Robert Szramke ist ein ganz normaler Jugendlicher mit einem verschmitzten Lächeln. Wenn er spricht, ist nur noch ansatzweise zu erkennen, dass er nicht hierzulande aufgewachsen ist. Dass sich der gebürtige Pole inzwischen gut zurechtfindet, das ist vor allem ein Verdienst von Elisabeth und Hans Schmidt.

Kalbe l "Ich weiß nicht, was ohne Schmidts geworden wäre", sagt Robert Szramke und schaut ein wenig verschämt nach unten. Neben dem gebürtigen Polen sitzen Elisabeth (73) und Hans Schmidt (72). Sie sind dem Jungen in den vergangenen zweieinhalb Jahren so etwas wie Zieheltern geworden sind. Ihnen hat der 14-Jährige zu verdanken, dass er inzwischen gut Deutsch spricht. Seiner Familie haben die Schmidts hingegen durch den hiesigen Dschungel der Bürokratie geholfen. "Aber manchmal", so erinnert sich das Ehepaar, "war es wirklich zum Verzweifeln."

Verzweifelt war auch Robert, als er und seine Familie im September 2011 in der Altmark ankamen. Bis dahin hatten sie in der Region Danzig gelebt. Doch der Vater wollte das bestehende EU-Recht nutzen und hierzulande einer Arbeit nachgehen. Nicht ahnend, was auf alle zukommt, brachte er sowohl seine Frau als auch seine beiden Söhne und die Lebensgefährtin des Älteren mit. Nur die Tochter blieb zu Hause in Polen. Der große Rest der Familie kam in Kahrstedt bei einer Bekannten unter. Später zogen dann alle nach Kalbe um, wo sie seither zwar unter einem Dach, aber in zwei verschiedenen Wohnungen leben.

"Die Schule erhielt keinerlei staatliche Unterstützung."

Die Familie erhielt in den Anfangsmonaten keinerlei finanzielle Unterstützung, lebte davon, was andere ihr spendeten. Aber weil in Deutschland Schulpflicht herrscht, musste Robert sofort am Unterricht in der hiesigen Sekundarschule teilnehmen - ohne auch nur ein Wort Deutsch zu können. "Stellen Sie sich das mal vor", sagt Elisabeth Schmidt, ehemals Schulrätin des Altkreises Kalbe: "Da kommt ein Junge im neuen Schuljahr ganz ohne Sprachkenntnisse in die sechste Klasse und soll sich gleich zurechtfinden." Logisch, dass Robert sich fortan verschloss. "Und die Schule erhielt auch keinerlei staatliche Unterstützung in diesem Fall", erinnert sich Elisabeth Schmidt weiter. Doch Roberts Klassenleiterin Anke Jäger wollte es nicht dabei belassen, hörte sich um. Und auf diese Weise kam schließlich der Kontakt zum Ehepaar Schmidt zustande. Elisabeth Schmidt hatte schließlich bis zu ihrem 18. Lebensjahr in Polen gelebt, 13 Jahre davon als Staatenlose in einem ehemals deutschen Gebiet - und auch sie wollte dem Jungen nun helfen.

Also ging die pensionierte Pädagogin in die Sekundarschule, wo der damalige Sechstklässler vor ihr stand und sie mit großen Augen ansah. Um das Eis zu brechen, zeigte sie ihm ihr eigenes Zeugnis der sechsten Klasse, das sie vorausschauend mitgebracht hatte. Es war in polnischer Sprache verfasst. Elisabeth Schmidt hatte sie selbst einmal sehr gut beherrscht. Weil sie später jedoch Russisch unterrichtet hatte, hatte diese Sprache das Polnische fast aus ihrem Gedächtnis verdrängt. Aber eben nur fast. "Ein paar Brocken waren hängen geblieben", erinnert sie sich. So konnte sie sich mit Händen und Füßen mit Robert verständigen.

"Der Junge war ja damals wirklich todunglücklich."

Und das war wichtig. "Denn der Junge war ja damals wirklich todunglücklich. Wie sich so etwas anfühlt, kannte ich ja aus eigenem Erleben", sagt die engagierte Kalbenserin.

Fortan kam sie zweimal wöchentlich in die Schule, um mit Robert je eine Stunde lang Deutsch zu üben. Unentgeltlich. Über ein Jahr lang ging das so. Und den beiden wurde dafür stets ein Extraraum zur Verfügung gestellt. Auch der Schulförderverein klinkte sich ein und gewährte dem Jungen, dessen Familie ja quasi anfangs von der Hand in den Mund leben musste, finanzielle Hilfe. Immer häufiger kam Robert dann aber auch freitags zu den Schmidts nach Hause. Und weil bei dem kinderlosen Ehepaar auch ständig Freunde und Verwandte zu Besuch waren, wurde Robert sehr schnell in diesen Kreis integriert. "Da musste er dann natürlich auch Deutsch sprechen", erinnert sich Hans Schmidt, der seine Frau von Anfang an im Fall Robert unterstützt hat.

Doch es blieb nicht bei der Hilfe für den Jungen. Auch der Kontakt zu dessen Familie wurde immer enger. Denn sie benötigte bei den vielen Behördengängen, die sie zu absolvieren hatte, ebenfalls Unterstützung. Schließlich sprach am Anfang niemand der Szramkes Deutsch. "Was wir da alles erlebt haben, dass kann man sich gar nicht vorstellen", erinnert sich Elisabeth Schmidt kopfschüttelnd an die Auswüchse deutscher Bürokratie.

Doch es gab für sie und ihren Mann auch wunderschöne Momente mit den neuen Bekannten. Zum Beispiel jenen, als sich Roberts Bruder Bartosz und dessen Lebensgefährtin Dorota das Ja-Wort in Kalbe gaben - und als dann der erste Nachwuchs auf die Welt kam. Schmidts waren immer dabei.

Inwischen nehmen sowohl Roberts Mutter als auch seine Schwägerin Dorota an einem Deutschkurs teil. Sein berufstätiger Bruder hat sich die Sprache quasi selbst beigebracht. Sein Vater hingegen hatte dazu bisher kaum Gelegenheit. Beide Männer arbeiten in einem Kalbenser Betrieb. Und auch Robert, der mal Kfz-Mechaniker werden möchte, hofft, bald praktische Erfahrungen sammeln zu dürfen. Er, der trotz seiner inzwischen guten Deutschkenntnisse nicht in allen Unterrichtsfächern alles nachholen konnte, möchte ab dem kommenden Schuljahr die Möglichkeit des sogenannten produktiven Lernens nutzen. Dabei erfährt er ebenfalls die Unterstützung des Ehepaares Schmidt.

Aber auch Robert konnte dank seiner Zweisprachigkeit schon helfen. So begleitete er im Herbst den Kalbenser Jürgen Nikolaus bei einer mehrtägigen Polen-Reise. Nikolaus wollte sich auf die Spuren seiner Vorfahren begeben und war im Vorfeld eher durch Zufall auf den Jugendlichen und dessen Familie aufmerksam geworden. Ohne den jungen Übersetzer an seiner Seite wäre der 68-Jährige bei seinen Recherchen in Polen aber kaum so gut vorangekommen. Am Ende waren sowohl Jürgen Nikolaus als auch Robert Szramke glücklich. Denn der genoss natürlich den Kurzaufenthalt in seiner alten Heimat - auch wenn er sich inzwischen kaum noch vorstellen kann, wieder ständig dort zu leben. Im Gegensatz zu seinen Eltern.

"Die Polen haben einen ganz anderen Familienzusammenhalt."

Gerade sind er und seine Familie wieder von einem Feiertagsurlaub aus Polen zurückgekehrt. Und natürlich, so sagt der 14-Jährige, sei es dort wieder sehr schön gewesen. Das liege aber in erster Linie an den Angehörigen, die dort nach wie vor leben würden, weniger am Land selbst.

"Die Polen", so wissen Elisabeth und Hans Schmidt, "haben einen ganz anderen Familienzusammenhalt als die Deutschen." Aber irgendwie gehören auch sie selbst längst für Robert und Co. zur Familie.