Am 1. April hat Yvonne Nitzsche (32) die Leitung der Kreisvolkshochschule im Jerichower Land übernommen. Seither weht ein neuer Wind durch das ehrwürdige Haus in Burg. Veränderungen stehen an, neue Kurse sollen angeboten werden, der Umzug ins Haus Mubi ist für Herbst geplant. Volksstimme-Redakteurin Anja Guse sprach mit ihr über die Zukunft der Einrichtung.

Volksstimme: Frau Nitzsche, Volkshochschulen gelten allgemein als ziemlich altbacken. Ist eine solche Einrichtung überhaupt noch zeitgemäß?

Yvonne Nitzsche: Ja klar. Auch wenn das Image seit über einhundert Jahren gewachsen ist und es schwierig ist, dieses zu verändern, versuchen wir am Puls der Zeit zu bleiben. Wir gestalten unsere Kurse so, dass sie der Lebenswirklichkeit unserer Kunden entsprechen.

Volksstimme: Was bedeutet das für den Unterricht und das Programm der Schule?

Yvonne Nitzsche: Im Sprachbereich sind Kurse wie Business- englisch überhaupt nicht mehr gefragt und finden nur noch auf Anfrage von Firmen statt. Viel wichtiger sind Small-Talk und die einfache Verständigung für Touristen. Auch die Nachfrage nach Russisch ist auf Null gesunken. Dagegen ist Spanisch im Kommen. Und wir bieten beispielsweise Kurse an, in denen Hundehalter erzogen werden oder die Teilnehmer Pilates lernen. Das ist sehr modern und der Lebenswelt angepasst.

Volksstimme: Eine Ihrer ersten inhaltlichen Amtshandlungen war die Umbenennung eines Kurses. Dieser heißt statt Englisch für Senioren jetzt Englisch-Konservationskurs am Vormittag. Ist das Modernisierung?

Yvonne Nitzsche: Auch. Der alte Name wurde diesem Kurs einfach nicht mehr gerecht. Bei Senioren denke ich an Menschen über 70. Aber hier sitzen aktive Frauen und Männer um die 60. Sie lachen viel, singen, haben Spaß am Unterricht. Da wurde ein neuer Kurstitel notwendig.

"Versuchen, unsere Angebote aufs Land zu bringen"

Volksstimme: In den vergangenen Jahrzehnten haben sich auch die Lehrmethoden und die Didaktik stark verändert. Wie ist das in Ihren Kursen zu spüren?

Yvonne Nitzsche: Wir nutzen spezielle Lehrwerke, und im Sprachunterricht nimmt das Hören und Sprechen einen großen Teil ein. Außerdem arbeiten wir mit zwei Verlagen zusammen, die auch Konzepte für neue Kurse entwickeln. So entstand unter anderem ein neuer Computerkurs, eine Art Internetwerkstatt, in der es um soziale Netzwerke wie Facebook und um Online-Marktplätze geht.

Volksstimme: Das Jerichower Land ist eine sehr ländliche Region mit knapp 97 000 Einwohnern. Welche Herausforderungen bringt das für Sie mit?

Yvonne Nitzsche: Für einige Angebote müssen unsere Schüler einen weiten Weg auf sich nehmen. Für Leute, die kein Auto haben, kann dies ein Problem sein. Deshalb versuchen wir, unsere Angebote aufs Land zu bringen und bieten beispielsweise in Biederitz und Ferchland Englisch an. Dabei unterstützen uns die Gemeinden, indem sie Räume zur Verfügung stellen.

Volksstimme: Englisch in Biederitz - gibt es dafür überhaupt genug Teilnehmer?

Yvonne Nitzsche: Ja, denn für Kurse in den Dörfern reichen sieben Teilnehmer aus. In solch kleinen Gruppen lässt es sich manchmal sogar besser lernen, weil der Dozent sich für jeden Teilnehmer mehr Zeit nehmen kann.

Volksstimme: Was muss sich noch verändern, damit die Volkshochschule zeitgemäß bleibt?

Yvonne Nitzsche: Viel. Das Lernen muss zu einem Erlebnis werden. Wie bei einer Spanischkennlernstunde, in der es bei uns Paella gibt und Lesungen. Außerdem wollen wir zielgruppengerechte Weiterbildungen anbieten, so auch für Erzieher und Lehrer. In deren Arbeitsfeld ist viel passiert. Sie müssen die Sprache der Kinder fördern. Darauf können wir sie vorbereiten.

"Chinesisch lernen? Bekommen wir hin, vertrauen Sie mir!"

Volksstimme: Wie entstehen neue Kurse?

Yvonne Nitzsche: Zum Beispiel, indem sich Leute bei uns melden und ihre Wünsche äußern. Bei uns gibt es quasi Bildung auf Bestellung. Kommen genug Teilnehmer zusammen, kann ein neuer Kurs starten.

Volksstimme: Stellen wir uns vor, ich möchte mit ein paar Freunden Chinesisch lernen. Ist das möglich?

Yvonne Nitzsche: Warum nicht? Das werden wir hinbekommen.

Volksstimme: Ich meine wirklich Chinesisch. Wie wollen Sie das organisieren?

Yvonne Nitzsche: Ich habe viele gute Kontakte, bin sehr gut vernetzt. Vertrauen Sie mir. Wenn dieser Kurs gewünscht wird, kriegen wir das hin.

Volksstimme: Die Kreisvolkshochschule ist eine freiwillige Aufgabe des Kreises, das Honorarbudget ist auf 90 000 Euro im Jahr begrenzt. Wie kommen Sie damit zurecht?

Yvonne Nitzsche: Das klappt ganz gut, eigentlich sogar besser als bei einem freien Träger. Dozenten, die für uns arbeiten, wissen, dass sie bei uns keine großen Summen erhalten. Wir können uns ganz auf die Vermittlung der Bildung konzentrieren. Und das auch in kleinen Orten, in denen freie Träger nichts anbieten können.

Volksstimme: Im Herbst ist der Umzug in ein saniertes Gebäude an der Magdeburger Straße geplant. Dieses werden Sie sich mit der Kreismusikschule teilen dürfen. Welche Vorteile bringt das neue Haus?

Yvonne Nitzsche: Es ist barrierefrei, weil es einen Fahrstuhl geben wird. Das ist sehr wichtig. Außerdem haben wir dann mehr Räume, die sehr schön werden. Auch die Ausstattung wird sehr modern.

Volksstimme: Waren sie schon einmal auf der Baustelle?

Yvonne Nitzsche: Ja, schon mehrfach. Ich freue mich riesig auf das neue Haus, obwohl das alte mit seinem Kamin und der hübschen Holztreppe auch seinen besonderen Charme hat.

Volksstimme: Im September wird das Kursheft erstmals unter Ihrer Federführung erscheinen. Inwieweit wird es Ihre Handschrift tragen?

Yvonne Nitzsche: Es wird ein verändertes Kursangebot geben. Einige alte Dinge fallen raus und viele neue Angebote werden ihren Weg in den Landkreis finden. So zum Beispiel ein Kalligraphiekurs, eine Studienreise, sowie Kurse nach dem Bildungsfreistellungsgesetz, aber auch der Haupt- und Realschulabschluss werden ab Herbst wieder angeboten.

Volksstimme: Wo bringen Sie noch Ihre Ideen ein?

Yvonne Nitzsche: Ich stehe in einem regen Austausch mit den Dozenten und berate sie, auch bei der Auswahl der Lehrwerke.

Volksstimme: Welche Kurse werden Sie selbst geben?

Yvonne Nitzsche: Leider bleibt mir dafür momentan keine Zeit. Allerdings vermisse ich schon meine Englischkurse für Senioren und die Integrationskurse. Dort bekommt man als Dozent immer sehr viel zurück. Und von den Senioren habe ich viel gelernt.

Volksstimme: Und in welchen Kursen wird man Sie als Schüler antreffen?

Yvonne Nitzsche: Nach dem Umzug der Schule ins neue Haus fange ich an zu malen. Und irgendwann möchte ich auch mal Französisch lernen. Wir haben eine Muttersprachlerin als Dozentin, das wäre eine sehr gute Gelegenheit.

Volksstimme: Frau Nitzsche, spätestens wenn Sie ihr erstes Bild gemalt haben, sehen wir uns hoffentlich wieder. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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