Eine Reise in die Vergangenheit, ein Kunstprojekt, ein neugieriger Student, eine Katze, die einen alten Karton fand und viele Zufälle – Bausteine einer Geschichte, die einen jungen Dänen und eine Gardeleger Familie zusammenführte und sie auf wundersame Weise mit der Vergangenheit konfrontierte. Niels Pugholm kam mit 225 Fotos in die Hansestadt, die der Gardeleger Richard Arndt im Zweiten Weltkrieg in Dänemark gelassen hatte.

Gardelegen. Es ist ein grauer Novembertag, als der Däne Niels Pugholm in Gardelegen ankommt. Er hat den 5-Uhr-Zug von Berlin über Stendal genommen und steigt am unansehnlichen Bahnhof der Hansestadt aus. An den gelben Holzbalken blättert die Farbe ab, Kippen liegen herum, neben dem Schild mit der Aufschrift Gardelegen steht "Scheiße". Der junge Mann ist müde, kennt niemanden, weiß nicht einmal, wen er sucht und wohin er soll. "Was mache ich hier, ich kann kaum Deutsch?" Doch Niels bleibt, und es werden drei Tage in Gardelegen, die das Leben des Dänen und einer Gardeleger Familie auf wunderbare Weise verändern.

"Rimfort, ich habe immer den Namen Rimfort gelesen"

Niels hat eine Kiste mit einem Schatz dabei: 225 Familienfotos und eine Postkarte mit einer Luftbildaufnahme von Gardelegen. Die Feldpost vom 28. Dezember 1939 ist an einen Kraftfahrer der III. Kompanie der Cambrai-Kaserne in Hannover adressiert, Niels kann den Namen des Empfängers nicht lesen. Die Karte ist die einzige Spur, die den 27-jährigen Kunststudenten in die Altmark führt. Dazu kommen die Fotos mit Familienbildern, Aufnahmen von Flugplätzen und abgestürzten Bombern. Er sucht einen Mann in Gardelegen, dessen Leben er nur von 225 Bildern kennt.

Silvester 2009 hatte Niels Pugholm den Karton mit den Fotos bekommen. Ein Freund von ihm hatte die Schachtel in seiner Eigentumswohnung in Kopenhagen gefunden, als sich seine Katze in einer Ecke des Dachbodens verkroch und er sie dort rausholte. Ein kleiner Pappkarton mit 225 Bildern eines deutschen Soldaten. Er schenkte die Fotos Niels, der an der Kunstakademie in Odense studiert. "Du kannst am ehesten was damit anfangen, hat er zu mir gesagt", erzählt Niels.

Der Däne ist geschichtsinteressiert, weltoffen, filmt, fotografiert und zeichnet leidenschaftlich gern. Die Fotos lassen ihn nicht los, unzählige Male sichtet er sie, versucht, die in Sütterlin geschriebene Postkarte zu lesen. "Rimfort, ich habe immer den Namen Rimfort gelesen." Im April 2010 beginnt er zu recherchieren. Er taucht ein in das Leben des Mannes, den er nur von den Bildern kennt.

Im Rahmen seines Studiums will er aus den Fotos einen Film machen. Schnell hat er anhand der Kompanienummer auf der Postkarte im Internet gefunden, dass Rimforts Bataillon von 1940 bis 1945 in Dänemark auf dem Flugplatz von Verløse, etwa 30 Kilometer von Kopenhagen entfernt, stationiert war und danach an die Ostfront kam. Mehr erfährt er nicht über den Deutschen. Anhand der Bilder versucht er, die Familienverhältnisse des jungen Soldaten zu konstruieren: ein Hochzeitsfoto vor einer Kirche – das könnte sein Bruder sein, zumindest sieht er ihm sehr ähnlich. Immer wieder taucht auch ein kleines Mädchen auf, womöglich die Nichte. Auch Rimforts Eltern glaubt Niels auf einigen Fotos zu erkennen.

Der Däne dreht den Film über Rimfort, dessen Familie, seine Erlebnisse. "Ich habe mit den Fotos eine Story kreiert, ich habe sie mir ausgedacht", sagt der Student. In dem Film mit dem Titel "Røver og Soldater" – übersetzt "Räuber und Soldaten" – kommt auch Niels´ eigenes Leben vor sowie Gardeleger Geschichte: das Massaker an der Isenschnibber Feldscheune 1945, auf das der Student bei seinen Recherchen über die Hansestadt gestoßen war. Es ist ein berührender, fantasievoller Kurzfilm – elf Minuten lang.

"Mein Freund und ich haben immer gegen die Nazis gekämpft"

Als kleiner Junge hat Niels mit seinem Freund immer Räuber und Gendarm gespielt, "wir haben immer gegen die Nazis gekämpft", erzählt er. Niels in Uniform, Niels mit einem Helm der Wehrmacht auf dem Kopf. "Der war von meinem Onkel, und ich habe mir immer vorgestellt, dass er einen deutschen Soldaten getötet und den Helm mitgenommen hatte." Die wahre Geschichte ist weitaus unspektakulärer: Der Helm wurde einst bei der dänischen Feuerwehr benutzt, so kam er in die Werkstatt von Niels´ Onkel. Es ist die Mischung aus realen Fotos und Filmsequenzen, Zeichnungen von Niels Pugholm, deutscher Geschichte und der Fantasie eines Künstlers, die den Film sehenswert macht.

Im Juni 2010 beendet Niels seine Recherchen, sein Projekt ist erfolgreich abgeschlossen. Doch Rimfort lässt ihn nicht los. Hat der junge Deutsche den Krieg überhaupt überlebt? Im September entscheidet er, dass er Gardelegen besuchen will: "Ich wollte einfach sehen, was passiert." Dreimal versucht er, vor seinem Besuch im Gardeleger Museum anzurufen, schreibt E-Mails, bekommt keine Antwort – und doch fährt er nach Gardelegen.

Mit seiner Freundin Marie hat er ein paar Tage in Berlin verbracht und kommt nun mit den Fotos in die Stadt, aus der Rimfort 1939 die Postkarte erhielt. Vom Bahnhof aus geht er in die Innenstadt, auf der Suche nach dem Stadtmuseum, wo er hofft, Antworten auf so viele Fragen zu finden. Das Museum ist geschlossen, Niels ist ratlos. Da sieht er die Touristinformation im Rathaus. Mitarbeiterin Gabriele Jülichs hat gleich eine Idee, wer ihm helfen könnte: Anette Bernstein vom Kultur- und Denkmalpflegeverein und Wally Schulz, die frühere Museumsleiterin.

Wenige Stunden später sitzen die zwei Frauen mit dem Dänen und den 225 Fotos am Tisch und sichten. Und da passiert das Unglaubliche: "Den kenne ich, das ist Richard Arndt", sagt Anette Bernstein, als sie ein Porträtfoto des jungen Soldaten in der Hand hält. Niels ist fassungslos, er hat einen richtigen Namen, einen Mann, den es in Gardelegen tatsächlich gab. Es beginnen aufregende Stunden. Aus seinem Rimfort wird für Niels Pugholm Richard Arndt, geboren am 26. März 1921. Ein Mann mit Ehefrau, drei Kindern und Beruf.

Anette Bernstein arbeitete zu DDR-Zeiten im LIW, Richard Arndt war dort als Technologie-Abteilungsleiter, als ihr Chef, tätig. Bernstein kennt auch eine der zwei Töchter von Richard Arndt, Doris Lauenstein, die in einer Gardeleger Apotheke arbeitet.

In einer ruhigen Ecke der Apotheke zeigt der Däne am nächsten Tag Doris Lauenstein die Fotos: Die 56-Jährige erkennt sofort ihren Vater Richard, das Hochzeitsfoto ihres Onkels Otto und ihrer Tante Lucie vor der Nikolaikirche, ihre Cousine Inge als kleines Mädchen, ihre Großeltern Genoveva und Wilhelm Arndt und das damalige Haus an der Priesterstraße, das heute nicht mehr steht. Tränen laufen über ihre Wangen, als sie die Bilder ihrer eigenen Familie sieht, die der junge Däne mitgebracht hat. "Mein Gott, so viele Fotos, unser Vater hat sie alle mitgenommen", sagt Lauenstein. Es gibt so viele Fragen. Niels Pugholm, der nach Gardelegen kam, um etwas über seinen Rimfort zu erfahren, erkennt, dass er ihn gefunden hat. Doris Lauenstein und ihr Bruder Ralf Arndt können ihm das Leben des Mannes erzählen, dessen Geschichte den Dänen nicht losließ.

Niels macht eine Zeitreise, er möchte möglichst alle Orte in Gardelegen, die auf Rimforts Bildern zu sehen sind, heute fotografieren. Die Nikolaikirche, den Wall. Der Gardeleger Otto Wernicke hilft ihm dabei, die Bilder zu identifizieren, die in Gardelegen gemacht worden waren, auch vom Flugplatz. Anette Bernstein fährt mit ihm zur Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune. Niels ist überrascht und glücklich über die Hilfe, die er von allen Seiten bekommt: "Alle, die ich getroffen habe, waren so offen und neugierig."

"Er hat nicht viel davon erzählt, wie viele aus dieser Generation"

Das Kaffeetrinken bei Doris Lauenstein am nächsten Tag dauert fast fünf Stunden – so viel Staunen über die Fotos und die unglaubliche Geschichte, wie Niels Pugholm an die Fotos auf dem Kopenhagener Dachboden gelangte. Doris Lauenstein hat es gut getan, "dass ich eine Nacht drüber schlafen konnte". Auch Lauensteins Bruder, Ralf Arndt (47), der seinem Vater sehr ähnlich sieht, ist mit seinen zwei Söhnen Patrick (21) und Fabian (14) dazugekommen. Fabian hat seinen Großvater nicht mehr kennen gelernt, Richard Arndt verstarb 1995 in Gardelegen.

Richard Arndts Eltern, Genoveva und Wilhelm, waren aus Polen nach Gardelegen gekommen und lebten in einem Haus an der Priesterstraße. Zuvor hatten sie auf dem Gut Isenschnibbe gewohnt und gearbeitet. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Richard Arndt in Gardelegen, an der Sandstraße in der Werkstatt Brune machte er eine Lehre zum Autoschlosser. Nach dem Zweiten Weltkrieg heiratete er, lebte mit seiner Familie in Oebisfelde und arbeitete in Rätzlingen. Nachdem er seinen Kfz-Meister in der Tasche hatte, absolvierte er ein Ingenieursstudium für Landmaschinentechnik. 1960 zog er mit seiner Familie an die Gardeleger OdF-Straße, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Dass er im Krieg in Dänemark stationiert war, wissen Tochter und Sohn. "Er hat nicht viel davon erzählt, wie viele aus dieser Generation", sagt Ralf Arndt. "Aber Dänemark fand er toll", ergänzt Doris Lauenstein. Und vom Tivoli, Kopenhagens Vergnügungspark, habe er begeistert erzählt. Doris Lauenstein und ihr Mann Klaus-Dieter waren erst im vergangenen Jahr dort, sie machten einen Abstecher dorthin, bevor sie auf Kreuzfahrt gingen. Klaus-Dieter Lauenstein: "Wir hatten einen Tag Zeit und ein Däne, ein junger, netter Mann wie Sie, hat uns mit in die Stadt genommen, eine Stadtführung mit uns gemacht und uns zum Tivoli gebracht." Niels schaut von den Fotos auf: "Eine viertel Stunde ist der Tivoli von der Wohnung entfernt, wo die Fotos waren."

Doris Lauenstein sitzt nachdenklich im Sessel, ihr Blick schweift über die Bilder auf dem Tisch. Viele kennt sie aus den eigenen Familienalben, manche sind schwer zuzuordnen. Etliche zeigen abgestürzte Kriegsflugzeuge. "Er muss das ja alles fotografiert haben", sagt Lauenstein. "Eine gute Kameraausrüstung hat unser Vater besessen", aber später habe er nie eine besonders Leidenschaft fürs Fotografieren gezeigt, sagen seine Kinder. Anhand der Flugzeugkennzeichnungen hat Niels viel recherchiert und über die abgestürzten Maschinen herausgefunden. Und er weiß exakt, wie lange Richard Arndt – immer wieder spricht er von Rimfort – in Dänemark war. Das wissen bis zu diesem Zeitpunkt nicht mal seine Kinder.

Wie die Fotos auf den Kopenhagener Dachboden kamen, bleibt ein Rätsel. Niels Pugholm hat versucht, die alte Dame ausfindig zu machen, die jahrzehntelang in dem Haus lebte, doch sie war kurz vor Beginn seiner Recherchen in einem Seniorenheim verstorben. Doris Lauenstein und Ralf Arndt wissen nur, dass ihr Vater von "einer Helga in Dänemark" erzählt hat. Ob sie Richard Arndt geholfen hat, ihn näher kannte, womöglich die Fotos aufbewahrt hat – alles nur Spekulationen. "Sie kommen 15 Jahre zu spät", sagt Doris Lauenstein lächelnd zu Niels. Ihr Vater hatte nie von den Fotos erzählt, die er mit nach Dänemark genommen hatte.

"Da ist kein Geheimnis mehr, aber auch viel Zufriedenheit"

Es ist ein Nachmittag mit einer Sprachmixtur aus Deutsch und Englisch, es gibt so viele Fragen – und so viele Antworten. Als Pugholm seinen Film zeigt, wieder und wieder unterbricht, um den dänischen Text zu übersetzen, schütteln Doris Lauenstein und Ralf Arndt ihre Köpfe. "Es ist alles so unglaublich, fast ein bisschen unheimlich", sagt Lauenstein, als sie die Familienfotos als Film auf dem Laptop sieht – etwa die Verwandtschaftsverhältnisse in der konstruierten Rimfort-Geschichte, die exakt stimmen. Abstürzende Flugzeuge, erschütternde Szenen vom Massaker an der Feldscheune. "Richards Vater, unser Opa Wilhelm, musste die Leichen mit beerdigen", erzählt sein Sohn Ralf. Die Geschichte ist so nah.

Richards Enkel Patrick hat derweil eine kleine Metallkiste mit Dokumenten seines Großvaters geholt: Sterbeurkunde, seine DDR-Personalausweise, der Führerschein, Fotos vom Meisterstück, die Einbürgerungsurkunde seiner Eltern, dass sie fortan keine Polen, sondern Deutsche sind. Für den jungen Dänen ist es ein Ritt durch die deutsche Geschichte – im Schnelldurchlauf. Deutsches Reich, DDR und fünf Jahre Bundesrepublik, die Richard Arndt erlebt hat. "Ein ganzes Leben in dieser kleinen Kiste", sagt Niels.

Er fotografiert einige Dokumente, schaut sich die Fotos des alten Richard Arndt an: "Es ist so verrückt, er hatte ein reales Leben." Er sei so erleichtert gewesen, als er begriffen habe, dass Rimfort die Ostfront überlebt habe. "So erleichtert", wiederholt er. Der 27-Jährige kann seine Gefühle noch nicht ganz ordnen. Er ist nach Gardelegen gekommen, hat seinen Rimfort gesucht und Richard Arndt und dessen Familie gefunden. Nun empfindet er Leere: "Da ist kein Geheimnis mehr, aber auch viel Zufriedenheit."

Im Dezember wurde der Film von Niels Pugholm in einer großen Kopenhagener Galerie, gemeinsam mit den Werken anderer Künstler, gezeigt. "Meine erste richtig große Ausstellung", sagt er stolz. Sein Rimfort-Projekt ist vorerst beendet. "Nach Gardelegen will ich aber trotzdem noch einmal kommen. Es war eine großartige Reise für mich", sagt er.

Die Kiste mit den Rimfort-Fotos hat Niels inspiriert, auch einen Pappkarton voller Fotos zu packen. Mit Bildern seiner Eltern, Geschwister, dem Onkel mit dem Wehrmachtshelm, der an der dänischen Küste lebt, fröhliche Feierfotos von der Kunstakademie. Die Kiste steht nun auf dem Dachboden bei Lauensteins, die sie gerne genommen haben. "Vielleicht fängt ja in 60 Jahren jemand an, herauszufinden, wer da auf den Fotos zu sehen ist", hofft Niels.

 

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