Ein bisschen staatstragend war das schon: Pünktlich um Mitternacht, zum Jahreswechsel, holte Bürgermeister Heinz Baldus zu den Klängen des Großen Zapfenstreiches die Jävenitzer Fahne vor dem Rathaus der Gemeinde ein. Genau zu diesem Zeitpunkt hörte die Gemeinde auf zu existieren. Denn seither ist Jävenitz wie 18 andere Gemeinden der VG Südliche Altmark auch ein Ortsteil der Hansestadt Gardelegen.

Jävenitz. Zunächst ist alles wie immer, wenn sich das Jahr in Jävenitz dem Ende neigt. Mal wieder brennt der Altkleidercontainer, die Gemeindewehr unter Führung von Gemeinderat Andreas Kuschfeldt rückt aus und löscht.

Doch der Abend ist ein besonderer. Es ist der letzte Abend, an dem die Gemeinde Jävenitz existiert. Der jahrelange Kampf um die Fortführung der Selbstständigkeit und gegen die Gebietsreform der Landesregierung ist verloren – zunächst mal jedenfalls.

Denn Jävenitz kämpft weiter. 20 000 Euro hat der Rat für Heinz Baldus zur Verfügung gestellt. Der Gemeindebürgermeister, der seit dem 1. Januar, 0 Uhr, kein Gemeindebürgermeister mehr, sondern Verweser der gewesenen Gemeinde ist, soll das Geld einsetzen für den Kampf gegen die verhasste Reform. Jävenitz soll wieder selbstständig werden.

Doch erstmal sollte es einen stilvollen Abschied von der Eigenständigkeit geben, von einer ruhmreichen Geschichte, die ins Jahr 1291 zurückreicht. Davon künden die vielen Taler, die in einer Plastiktüte auf dem antiken Schreibtisch des Ortschefs liegen. Der Rat hat die Münzen pressen lassen, für die Bürger, als Erinnerung an damals, als alles noch gut war. Auch Innenminister Holger Hövelmann hat vor wenigen Tagen von Baldus einen der einstige geprägten silbernen Taler erhalten – und brav die Schutzgebühr von einem Cent bezahlt. Denn umsonst durften die Jävenitzer die Münzen nicht verschenken, hatte die Kommunalaufsicht beschieden. Hövelmann ist ihr oberster Vertreter.

Neben dem Beutel steht, wie immer, der Jävenitzer Hirsch, das Wappentier der Gemeinde. Ein Zwillingsbruder davon hat schon längst Einzug ins Gardeleger Rathaus gehalten und steht dort auf dem Schreibtisch von Bürgermeister Konrad Fuchs. Der war einst Vorgänger von Baldus und bekam das Tier vom Rat als Abschiedsgeschenk. Nun ist Fuchs wieder Bürgermeister von Jävenitz, von Jävenitz, dem Ortsteil.

Ein historischer Säbel liegt auch auf Baldus‘ Schreibtisch, doch heute bleibt es friedlich. Noch ist etwas Zeit bis Mitternacht. Baldus ist schon da, hat schon Kaffee gekocht.

Gemeinderat Manfred Loos kommt, wie Baldus ein Freund Preußens und preußischer Marschmusik. Aus seiner Jackentasche fingert Loos eine CD mit preußischen Märschen – auch der Zapfenstreich ist dabei. Loos will ihn gern hören, wenn seine Gemeinde aufhört zu existieren.

Baldus hält die beiden Siegel der Gemeinde in der Hand. "Die Siegelordnung schreibt nicht vor, was damit in einem Fall wie diesem passieren soll", erklärt Baldus Loos. Und deshalb "verbringe ich als Lordsiegelverwahrer die Siegel in den Tresor meines Daimlers und später daheim in den Waffenschrank." Die Siegel dürfe ja kein anderer führen als er, erklärt Baldus. Naja, später würden sie wohl in die Sammlung des Heimatvereines übergehen, sinniert der Bürgermeister über die Zeit danach.

Die Siegel sind im Daimler, die Fenster des Büros werden geöffnet, Mitternacht naht. Loos hantiert am CD-Player, bringt ihn am Fenster in Stellung. Loos drückt die Play-Taste: Zapfenstreich marsch.

Draußen warten schon einige Bürger, die den Augenblick des Abschiedes miterleben wollen. Als erstes setzt Baldus die Deutschlandfahne auf Halbmast. Ein trauriges Ereignis braucht angemessene Beflaggung.

"Das ist heute kein freudiger Anlass, deshalb gibt es auch keinen Sekt"

Am anderen Fahnenmast flattert noch die grün-gelbe Gemeindefahne mit dem Hirschkopf im kalten Dezemberwind. Stückchen für Stückchen sinkt sie nieder. Einige Bürger machen Erinnerungsfotos. Manfred Loos und Andreas Kuschfeldt haben Position am Rathaus bezogen, den Blick auf die Fahne. Matthias Henke, ebenfalls Gemeinderat, geht Baldus zur Hand – und überreicht ihm anschließend die Fahne zur Verwahrung für die nächsten Jahre. Irgendwann soll sie wieder über dem selbstständigen Jävenitz wehen.

Über Jävenitz knallen die ersten Raketen. "Das ist heute kein freudiger Anlass, deshalb gibt es auch keinen Sekt", sagt Baldus, seit wenigen Minuten Verweser, den Anwesenden. Doch im Gemeindebüro gebe es Bier und Schnaps.

Und warm ist es dort auch, Einige Bürger kommen mit. Einen Grappa auf die untergegangene Gemeinde. Prost. Die Gemeindefahne liegt etwas achtlos über der Lehne des einstigen Bürgermeisterstuhles. Baldus darf sie mit nach Hause nehmen. Das habe der Rat so beschlossen, sagt Manfred Loos.

Und beschlossen sei auch, dass der Heimatverein ab sofort für Küche, Bürgermeisterbüro und Sitzungssaal das Nutzungsrecht habe. "Die gehören dem Heimatverein", erklärt Baldus. Das gelte auch für das Mobilar. Es gebe einen Nutzungsvertrag.

So einfach bekommt Gardelegen sein Rathaus nicht.

Eine gute halbe Stunde ist vergangen in Jävenitz im ersten Jahr als Ortsteil. Die Bürger sind weg, Baldus ist noch da. Irgendwo wird noch geballert. Auf Halbmast kann die Deutschlandfahne vorm Rathaus nicht hängen bleiben. Baldus holt sie vom Mast. Nicht nur Jävenitz geht heute Nacht unter.

Doch am Montag wird Verweser Baldus schon im Dienste der einstigen Gemeinde tätig werden. Er muss Hövelmanns Cent einzahlen. Bar, bei der Stadtkasse. "Sonst ist ja der Kaufvertrag ungültig", erklärt er. Und fragt: "Wo ist eigentlich die Stadtkasse?"