Gardelegen (gb) l Die Colbitz-Letzlinger Heide stand am Freitagabend in der Gardeleger Bibliothek im Mittelpunkt eines Vortrages von Karl-Ulrich Kleemann. Der Letzlinger stellte dort auf Einladung des Bibliotheksfördervereines sein gleichnamiges Buch vor. Ganze zwei Stunden lang nahm er die Besucher mit auf eine virtuelle Entdeckungsreise durch ein Gebiet, das derzeit schließlich nicht mal einfach so erkundet werden kann: Denn immerhin zwei Drittel der Heide gehören zu einem Truppenübungsplatz der Bundeswehr, der Zivilpersonen im Normalfall versperrt bleibt.

"Die Heide ist eben nicht eben. Das merken Sie, wenn Sie mit dem Rad unterwegs sind."

Kleemann indes geht - mit Genehmigung der Verantwortlichen - seit vielen Jahren genau dort immer wieder auf Spurensuche. Wo heute Panzer fahren, blühte nämlich einst das Leben, gab es Dörfer, deren Namen heute niemand mehr kennt. Staunend erfuhren die rund 30 Besucher von Ansiedlungen wie Schönfeld, Cibow, Lubenitz oder Sahle, die südlich von Letzlingen existierten. An das nördlich gelegenen Klätsch erinnert heute immerhin noch der Klätschweg im Heidedorf - andere sind bereits vollkommen in Vergessenheit geraten.

Doch Kleemann erweckte sie am Freitagabend wieder ein Stück weit zum Leben. So ließ er die Zuhörer mal einen Blick in den einstigen Brunnen und den - immer noch vorhandenen - Dorfteich von Schönfeld werfen, nahm die Gäste mit an den Lubenitzer Sol, wanderte mit ihnen auf dem Königsweg entlang und ließ mithilfe alter Fotos und wunderschöner Zeichnungen eines ehemaligen Bewohners schließlich das Heidedorf Salchau wieder auferstehen, das erst Mitte der 1930er Jahre im Heidesand verschwand, nachdem dessen rund 350 Einwohner umgesiedelt worden waren.

Anhand von Fotos aus verschiedenen Zeiten - von der vergilbten Postkarte bis hin zu Aufnahmen, die erst wenige Tage alt waren - machte Kleemann aber auch auf viele andere Besonderheiten im Heidegebiet aufmerksam.

Dazu hatte er umfangreiches Kartenmaterial zusammengestellt. Und es ging stets bergauf. "Die Colbitz-Letzlinger Heide ist eben nicht eben", wie Kleemann versicherte. "Das merken Sie, wenn Sie mit dem Rad unterwegs sind." Was die Radler aus der Puste kommen lässt, erfuhren die Besucher natürlich auch. Neben dem Zackelberg als höchster Erhebung gibt es dort nämlich auch klangvolle Hügel wie Dollberg, Weinberg Backofenberg oder gar einen Blauen Berg.

"Der Altarstein ist nach einer Kunkelei zwischen den Russen und den Wessis verschwunden"

Und die Reise ging am Freitag auch über Stock und Stein. Besonders um letztere rankten sich wiederum spannende Geschichten. Mancher Stein stellte sich nämlich als nicht mehr ganz vollständig heraus. Vom sogenannten Backenstein, einem riesigen Heidefindling von mehreren Metern in den Abmaßen, wurden laut Kleemann nämlich einige Meter abgesprengt, um daraus zwei Grabsteine für zwei hochwohlgeborene Herren aus dem Geschlecht von Lüderitz zu fertigen. Ein weiterer Findling, der sogenannte Altarstein, sei wiederum vermutlich kurz nach der Wende "einer Kunkelei zwischen Russen und Wessis" zum Opfer gefallen und daraufhin verschwunden.

Zuweilen wurde die Reise durch die Colbitz-Letzlinger Heide dann fast so spannend wie ein Krimi. Denn Kleemann präsentierte den Gästen auch so geschichtsträchtige wie blutige Details wie den Gedenkstein für den Förster Herrmann Kruse, den mitten in der Heide einst "ein Wilddieb von hinten erschoss", oder auch jenen für den tapferen Brandhelfer Fritz Pieper, der im Jahr 1900 beim Löschen eines Waldbrandes in der Heide getötet wurde.

Neben einem kräftigen Applaus und einem kleinen Präsent des Fördervereines nahm Kleemann am Freitag viel Lob mit nach Hause und dazu einen Tipp: So manches Thema - das hatte er während seiner Ausführungen immer wieder beteuert - würde nämlich allein einen ganzen Abend füllen. "Dann machen Sie einfach bald nochmal einen Vortrag", gab ihm daraufhin eine Besucherin mit auf den Weg. Eine Bitte, die sich Kleemann sicher zu Herzen nehmen wird.