut Menzel heraus, die Historie solle erlebbar werden durch die Schilderung der Zeitzeugen. Manches, was aus dieser Zeit berichtet wurde, entspricht vielleicht nicht immer ganz der Realität, weil es aus unterschiedlichen Sichtweisen erlebt wurde. Doch in der Summe sei ein faktenreiches Bild der unmittelbaren Heimatgeschichte entstanden. Großen Beitrag leisteten dazu auch umfangreiche Zuarbeiten aus den Militärarchiven vor allem der Amerikaner. Vom Raum Magbeburg und Umgebung gibt es rund 2000 Luftaufnahmen von den Kampfhandlungen. Informationen gaben auch der Magdeburger Kampfmittelbeseitigungsdienst und das Kulturhistorische Museum.

Lostauer Chefarzt hatte Ärger bekommen

Seine Zeitreise beginnt Hartmut Menzel mit Postkarten, die zum Beispiel die Badeanstalt in der Elbe bei Hohenwarthe zeigen, die von der Waldschänke betrieben worden sein soll. Es sind Luftbilder vom Weinberg zu sehen, wo sich eine Flak-Stellung befand. Es gibt Luftbilder von der Lungenheilstätte, dessen Chefarzt Ärger bekommen hatte, weil er auch Fremdarbeiter behandelte. Helmut Menzel zeigt Fotos, auf denen die Soldeten und Offiziere der Flak-Stellung im Ortskern von Hohenwarthe einen Appell abhalten. Er berichtet vom Beginn der Bauarbeiten für den Elbtrog und den Mittellandkanal, der in den Kriegszeiten nicht fortgeführt wurde. Die Widerlager an der Elbe sollen Hohenwarther bei Luftangriffen als Schutzbunker genutzt haben. Doch sie saßen förmlich in der Falle, weil vom westlichen Elbufer aus die Amerikaner auf alles schossen, was sich gegenüber bewegte.

An jener Stelle habe sich auch ein Lager der Reichsarbeitsdienstes befunden, was anwesende Zeitzeugen bestätigten. Noch rund eine Handvoll Damen und Herren meldeten sich auf die Frage von Helmut Menzel, ob es noch jemand gäbe, der die Kriegswirren miterlebt habe.

Bestätigt wurde auch, dass an den einstigen Schächten eine Eisenbahn-Flak stationiert gewesen war, die bei Luftangriffen dröhnend donnerte. Helmut Menzel selbst konnte solche Berichte zuerst gar nicht glauben, weil kein Eisenbahngleis auszumachen war. Bis er später dann doch feststellte, dass es ganz dicht am Mittellandkanal entlang lief und vom Burger Walzwerk kam.

Über die Kriegshandlungen 1944 bis zum Kriegsende liegen Helmut Menzel detaillierte Karten vor. Ganz genau ist nachvollziehbar, welche Truppen zu welchem Zeitpunkt aktiv waren.

Östlich der Elbe wurden die Nebelfässer in Betrieb gesetzt, wenn Angriffe auf das Industriegebiet Rothensee drohten. Hatte der Wind die richtige Richtung und wurde der korrekte Zeitpunkt erwischt, versperrte eine dicke Nebenschicht die Sicht auf die Bombenziele. Vor allem war die BRABAG Ziel der Angriffe, weil dort Flugzeugtreibstoff hergestellt wurde. Nach den Angriffen mussten Magdeburger KZ-Häftlinge beim Aufräumen helfen. Nach etwa einer Woche sei wieder produziert worden, weiß Helmut Menzel. Bis die nächsten Bomber kamen.

Lostau und Hohenwarthe haben vor allem mit der Verteidigung des Luftraums zu tun gehabt, fasst der Chronist zusammen. Zum Kriegsende hin seien in Hohenwarthe Panzergräben ausgehoben worden. Die Flak-Einheit auf dem Weinberg war wichtigste Verteidigungsstellung. Eine Scheinwerferstellung befand sich hinter der Lungenklinik. Drei junge Luftwaffenhelfer sind hier wenige Tage vor Kriegsende ums Leben gekommen.

Helmut Menzel widerlegt auch die oft geäußerte falsche Annahme, dass altes Kartenmaterial der Grund für die Bombardierung der Eisenbahnsiedlung in Gerwisch gewesen sei. Am 9. Februar 1945 hatte es hier bei einem Luftangriff knapp 80 Tote und viele Verletzte gegeben. Neun Menschen waren unauffindbar. Helmut Menzel kann anhand von amerikanischen Protokollen belegen, dass die Amerikaner ganz genau gewusst haben, welche Personenbewegungen es in der angrenzenden MUNA gegeben hat und dass dort Kriegsmaterial gefertigt wurde.

Fast Tag für Tag kann Helmut Menzel anhand von Kartenmaterial das Vorrücken der Russen und der Amerikaner auf die Elbe nachvollziehen. Auch Treffen von Russen und Amerikanern in Hohenwarthe und Lostau sind belegt. Es heißt: Das Ostufer der Elbe hatte unsere amerikanische Abordnung um 15 Uhr erreicht. Major Mc Cullough und seine Männer wurden von einem Major der russischen Artillerieeinheit begrüßt. Der Major sagte, dass er und seine Einheit auf diesem Gebiet morgens gegen 5 Uhr eingetroffen seien. Einer zweiten Gruppe von Amerikanern, die über die Elbe nach Hohenwarthe übersetzten, gehörten neben Major Mc Cullough mehrere Offiziere, zwei Stenografen und zwei Dolmetscher an.

Die Männer der 1. Bataillons der 120. Infanterieregimentes sahen ihren ersten russischen Soldaten, als ihre Patrouille auch am 5. Mai um 14.28 Uhr auf die andere Elbseite übersetzte. Das kann nur bei der Ziegelei Alt Lostau erfolgt sein, denn das 1. Bataillon sicherte gegenüber das Westufer.