Sie ist die dienstälteste Ortsbürgermeisterin von Sachsen-Anhalt und vielleicht sogar von ganz Deutschland. Heute vor 47 Jahren hat Anni Schulz ihr Amt übernommen. Zugleich feiert sie heute auch ihren 75. Geburtstag.

Wernstedt l "Wenn ich so zurückschaue, dann denke ich, dass ich vieles noch einmal so machen würde. Ich würde ganz sicher wieder in die Kommunalpolitik gehen - auch wenn ich mir das am Anfang überhaupt nicht vorstellen konnte", sagt Wernstedts Ortsbürgermeisterin Anni Schulz, die heute ihren 75. Geburtstag feiert.

Und das ist ein perfekter Anlass, um die Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Denn der von Schulz beschriebene "Anfang", der liegt heute auf den Tag genau 47 Jahre zurück. Am 1. April 1967 übernahm sie in Wernstedt das Bürgermeisteramt. Bis heute steht sie an der Spitze der Ortschaft, kandidiert nun sogar ein weiteres Mal für deren Rat.

"Damals war ich die jüngste Bürgermeisterin im ganzen Bezirk Magdeburg. Heute bin ich die dienstälteste Ortsbürgermeisterin in Sachsen-Anhalt", sagt Anni Schulz nicht ganz ohne Stolz. Stolz ist sie aber vor allem auf das, was sie in den zurückliegenden 47 Jahren für ihr Heimatdorf und dessen Bewohner erreicht hat. "Man hatte damals wie heute durchaus Möglichkeiten. Man musste sie nur nutzen. Und ich bin dabei immer ein bisschen nach dem Motto ,Mit Schirm, Charme und Melone´ vorgegangen. So kam ich oft ans Ziel", sagt die Jubilarin, die auch dafür bekannt ist, nicht lange um den heißen Brei herumzureden, sondern anzupacken.

Als die gelernte Sekretärin 1967 mit der Arbeit als Bürgermeisterin begann, war das in dieser Form jedoch noch nicht abzusehen. "Wernstedt war damals das am schlechtesten entwickelte Dorf im Kreis Kalbe", sagt Anni Schulz.

Wenn sie nur an den damaligen Zustand der Dorfstraße zurückdenkt, schüttelt es sie nach wie vor. Und es sollte lange dauern, bis sie und der Gemeinderat beim Kreis erreichen konnten, dass diese Straße endlich ausgebaut wird.

"Wenn ich mir das heute so überlege, dann war das eigentlich mein größter Erfolg."

"Wenn ich mir das heute so überlege, dann war das eigentlich mein größter Erfolg. Mindestens 20 Jahre habe ich darauf hin gearbeitet", sagt Anni Schulz rückblickend. Aber auch die Tatsache, dass Wernstedt einst zum Beispiel in punkto Abwasserentsorgung oder in punkto Dorferneuerung eine Art Vorreiterrolle in der Region einnahm, freut sie noch immer. Und es macht sie stolz, dass es mithilfe einer Petition gelungen ist, die Landesstraßenbaubehörde davon zu überzeugen, dass mit dem Ausbau der viel befahrenen Wernstedter Bahnhofstraße nicht mehr länger gewartet werden kann. Geplant war dieser nämlich noch nicht für 2014. Insofern ist es ein zusätzliches Geburtstagsgeschenk für Anni Schulz, dass heute die Submission für die Großbaumaßnahme stattfindet. Und das ist kein Aprilscherz. Schon ab Mai soll dann unter Vollsperrung gebaut werden.

"Man wird ja immer an dem gemessen, was man macht und nicht an dem, was man sagt." Das ist Anni Schulz´ Leitspruch. Dass das Leben bei all ihrer kommunalpolitischen Arbeit an ihr vorbeigerauscht sei, so wie es mancher behauptet, das empfindet sie ganz und gar nicht so. Natürlich sei es nicht immer einfach gewesen, eigene Interessen zurückzustellen und die Familie allein zu lassen, weil mal wieder irgendwelche Versammlungen oder andere wichtige Termine anstanden. "Zu DDR-Zeiten war es besonders schlimm. Da war ich abends sehr oft unterwegs", sagt Anni Schulz. Doch ihr Mann Gerhard, mit dem sie seit 1961 verheiratet ist, hat ihr stets den Rücken freigehalten und sie auch bei der Erziehung der gemeinsamen Tochter tatkräftig unterstützt. Die lebt heute mit ihrer Familie in Sachsen, kommt aber so oft es geht nach Wernstedt, um die Eltern zu besuchen.

Besonders stolz ist Anni Schulz auch auf ihre zwei Enkeltöchter. Beide haben studiert und stehen inzwischen in der Berufswelt ihre Frau. Und beide pflegen ein sehr inniges Verhältnis zu ihren altmärkischen Großeltern.

Diese unternehmen besonders gern Tagesreisen. Ansonsten ist sie in ihrem Heimatdorf und dessen Umgebung anzutreffen. "Im Frühjahr und Sommer fahre ich Fahrrad. Im Herbst und im Winter mache ich Nordic Walking", sagt sie. Das hält die Ortsbürgermeisterin fit. Aber auch die Tatsache, dass sie immer noch eine Aufgabe hat, zwingt sie geradezu dazu, in Bewegung zu bleiben - auch wenn sich Anni Schulz inzwischen durchaus auch ein Leben ganz ohne Kommunalpolitik vorstellen kann.

Doch den Ausbau der Wernstedter Bahnhofstraße habe sie unbedingt noch erreichen wollen, sagt sie. Dass sie nun ein weiteres Mal kandiert, liege zudem daran, dass sie (noch) nicht möchte, dass ihr Heimatdorf, so wie Bühne oder Vahrholz, Kalbe zugeschlagen wird. Genau das würde aber passieren, wenn sich kommunalpolitisch nichts mehr im Ort bewegen würde.

"Ich befürchte, dass die Altmark irgendwann zu einem weißen Fleck werden könnte."

Dennoch könne niemand die Augen vor der demografischen Entwicklung verschließen. Das habe sie schon früh erkannt und deshalb auch die Gründung der Großgemeinde Kalbe unterstützt, in die auch Wernstedt eingegliedert wurde und aus der später die Einheitsgemeinde Kalbe hervorgegangen sei. "Als ich als Bürgermeisterin angefangen habe, da gab es in Wernstedt rund 370 Einwohner. Inzwischen sind es nur noch rund 180. Ich befürchte, dass die Altmark irgendwann zu einem weißen Fleck werden könnte", sagt Anni Schulz. Dabei lebe es sich in der Region doch so schön. Anni Schulz hat sie nie verlassen. Sie stammt aus Wartenberg bei Bismark, ist also eine waschechte Altmärkerin und hat es nie bereut, hier geblieben zu sein.